GEMÜNDEN/KARLSTADT

Entsorgt statt recycelt: Mainbrücke landet auf der Deponie

Beim Abriss der Gemündener Mainbrücke fielen etwa 25 000 Tonnen Schutt an. Doch der durfte nicht einfach wiederverwendet werden. Foto: B. Diem

Was passiert mit den etwa 25 000 Tonnen Schutt der abgerissenen Gemündener Mainbrücke? Das Kreisbauamt Main-Spessart hätte ihn gerne im Straßenbau oder für einen Damm an der Brücke wiederverwendet. Doch diesen Plänen machte der teils verwirrende Dschungel deutscher Bürokratie einen Strich durch die Rechnung. „Manchmal muss man mit dem Kopf schütteln“, sagt Kreisbauamtsleiter Gerhard Pülz. Jetzt landet der Bauschutt auf der Deponie.

„Da liegt die Mainbrücke Gemünden“, sagt Pülz auf dem Gelände der Kreismülldeponie in Karlstadt und deutet auf einen großen betongrauen Schutthaufen, der dafür, dass er einmal die Mainbrücke in Gemünden war, dann doch recht überschaubar wirkt. Der Grund, warum die Brückenüberreste hier landen und nicht irgendwo wieder verbaut werden dürfen, hat vor allem mit Salz zu tun. Bei einer Analyse des Schutts wurde festgestellt, dass die Leitfähigkeit und damit der Salzgehalt zu hoch ist. Bei jahrelangem Streusalzeinsatz kein Wunder.

Salzwerte im Brückenschutt gering

„Die Salzwerte“, sagt Pülz, „sind gering verglichen mit dem, was wir jedes Jahr an Streusalz aufbringen. Wenn man dran leckt, würde man es nicht einmal schmecken.“ Dem normalen Bürger sei dies nur schwer zu vermitteln. „Hätte es wirklich etwas gemacht, wenn wir das Material mit dem Salz als Baumaterial genommen hätten?“ Man müsse die Kirche im Dorf lassen.

Betriebsleiter Matthias Gabriel, der für die Deponie verantwortlich ist, erklärt den Hintergrund: „Wenn wir belastetes Material in den Untergrund bringen, belasten wir die schutzwürdigen Güter Wasser, Pflanzen, Tiere.“ Das dürfe nicht sein. Andererseits jedoch diene der Einsatz von Streusalz, das die Umwelt ebenso belastet, dem Schutz des Menschen und dem Funktionieren der Wirtschaft. Beidem lägen begründete Gesetze zugrunde, die aber in der Gesamtbetrachtung schwierig zu verstehen seien, so Gabriel. „Hier werden zwei ähnliche Dinge mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen“, stellt Amtsleiter Pülz fest. „Das Kreisbauamt muss versuchen viele verschiedene Gesetze unter einen Hut zu bringen: Bodenschutzgesetz, Deponieverordnung, Abfallverordnung, Kreislaufwirtschaftsgesetz.

Und das ist in der Praxis oft schwieriger, als man denkt“, so Pülz.

Wiederverwendung wäre schwierig geworden

Hätte man den Bauschutt vor Ort wieder verbauen wollen, hätte es eine weitere Schwierigkeit gegeben: Die groben Brocken hätten erst durch einen Brecher laufen müssen. Aber: „Recyclingmaterial darf qualifiziert nur verwendet werden, wenn es aus einer zertifizierten Anlage kommt.“ Das jedoch hätte das Kreisbauamt beim Schutt der Mainbrücke nicht gewährleisten können. Eine Brechanlage brauche eine Zulassung und geschultes Personal. Wird eine Anlage, die bei einem Abbruchunternehmen zertifiziert ist, auf einer Baustelle eingesetzt, ist sie dort nicht automatisch ebenfalls zertifiziert. Eine Aufbereitung des Gemündener Schutts wäre somit zu teuer gewesen.

Verschiedene Gutachten

Bauschutt muss vor der Entsorgung immer untersucht werden. Dabei kann man sich aber auch in die Nesseln setzen. So muss bei der Verfüllung von Gruben, Brüchen oder Tagebauen ein anderes Gutachten eingeholt werden als für das Verfüllen einer Deponie. Lässt ein Bauunternehmen für die Deponie gedachten Schutt fälschlicherweise nach dem Gutachten über Gruben, Brüche und Tagebaue untersuchen, ist das Gutachten nichts wert.

