WÜRZBURG/RETZBACH

Einblick in die Welt der Kaffeefahrten

Festung oder Residenz haben sie nicht einmal von Weitem gesehen: Eigentlich wollten sich die Teilnehmer an einer von einem angeblichen „Förderverein historisches Würzburg“ angebotenen Tagesfahrt im September 2011 nach Würzburg einen schönen Tag machen. Statt dessen landeten sie in einem Hotel in Retzbach und bekamen unter anderem unglaublich billige Reisen angeboten. Strafbare Werbung und gewerbsmäßigen Betrug legt die Staatsanwaltschaft einem 38-Jährigen aus Norddeutschland zur Last, der bei den Kaffeefahrten für den Verkauf der Reisen zuständig war und sich deshalb vor dem Amtsgericht verantworten muss.

Nicht nur durch seine Angaben im Prozess, auch durch Gespräche mit Geschädigten in den Verhandlungspausen gab der 38-Jährige einen Einblick in die Welt der Kaffeefahrten. Nur 69 Euro sollten seine potenziellen Kunden für Reisen nach Hamburg, Kroatien oder die Türkei bezahlen. Bei diesen so genannten „Null-Reisen“, die außerhalb der Saison in die Urlaubsgebiete stattfinden, werde dann von den Reisenden erwartet, auch am Urlaubsort an Verkaufsveranstaltungen teilzunehmen. „Dazu sind sie aber nicht verpflichtet“, sagte er zu drei erbosten Frauen im Zuschauerraum.

Mit der Einladung zu der Kaffeefahrt, strafbar nach dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, habe er nichts zu tun: „Das läuft bundesweit über Agenturen“, so der 38-Jährige, der nach eigenen Angaben inzwischen aus dem Kaffeefahrt-Geschäft ausgestiegen ist und als Lkw-Fahrer arbeitet. Die so genannten „Warensprecher“, die die eigentliche Verkaufsveranstaltung durchführen, bezahlen der Agentur pro Teilnehmer bis zu 70 Euro. Nach Auffassung des Angeklagten verdienen sich mit den meisten Kaffeefahrten immer die gleichen Leute eine goldene Nase: „Alle aus dem Raum Oldenburg“.

Einzelgespräche in Retzbach

Dorthin brachte er auch jede Woche die gesammelten Einnahmen der verkauften Reisen. Der 38-Jährige will mit dem Rest der Bande – in Retzbach waren bis zu fünf Personen dabei – nichts zu tun haben: Er sei lediglich als so genannter „Reisesprecher“ gebucht worden, der den Kunden im zweiten Teil der Veranstaltung die Billig-Reisen schmackhaft machen sollte. Diese Zeit haben die anderen Beteiligten genutzt, um einzelne Teilnehmer in Einzelgesprächen im Nebenraum über den Tisch zu ziehen. Mit verschiedenen Angeboten „versuchen diese Leute herauszufinden, ob bei dem Kunden etwas zu holen ist“, erläuterte der Angeklagte.

So geschehen in Retzbach im Fall eines heute 73-jährigen Rentners, dem die Täter sogar ein kurzfristiges Darlehen in Höhe von 3000 Euro abschwatzten. Bei dem Angeklagten hat der Rentner außerdem Reisen für 450 Euro gebucht: „Als ich das Geld zurückholen wollte, gab es die Firma gar nicht mehr. Es war alles von Anfang bis Ende auf Betrug aufgebaut.“ Das Mittagessen und die Getränke im Hotel mussten die Teilnehmer selbst bezahlen. Umsonst waren nur eine Tasse Kaffee und zwei halbe Brötchen.

Hotelier ist künftig vorsichtiger

Der 48-jährige Hotelier schöpfte zunächst keinen Verdacht: „Es waren ganz normale Gruppenreisen mit Essen und Kaffee gebucht. In dieser Jahreszeit sind wir froh, 40 bis 50 Gäste zu haben, da ist man erst einmal nicht misstrauisch.“ Erst als er Ärger mit zwei Prostituierten und deren Zuhälter bekam, weil einer der Täter den Frauen nach geleisteten Diensten in seinem Hotel das Geld wieder abgeluchst hatte, „haben wir das beendet“, so der Gastronom: „Wir sind jetzt vorsichtiger geworden.“

Der Angeklagte will zumindest einen Teil der Kunden zum Abschluss der Tagesfahrten vor den Machenschaften der anderen Täter gewarnt haben. Die Beweislage war nicht ausreichend, um seine Behauptungen zu widerlegen. Deshalb wurde das Verfahren ausgesetzt, um weitere Ermittlungen durchführen zu können.

Schlagworte

  • Betrug
  • Festungen
  • Hoteliers
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!