Lohr

Erinnerung an Simon Strauß

An Simon Strauß (1867 - 1940) erinnert eine Gedenktafel, die vor dem ehemaligen Israelitischen Pavillon der Lohrer Heil- und Pflegeanstalt (heute Bezirkskrankenhaus) enthüllt wurde.
An Simon Strauß (1867 - 1940) erinnert eine Gedenktafel, die vor dem ehemaligen Israelitischen Pavillon der Lohrer Heil- und Pflegeanstalt (heute Bezirkskrankenhaus) enthüllt wurde. Foto: Wolfgang Dehm

In Erinnerung an Simon Strauß und das ehemalige jüdische Leben in der Heil- und Pflegeanstalt Lohr (heute Bezirkskrankenhaus) wurden am Donnerstagnachmittag am früheren Israelitischen Pavillon (heute Haus 43) zwei Gedenktafeln enthüllt. Mit dabei waren auch drei Enkel von Simon Strauß. Die Installation der beiden Gedenktafeln war eine Gemeinschaftsaktion von Stadt Lohr, Bezirk Unterfranken, Kulturinitiative Lohr und Geschichtsverein Lohr.

Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel sprach vor den rund 50 Teilnehmern der Gedenkstunde von einem entsetzlichen Unrecht, das man Simon Strauß und Millionen weiterer Juden damals angetan habe. Dieses Unrecht lasse sich nicht mehr gutmachen – man könne aber der Opfer gedenken.

Es gehe darum, die Erinnerung wachzuhalten, denn wer sich der "dunklen Stunden und der furchtbaren Kapitel der deutschen Geschichte" nicht erinnere, sei dazu verdammt, sie zu wiederholen. Simon Strauß war laut Dotzel ein kluger, wacher Mann, der sich ein Leben lang für die Menschen eingesetzt habe.

Lohrs Bürgermeister Mario Paul bezeichnete Simon Strauß als Segensbringer und Unterstützer für die damals rund 70 in Lohr lebenden jüdischen Menschen. Seinen Worten nach soll es weitere Schritte in Sachen Erinnerungskultur in Lohr geben. Man werde auch an anderen Stellen in der Stadt an die Schicksale jüdischer Mitbürger erinnern, kündigte er an.

Auf einer weiteren Tafel wird der ehemalige Israelitische Pavillon beschrieben.
Auf einer weiteren Tafel wird der ehemalige Israelitische Pavillon beschrieben. Foto: Wolfgang Dehm

Laut Wolfgang Vorwerk, dem Vorsitzenden des Lohrer Geschichtsvereins, hat Simon Strauß als Erzieher und Seelsorger sein "segensreiches Wirken" weit über Unterfranken hinaus entfaltet. Als Strauß 1928 zum Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Lohr gewählt wurde, habe er nicht geahnt, dass er diese Gemeinschaft "bis zum bitteren Ende" begleiten werde.

Besuch 1936 in Palästina

1936 habe das Ehepaar Strauß drei ihrer Kinder in Palästina besucht, sei aber wieder nach Lohr zurückgekehrt, um dort ihre Schutzbefohlenen weiter zu betreuen. "Aber die Zeit war angezählt", so Vorwerk. 1937 hätten die Straußens "vielleicht noch das letzte normale Jahr in Zeiten des Rassenwahns" erlebt, danach sei "Schritt für Schritt das Ende" gekommen.

Die heute Lebenden trügen sicher keine Schuld an dem, was zwischen 1933 und 1945 passiert sei, sagte Vorwerk – "aber wir alle tragen eine Verantwortung, dass sich dies nicht wiederholt".

Arye Strauß, einer der drei anwesenden Enkel von Simon und Sara Strauß, dankte im Namen der Familie für die Erinnerung an die Großeltern; man sei gerne nach Lohr gekommen, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen.

Simon Strauß
Simon Strauß Foto: Wolfgang Dehm
Simon Strauß
Von 1924 bis Ende 1938 war Simon Strauß (1867 – 1940) Verwalter der rituellen (koscheren) Küche für die jüdischen Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt, die er auch religiös betreute. Die Küche befand sich im Israelitischen Pavillon und wurde ehrenamtlich von seiner Frau Sara geführt wurde. Ab 1928 war Simon Strauß zudem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Lohr.
1933 begannen die Nationalsozialisten, die jüdische Bevölkerung zunehmend zu entrechten. Beim gewaltsamen Vorgehen gegen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Lohr in der Reichspogromnacht im November 1938 wurde Simon Strauß mehrere Tage lang inhaftiert und die rituelle Küche, die nicht mehr weitergeführt werden durfte, wurde verwüstet.
Im Februar 1939 zog Simon Strauß (seine Frau Sara war 1938 in einem Würzburger Krankenhaus gestorben, die Kinder waren ausgewandert) nach Bad Nauheim. Die jüdische Gemeinde in Lohr löste sich unter dem Druck der Verhältnisse bis Ende 1939 auf. Die Deportation und Ermordung seiner ihm anvertrauten jüdischen Patientinnen und Patienten im September 1940 erlebte er nicht mehr; Simon Strauß starb im April 1940 in Frankfurt.
Der Israelitische Pavillon war eine Einrichtung des Fürsorgevereins für israelitische Nerven- und Geisteskranke mit Sitz in Aschaffenburg. Von 1924 bis 1938 befand sich in diesem Gebäude die rituelle  Küche für die jüdischen Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt, im Obergeschoss wohnte die Familie Strauß.
Diese Tafel erinnert an den jüdischen Mitbürger Simon Strauß (1867 - 1940).
Diese Tafel erinnert an den jüdischen Mitbürger Simon Strauß (1867 - 1940). Foto: Wolfgang Dehm
Diese Tafel erinnert an den ehemaligen Israelitischen Pavillon der Heil- und Pflegeanstalt Lohr (heute Haus 43 des Bezirkskrankenhauses).
Diese Tafel erinnert an den ehemaligen Israelitischen Pavillon der Heil- und Pflegeanstalt Lohr (heute Haus 43 des Bezirkskrankenhauses). Foto: Wolfgang Dehm

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