NEUENDORF

Ein Dorf bald ohne Geschäft

Vergangenheit: Über fünf Jahrzehnte stand Franz Schuster in der Backstube.

Jetzt ist es soweit. Franz und Irmhilde Schuster sperren zu. Zum 31. März schließen sie ihre Bäckerei mit Lebensmittelladen für immer und Neuendorf wird seine letzte Einkaufsmöglichkeit verlieren.

Dass „der Bäck“ früher oder später aufhören würde, war im Ort schon seit knapp zwei Jahren bekannt. Dass nun alles so schnell geht, kam dennoch überraschend. Am vergangenen Sonntag haben Franz und Irmhilde Schuster die Schilder in die Schaufenster gestellt: „Ausverkauf“. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im 832 Einwohner zählenden Ort.

Der Backofen in Schusters Backstube muss das nahende Aus geahnt haben. Er quittierte am vergangenen Donnerstag nach 32 Jahren mit einem lauten Knall seinen Dienst. „Da war klar: das war's“, sagt Franz Schuster. Um eine Reparatur habe er sich erst gar nicht mehr bemüht.

Doch der Defekt des Ofens ist nicht der Grund dafür, dass der 64-Jährige und seine 68-jährige Frau nun aufhören. Vielmehr sind es gesundheitliche Probleme, das Alter und in gewisser Weise auch der Wandel im Einkaufsverhalten. Die Discountmärkte auf der grünen Wiese haben Dorfläden wie dem der Schusters das Wasser abgegraben.

„Nach der Bahn, der Post und der Bank sind wir jetzt die Letzten“, beschreibt Schuster das einst mit der Schließung des Bahnhofs begonnene Ausbluten der Neuendorfer Infrastruktur. Die fehlende wirtschaftliche Perspektive hat auch Schusters Sohn, selbst Bäckermeister und Konditor, davon abgehalten, das Geschäft der Eltern fortzuführen. Er zog eine Anstellung in einer Großbäckerei vor. Eine Entscheidung, die ihm die Eltern nicht verdenken können.

„Auf den Dörfern lohnt sich nichts mehr“, sagt Franz Schuster. Mindestens die Hälfte der Bäcker habe Nachwuchsprobleme, gibt der Mann, der selbst über 50 Jahre in der Backstube stand, das wieder, was ihm Berufskollegen aus dem Landkreis erst am Dienstag bei einem Treffen geschildert haben.

Als Franz Schuster vor 43 Jahren das Geschäft in Neuendorf von seinem Onkel übernahm, war diese Entwicklung noch nicht absehbar. 1982 entstand der Neubau in der Frankenstraße. Doch spätestens um die Jahrtausendwende kam der Wandel. Schuster spricht von einem stetig sinkenden Umsatz.

Als feststand, dass es keine Nachfolge geben wird, und dann auch noch die gesundheitlichen Probleme dazukamen, entschieden sich die Schusters vor zwei Jahren, dass große Geschäftshaus zu verkaufen. Nun haben sie einen Käufer gefunden.

Allerdings wird die rund 300 Quadratmeter umfassende Fläche im Erdgeschoss künftig nicht mehr gewerblich genutzt, sondern für private Zwecke. Das Ehepaar Schuster wird in den Obergeschossen des Hauses als Mieter wohnen bleiben. „Hier bin ich daheim“, ist Franz Schuster angesichts eines Augenleidens froh, sich nicht auf neue Wohnräume einstellen zu müssen.

Ohnehin hat sich das Ehepaar für die Zeit nach der Geschäftsaufgabe erst einmal die Pflege der Gesundheit ins Programm geschrieben. „Man schiebt so vieles vor sich her“, beschreibt der Bäckermeister die Folgen des jahrzehntelangen intensiven Arbeitsalltags.

„Auf den Dörfern lohnt sich nichts mehr.“
Bäckermeister Franz Schuster zum strukturellen Wandel

Auch auf „mehr Zeit fürs Private“ hoffen er und seine Frau jetzt. Schuster selbst freut sich darauf „jetzt mal am Abend ein Fußballspiel im Fernsehen schauen zu können“. In den vergangenen Jahrzehnten sei das nicht möglich gewesen. Da war die abendliche Tagesschau das Betthupferl, um mitten in der Nacht den Dienst in der Backstube antreten zu können.

Dass nun bald Schluss sein wird, erfüllt die Schusters bei aller Erleichterung auch mit Wehmut. Der Kontakt mit der Kundschaft werde sicher fehlen, blickt Irmhilde Schuster in die Zukunft. Der Laden war in der Tat stets so etwas wie die Kommunikationszentrale im Dorf. „Wir waren 40 Jahre mit dem Geschäft und dem Ort verbunden“, blickt Franz Schuster zurück. Dennoch sei er nun froh, dass der Schlusstermin steht und die Räumung des Ladens begonnen hat. Die Regale haben sich schon ordentlich geleert. Das gesamte Inventar wird verkauft. Gerade für die Geräte aus der Backstube haben sich schon Interessenten gemeldet.

Dass sich in Neuendorf irgendwann ein von bürgerlichem Engagement getragener Dorfladen etablieren wird, glaubt Schuster nicht. Dazu sei die Gemeinde zu klein und der Weg zu den Einkaufsmärkten in Gemünden und Lohr zu kurz.

Neuendorfs Bürgermeister Karlheinz Albert schätzt die Lage genauso ein. Die Tatsache, dass die Gemeinde mit Lebensmittelladen und Bäckerei nun eine weitere wichtige Einrichtung verliere, sei „tragisch“ und sicher ein Standortnachteil.

Die Gemeinde selbst könne jedoch „keinen Laden eröffnen“, sondern bestenfalls eine Initiative fördern, wenn diese von Bürgern ergriffen werde. Angesichts der verbrauchermarktnahen Lage und der Einwohnerzahl glaube er jedoch nicht, dass es eine solche Initiative geben werde, so Albert.

Die Regale haben sich geleert: Mit Wehmut und Freude blicken Irmhilde und Franz Schuster auf den 31. März. Dann wird das Ehepaar das Geschäft, das es seit 43 Jahren in Neuendorf betreibt, schließen. Danach wird die letzte Einkaufsmöglichkeit im Ort Geschichte sein. Foto: Johannes ungemach

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