Lohr

Energieberater: Darauf kommt's an bei der energetischen Sanierung

Dämmen, neue Heizung, dichtere Fenster: Ingenieur Jens Gammel aus Lohr ist Energieberater und weiß, was sinnvoll ist, was gefördert wird und was man beachten sollte.
Styropor zur Wärmedämmung ist günstig, aber auch brandgefährlich. Die Baugenossenschaft Lohr dämmt nur noch mit Mineralwolle. Foto: Armin Weigel/dpa

Das Haus dämmen, eine neue Heizung, dreifachverglaste Fenster, das Dach isolieren oder gleich ein neues Haus energiesparend bauen – für Vorhaben zum Energiesparen bekommen Bauherren oft Geld vom Staat. Aber was ist sinnvoll? Wofür gibt es die meiste Förderung? Und braucht es immer eine Lüftungsanlage? Mit diesen Fragen befassen sich unabhängige Energieberater wie der Lohrer Jens Gammel, 46, Diplom-Ingenieur für Architektur.

Über fehlende Aufträge könne er sich nicht beschweren, sagt Gammel, der in Lohr ein Planungsbüro mit einer Angestellten und zwei Freiberuflern führt und seit 2002/03 Energieberater ist. Energieberatung sei aber ein komplexes Thema. "Wenn die Kunden nach zwei Stunden bei mir rausgehen, raucht ihnen aufgrund der vielen Informationen oft der Kopf." Er sage auch, wenn er etwas für Quatsch hält, etwa dass Hausbesitzer über 30 Jahre alte Öl- oder Gasheizkessel austauschen müssen. Wenn der Kessel die geforderten Werte noch einhalte, sehe er den Nutzen darin nicht.

Schimmelgefahr bei einer unsachgemäßen Sanierung

Der in Burgsinn aufgewachsene Gammel sagt: "Ein altes Haus ist nicht schlecht, nur anders." Viel schiefgehen könne aber, wenn ein altes Haus unsachgemäß saniert werde. Die Hauptgefahr: Feuchtigkeit und damit Schimmel. Deshalb sollte man, bevor man anfängt, einen Experten draufschauen lassen. "Grundsätzlich ist es sinnvoll, bei einem Altbau das Gesamte anzuschauen." Viel Wärme gehe über das Dach verloren. Beim Kauf eines älteren gebrauchten Hauses ist die Dämmung des Daches oder der oberen Geschossdecke deshalb Pflicht.

Energieberater Jens Gammel aus Lohr hat viel zu tun mit der Beratung bei energetischer Sanierung oder bei Neubauten. Foto: Björn Kohlhepp

Viele denken sich, dreifachverglaste Fenster sparen viel Energie. Aber wenn die neuen Fenster plötzlich dichter sind als die ungedämmte Wand drum herum, erhöht das die Schimmelgefahr. Feuchtigkeit im Haus, die sich früher an der kalten Scheibe gesammelt hat oder durch weniger dichte Fenster nach draußen gelangte, könnte sich nämlich jetzt an der Wand absetzen. Abhilfe schaffe dann ausreichende Lüftung – etwa durch Fensteröffnen oder durch eine Lüftungsanlage. Doch Vorsicht: "Ein ganz großes Problem bei gedämmten Gebäuden ist ein gekipptes Fenster", sagt Gammel. Denn die innere Fensterlaibung kühlt im Vergleich zu den umliegenden Wänden stark aus, so dass sich entstehende Feuchtigkeit hier verstärkt absetzt.

Falzlüfter am Fenster als Kompromiss

Die KfW fördere neue Fenster ohnehin nur, wenn klar ist, dass sie weiterhin das schlechteste Bauteil sind, sagt der Energieberater. Sogenannte Falzlüfter an den Fenstern, die in gewissem Maße für eine Lüftung sorgen, sieht er als Kompromiss. Paradox, aber wahr: Es könne sogar sein, dass der Kaminkehrer bei einem dichten Haus den Einbau von Falzlüftern oder ähnliche Maßnahmen verlangt, damit eine Heiztherme, die Raumluft braucht, ausreichend Zuluft hat.

Eine elektrische Lüftungsanlage sei oft die optimale Lösung, sagt Gammel. Vor allem wenn das Dach gedämmt und neue Fenster eingebaut werden, empfehle er eine solche Anlage. Sie erhöhe den Wohnkomfort, und eine zentrale Lüftung mit Erdwärmetauscher kühle im Sommer sogar. Aber er weiß auch, dass der Einbau einer zentralen Anlage in Altbauten oft ein Problem ist.

Viele Hauseigentümer sind skeptisch bei Lüftungsanlagen

Außerdem seien viele Eigentümer oder Erbauer von Einfamilienhäusern bei Lüftungsanlagen oft skeptisch und sagten, sie machten einfach oft genug die Fenster auf. "In selbst genutzten Einfamilienhäusern kann man durchaus auf eine Lüftung verzichten", findet Gammel – unter der Voraussetzung, dass genug gelüftet werde. Für sanierte oder neue Mietshäuser allerdings empfiehlt der Energieberater unbedingt eine Lüftungsanlage. Denn der Vermieter stehe in der Verantwortung.