Eine Deponieuntersuchung hingegen deckt beides ab. Pülz' Fazit: „Für viele Kommunen und private Bauherren stellt die Abfallentsorgung bei Baumaßnahmen zunehmend ein Problem dar.“ Schutt darf nicht mehr einfach weggefahren werden, sondern muss erst zwischengelagert und beprobt werden. „Das beeinträchtigt auch die Bauabläufe.“

Ein unterfränkischer Kollege von Gerhard Pülz hat sich einmal den Spaß erlaubt und von einem Acker Boden eingeschickt. Das Ergebnis: hoch belastet - was durch Dünger und dergleichen laut Pülz auch zu erwarten war.

Es gibt natürliche Steinbrüche, die etwa Radon, Salze oder Arsen enthalten, die mitunter über den Grenzwerten liegen. Eine Verwendung als Schotter ist aber womöglich mit Ausnahmegenehmigung trotzdem möglich. Aber: „Wenn man solches Material verwendet, bekommt man spätestens beim Abbruch und der Entsorgung ein Problem“, sagt Pülz.“

Ein bisschen Wiederverwendung

Auf der Mülldeponie in Karlstadt werden die etwa 10 000 Kubikmeter Betonabbruch aus der Mainbrücke Gemünden aber nicht einfach entsorgt, sondern dienen noch als „Profilierungsmaterial“. Für die Schließung und Abdichtung der ehemaligen Karlstadter Müllkippe aus den 50er und 60er Jahren, die sich direkt an die Kreismülldeponie anschließt, werden insgesamt sogar 40 000 Kubikmeter Bauschutt benötigt.

Viele Jahre stellte sich dem Kreisbauamt laut Pülz die Frage, ob man auf die seit den 70ern unberührte und vom Kreis erst 2009 erstandene Kippe obendrauf noch Müll laden oder einen Deckel machen solle. Das Kreisbauamt ließ sich den Bereich zunächst als Deponie genehmigen, aber bei der Umsetzung wurde laut Pülz schnell klar, dass die Auflagen immer höher wurden. „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis war nicht mehr gegeben und die Planung deshalb auf Eis gelegt.“ Der anstehende Abriss der Mainbrücke habe dann den Ausschlag gegeben, die Müllkippe lieber zu versiegeln.

Einnahmen bringt dem Kreis immerhin der Baustahl der Mainbrücke. Pülz rechnet vor, dass davon etwa 3000 Tonnen anfallen. An der Mainbrückenruine war zeitweise ein haushoher Stahlhaufen zu besichtigen. Aus dem Schutt auf der Deponie ragen noch immer einzelne Stahlreste hervor. Der Kreisbauamtsleiter sagt, dass diese noch händisch herausgeholt werden sollen.

Kuriose Entsorgungsprobleme: das Beispiel Styropor

Ab Oktober 2016 galt der Dämmstoff Polystyrol, unter dem Handelsnamen Styropor bekannt, plötzlich als Sondermüll, weil er das Flammschutzmittel HBCD enthält. Styropor als Füllmaterial oder Verpackung durfte weiterhin im Gelben Sack entsorgt werden. Bauherren, die belastetes Dämm-Styropor entsorgen wollten, hatten jedoch auf einmal ein Problem.

Kreisbauamtsleiter Gerhard Pülz fasst die Problematik, die vergangenes Jahr bestand, so zusammen: „Es durfte nicht verbrannt werden, es durfte aber auch nicht auf die Deponie.“ Die Verbrennung sei dabei nicht das Problem gewesen, schließlich verfügten Müllverbrennungsanlagen über Filter. Das Problem sei vielmehr gewesen, dass voll automatisch laufende Müllverbrennungsanlagen keinen Entsorgungsnachweis erbringen können, da sie bei der Anlieferung nicht signieren.

Der „Schnellschuss“ der Umweltbehörden führte dazu, dass der Preis für eine Tonne zu entsorgendes Styropor auf bis zu 4000 Euro stieg, sagt Deponieleiter Matthias Gabriel. Im Juni 2016 hatte das Bundeskabinett ein Einsehen und festgelegt, dass belastetes Styropor zwar getrennt gesammelt werden muss, aber zusammen mit anderen Abfällen direkt in Verbrennungsanlagen entsorgt werden darf.

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