MARKTHEIDENFELD

Ein Film, der unter die Haut geht

Vor der Kino-Leinwand: Regisseurin Karin Kaper und Heribert Felbinger, Vorsitzender des Städtepartnerkommitees. Foto: Martin Harth

Städtepartnerschaften dürften sich nicht in Kulinarischem und Folklore erschöpfen, meinte Heribert Felbinger am Montagabend im Marktheidenfelder Kino Movie. Es gehe auch darum, Vergangenes wahrzunehmen, Probleme zu thematisieren und gemeinsam eine bessere Zukunft bauen.

Wofür könnte diese Aussage eher gelten, als für das Verhältnis der beiden Nachbarländer Deutschland und Polen sowie für die Städtepartnerschaft von Marktheidenfeld und Pobiedziska. Deshalb hatten Städtepartnerschaftskomitee und Filmforum der Volkshochschule die Berliner Filmemacherin Karin Kaper zu einer Vorstellung ihres sehr persönlichen Dokumentarstreifens „Aber, das Leben geht weiter“ eingeladen. Sie setzt sich damit mit den Themen Flucht und Vertreibung am Abend des polnischen Unabhängigkeitstags auseinander.

Die Geschichte einer Familie

Überraschend viele Gäste waren zur Vorstellung gekommen und sie erlebten einen sehr bewegenden Film, in dem erster Linie Frauen mit der subjektiven Sicht ihrer Familiengeschichte zu Wort kommen. Für etwa ein Jahr hatte 1945 das Schicksal eine deutsche Familie und eine polnische Familie auf einem Bauernhof im niederschlesischen Dorf Niederlinde (heute Platerówka) zusammengeführt.

Kapers Mutter Ilse und ihre Tante erzählen lebendig vom Leben in der NS-Zeit, vom Krieg, der heranrückenden Roten Armee, von Angst und freiwilligen, aber gescheiterten Fluchtversuchen sowie vom kurzen Zusammenleben mit den neuen polnischen Besitzern auf dem heimischen Hof. Schließlich sollte die folgende Vertreibung aus der Heimat in Norddeutschland bei Bremen enden.

Diesem Schicksal wird im Film ein in Deutschland weit weniger geläufiges Vertreibungsdrama, das einer Familie aus Ostpolen, entgegengesetzt. Als Hitler und Stalin Polen 1939 zerschlugen, wurde die Familie von Edwarda Zukowsky in die Sowjetunion deportiert. Der Weg führte bis nach Sibirien und Kirgistan. Die junge Frau schloss sich später einer polnischen Einheit der Roten Armee an und ihre Familie erhielt nach der deutschen Niederlage genau jenen Bauernhof in Niederlinde als neue Heimstätte. Bis Juni 1946 lebten beide Familie dort, distanziert, aber mit menschlichem Umgang.

Der Film erzählt auch von den beiden Besuchen von Ilse Kaper, ihrer Schwester und Tochter Karin bei Edmunda Zukowsky, deren Tochter und Enkelin im polnischen Platerówka. Kapers Er verzichtet auf jegliche historische Einordnung und politisch korrekte Kommentierung. So geht er unter die Haut – vor allem bei Menschen, die noch eigene Erinnerung an die Vertreibung haben, wie das Gespräch im Movie zeigte.

Die Stärke des Films kann auch als dessen Schwäche betrachtet werden, wurde in der von Leonhard Scherg moderierten Diskussion deutlich. Ohne Kommentierung kann jeder diesen Film so sehen, wie er ihn eben gern sehen möchte und dabei auch eigene Vorurteile bestätigen. Es ist deshalb gut, dass Kaper ihren Film, so oft es eben geht, begleitet und sich dem Gespräch stellt.

In Marktheidenfeld stellte sich jedenfalls Zufriedenheit darüber ein, sich mit dem Thema Vertreibung offen auseinandersetzen zu können, ohne sich gleich dem Vorwurf des Revanchismus verdächtig zu machen. Darunter hatten gerade viele frühere Vertriebene, die in ihrer neuen Heimat oft einen schwierigen Start hatten, oft gelitten.

Die intensive Debatte zeigte weiterhin, wie nötig das Gespräch über Vergangenes, Gegenwart und sicherlich auch Zukunft innerhalb Europas ist. Umso weniger Deutsche polnisch sprechen, umso wichtiger seien wiederholte Begegnungen. In dieser Botschaft war sich das Städtepartnerschaftskomitee mit Kaper einig.

Karin Kaper

Geboren 1959 in Bremen, machte sie nach dem Abitur eine Schauspielausbildung. Danach arbeitete sie in Berlin und München unter anderem als Mitbegründerin des ZATA-Theaters. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Sri Lanka entstand ihr Dokumentarfilm „Die letzte Mahadevi“ (2000). Er fand wie weitere folgende Filmdokumentationen große Anerkennung in der Fachwelt und beim Publikum. 2004 gründete sie einen Eigenverleih in Berlin. Den 2011 fertig gestellten Dokumentarfilm „Aber das Leben geht weiter“ drehte sie zusammen mit dem Berliner Dokumentarfilmer Dirk Szuszies.

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