Bei Häusern vor 1975 sollte man in Verbindung mit einem Fenstertausch immer über eine Dämmung nachdenken. Der Vorteil von Styropor gegenüber Mineralwolle sei der günstigere Preis, Holzfaserdämmplatten seien wesentlich schwerer und teurer. Ein Nachteil: Styropor sei zwar schwer entflammbar, "aber wenn's brennt, brennt's richtig". Beim Dämmen müssen deshalb Brandriegel eingebaut werden. Die Baugenossenschaft Lohr, für die er auch tätig ist, dämme nur noch mit Mineralwolle, da diese nicht brennbar ist.

Rein aus wirtschaftlichen Gründen empfiehlt Jens Gammel keine Dämmung

Dämmung empfehle Gammel nicht, wenn jemand denkt, damit durch weniger Heizkosten Geld zu sparen. Er habe auch schon Kunden, die ausschließlich zum Geldsparen dämmen wollten, davon abgeraten. Eine Dämmung bringe aus seiner Sicht vor allem ein angenehmeres Wohnen und eine Wertsteigerung der Immobilie. Wirtschaftlich rechne sich eine Dämmung – er empfiehlt 16 bis 18 Zentimeter – dann, wenn die Hausfassade ohnehin neu gemacht werden soll. Von innen zu dämmen sei durch die Gefahr von Kältebrücken an Wand und Decke, wo sich Feuchtigkeit ansammeln könnte, problematisch. Die Lösung mit ein Meter langen Dämmkeilen an Seitenwänden und Decke, um Kältebrücken zu vermeiden, nehme viel Platz weg.

Bei neuen Häusern sei eine separate Dämmung der Außenwand seit einigen Jahren praktisch kein Thema mehr. Ziegelmauern seien heute entsprechend stark, was eine Dämmung verzichtbar mache. Von gefüllten Ziegeln hält der Lohrer nicht so viel, ungefüllte erreichten fast identische Dämmwerte. Außerdem könnte bei der Verarbeitung der Ziegel beim Bau oder etwa beim Bohren im Haus die Füllung herausrieseln.

Wann eine Wärmepumpe sinnvoll ist

Eine elektrische Wärmepumpe empfehle sich nur, wenn ein Haus energetisch saniert ist bzw. einen Mindestdämmstandard hat – und wenn, dann aufgrund der geringen damit erreichten Temperaturen bevorzugt zusammen mit einer Flächenheizung, etwa einer Wand-, Decken oder Fußbodenheizung. Die Frage sei auch hier, ob sich das wirtschaftlich rechne. Von einer Wandheizung hält Gammel aber nicht so viel, weil etwa ein Schrank davor sie blockieren könne. Bei einer Deckenheizung sieht er als Nachteil, dass die Wärme von oben komme, was manche als nicht so angenehm empfinden könnten.

Der 46-Jährige bezeichnet sich als "großer Freund" einer Kombination aus Wärmepumpe, Batteriespeicher und Photovoltaik. So sei die Heizung zukunftsfähig, da unabhängig von Gas, Strom oder auch Pellets. Eine Pelletsheizung sei teurer als Öl oder Gas, benötige einen zusätzlichen Lagerraum und man müsse den Aschekasten leeren. Obendrein seien Pellets preislich auch an Öl oder Gas gebunden. Aber in Burgsinn, wo er herkommt, wäre das womöglich eine Alternative zu Öl, weil es dort keinen Erdgasanschluss gibt. Auch eine mögliche Option, über die er aber noch nicht so  viel sagen könne: Bald baut er die erste Gasbrennstoffzelle in ein Haus in Lohr ein.

Die KfW fördert Einzelmaßnahmen, aber auch Pakete für energetische Sanierung

Die KfW bzw. das Bundesamt für Wirtschaft (BAFA) fördert zwar auch Einzelmaßnahmen, etwa Heizung, Fenster, Dach, noch höher ist die Förderung aber für Maßnahmenpakete zum Erreichen eines gewissen Effizienzhaus-Standards. Als Energieberater rechnet Jens Gammel durch, was nötig ist, damit ein Haus einen gewissen Effizienzwert und damit eine höhere Förderung erreicht. Es sei angedacht, so Gammel, dass die Fördersätze noch diesen Januar erhöht werden. Aber klar sei auch, dass eine höhere Effizienzklasse auch höhere Kosten bedeute. Bei denkmalgeschützten Häusern aber muss der 46-Jährige passen: Dafür gebe es speziell ausgebildete Energieberater.

Jens Gammel ist Mitglied im Verein Energieberater Franken e.V. Auf der Internetseite des Vereins findet man über die Postleitzahl Energieberater in der Nähe. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) fördert nur noch Maßnahmen, bei denen ein Energieberater eingeschaltet ist. Die Beratungskosten werden ebenfalls teilweise bezuschusst.

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