MARKTHEIDENFELD

Englert vertonte die SPD-Hymne

Sein Leben gibt zumindest vorläufig noch viele Rätsel auf. Doch eines ist klar, wenn die Delegierten eines SPD-Bundesparteitags ihr Treffen traditionell mit dem Arbeiterlied „Wann wir schreiten Seit' an Seit'“ beenden, dann tun sie dies zur Melodie eines gebürtigen Marktheidenfelders.
Dieses Porträt des Tondichters Michael Englert ist dem „Biografischen Lexikon des Sozialismus“, Hannover, Verlag J.H.W. ... Foto: Repro Martin Harth

Heinrich Eppe, langjähriger Leiter des Archivs der Arbeiterjugend in Oer-Erkenschwick, erkundigte sich vor kurzem im Marktheidenfelder Stadtarchiv nach Michael Englert, der nach einem Artikel im „Biographischen Lexikon des Sozialismus“ von Franz Osterroth am 6. Juli 1868 in Marktheidenfeld zur Welt gekommen sein soll. Eppe befasst sich gegenwärtig intensiv mit dem Liedgut der Arbeiterjugend in Deutschland.

Der ehemalige Bürgermeister Leonhard Scherg sah in den Unterlagen des Marktheidenfelder Pfarrarchivs nach und fand Englerts Eltern, den Bader Nikolaus Englert und dessen Frau Marianna, geborene Karpf, die als Spitalwärterin bezeichnet wurde, als sich das Paar am 1. Oktober 1867 im Würzburger Juliusspital das Ja-Wort gab.

Aus dem Haus von Erwin Ries

Gewohnt hat die Familie Englert im Anwesen mit der Hausnummer 118 und es gab neben Michael sechs weitere Kinder, von denen mindestens zwei Mädchen noch im Kleinkindalter starben. Das Wohnhaus war an der Stelle, wo der langjährige Stadtrat Erwin Ries heute in der Lengfurter Straße sein Farbengeschäft betreibt, konnte Stadtarchivar Hannes Ebner schnell feststellen.

Im Leben des Michael Englert tun sich viele Fragen auf: Wie kommt ein Junge seiner Herkunft aus Marktheidenfeld damals dazu, in Würzburg Rechtswissenschaft zu studieren? Jedenfalls muss er sehr talentiert gewesen sein, schließlich wurde er in Würzburg Amtsrichter.

Dann die nächste Frage: Franz Osterroth schreibt, dass Englert 1911 angezogen von der Arbeiterbewegung den Staatsdienst in Bayern verließ und nach Hamburg ging, um dort bei den freien Gewerkschaften als Arbeitersekretär zu arbeiten. – Ein Amtsrichter, der um diese Zeit in Würzburg mit der sozialdemokratischen Idee sympathisierte?

Für Professor Klaus Schönhoven, dem Fachmann für die Geschichte der Würzburger SPD, scheint dies höchst verblüffend. Öffentlich könne solches nicht stattgefunden haben, ist er sich sicher, denn das hätte damals unabdingbare Konsequenzen für den Mann gehabt. Rechtssekretär bei den Gewerkschaften im „roten Hamburg“ sei aber sicher ein gut dotierter Job zu dieser Zeit gewesen.

In Hamburg erwies sich der Arbeitersekretär überdies als ein höchst musischer Mensch, der sich in seiner Würzburger Zeit schon fortgebildet haben muss. Osterroth schreibt, dass er zahllose junge Menschen kostenlos im Lauten- und Mandolinenspiel unterrichtete, was dem Geschmack der Jugendbewegung entsprach.

Musischer Mensch

Er schuf erstmals gemischte Jugendchöre und bearbeitete Lieder für sie. Zu den Texten deutscher Dichter des 19. Jahrhunderts wie Cäsar Fleischlen („Hab Sonne im Herzen“) oder Otto Roquette („Neuer Frühling ist gekommen“) schuf Michael Englert singbare Melodien und damit Lieder wie sie die bündische Jugend der 1920er Jahre des vorigen Jahrhunderts liebte. Ein besonderes Anliegen war die Vertonung von Werken der Arbeiterdichter. Englert schuf dabei Hymnen der Arbeitjugendbewegung wie das Kinderfreundelied „Wir sind jung, die Welt ist offen“ oder „Wenn die Arbeitszeit zu Ende“, deren Reime von Emil Sonnemann unter dem Pseudonym Jürgen Brand veröffentlicht wurden.

Weimarlied von Claudius

Der Text des Lieds der sozialistischen Arbeiterjugend „Hebt unsere Fahnen in den Wind“ stammte von Artur Zickler und das später als „Weimarlied“ berühmte „Wann wir schreiten Seit' an Seit'“ (1916) von Hermann Claudius, einem Urenkel von Matthias Claudius.

Die Namen Zickler und Claudius werfen aber schon die nächsten Fragen auf. Beide wandten sich bald von der international ausgerichteten Arbeiterbewegung ab und landeten schließlich im national-konservativen und nationalsozialistischen Umfeld.

Über Michael Englerts weiteren politischen Weg, der 1923 seine Beschäftigung als Gewerkschaftssekretär beendete, weiß man wenig. Keine Aussagekraft hat, dass Englerts Lieder und Melodien in Varianten nach 1933 in Soldaten- und NS-Liederbüchern auftauchen: Die Nationalsozialisten bedienten sich schamlos in den kulturellen Traditionen der Bündischen und der Arbeiterjugend. Sie machten eingängige Melodien zu ihren ideologischen Helfern.

Am Ende nahezu taub

Franz Osterroth, der langjährige Chronist der deutschen Sozialdemokratie, schreibt 1960 lediglich, dass Michael Englert bis zu seinem Tod am 18. August 1956 als nahezu taub gewordener Idealist in der schöpferischen Mitwirkung am Kulturleben der sozialistischen Bewegung fast völlig aufgegangen war.

Dabei hat der gebürtige Marktheidenfelder populäre Lieder als wichtige Dokumente seiner Zeit geschaffen.

Online-Tipp

SPD-Hymne Den Text und eine Hörprobe der von Michael Englert vertonten SPD-Hymne „Wann wir schreiten...“ finden Sie zum Beispiel unter: www.spd-wolfschlugen.de/spdneu/downloads.html

1868 wohnte der Bader Nikolaus Englert mit seiner Frau Marianna im Anwesen Nr. 118 in Marktheidenfeld. Eine historische ... Foto: Repro M. Harth

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