Lohr

Erste Schritte in der neuen Heimat

Heike Nickel vom Einwohnermeldeamt der Stadt Lohr erkundigt sich bei der syrischen Ärztin Aya Sayegh, wie sie in den ersten Monaten in Lohr klargekommen ist. Foto: Pat Christ

Aya Sayegh ist in Syrien aufgewachsen und hat in Aleppo studiert. Ihren Mann heiratete sie 2012 in Ägypten. In Würzburg brachte sie 2015 ihr erstes Kind zur Welt. Zu jenem Zeitpunkt lebte sie bereits in Lohr. Das klingt turbulent - und war, rein aus bürokratischen Gründen, auch alles ganz schön kompliziert.

"Es hat zum Beispiel vier Monate gedauert, bis ich die Geburtsurkunde für meine Tochter bekam", erzählt die Ärztin, die im Lohrer Bezirkskrankenhaus arbeitet. Denn dafür waren eine ganze Menge Unterlagen notwendig.

Schon als Deutscher innerhalb Deutschlands umzuziehen, bedeutet, sich auf neue Strukturen und Organisationen einzulassen. Noch viel schwieriger ist es für Menschen aus anderen Kulturkreisen. "Mein Mann wird nie seine erste Nacht in Lohr vergessen", lacht Aya Sayegh. Gegen 22 Uhr kam er vor knapp fünf Jahren in Lohr am Bahnhof an. Er konnte nicht erkennen, wo die Stadt war. Er hatte keinen Handyempfang. Und wusste nicht, wie man in Deutschland ein Taxi ruft. "Ein Mitarbeiter einer Pizzeria hat ihm schließlich geholfen", so Sayegh, die ihrem Mann vier Monate später nachfolgte.

Gerade mit Blick auf ausländische Fachkräfte, die auch in Lohr benötigt werden, ist es wichtig, Menschen das Ankommen in der neuen Heimat leichter zu machen. Darauf reagierte die Region Mainfranken GmbH 2014 mit ihrem Modellprojekt "Mainfranken - main daheim". Drei mainfränkische Pilotkommunen machten sich daran, vor Ort eine echte Willkommenskultur zu schaffen: Knetzgau, Werneck und Lohr.

Interkulturelle Schulung

Zu den wichtigsten "Schaltzentralen" für Ankommende zählt das Einwohnermeldeamt. "Bei uns landen sie alle", lacht Heike Nickel. Schon immer, so die Sachgebietsleiterin, habe man im Lohrer Meldeamt versucht, Menschen, die neu in der Stadt ankamen, umfassend zu unterstützen, ihnen Tipps für die ersten Schritte zu geben und ihnen einen Überblick über die lokalen Strukturen zu verschaffen. Durch "Mainfranken – main daheim" wurden Nickel und ihre Kolleginnen weiter dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, ein "Willkommen!" auszustrahlen: "Wir nahmen im März 2015 an einer interkulturellen Schulung teil, das hat uns noch mal die Augen geöffnet."

Infos auch in Englisch

In einer Neubürgerbroschüre stellte Lohr im Zuge des Projekts alle Informationen zusammen, die für Menschen, die nach Lohr zuziehen, von Interesse sind. Den 68 Seiten starken Wegweiser gibt es auch in Englisch. Ganz wichtig ist das Thema Kinderbetreuung. Auch Aya Sayegh benötigte zwei Betreuungsplätze für ihre Kinder, um ihrer Teilzeitarbeit nachgehen zu können.

Aya Sayegh ist keine typische Neubürgerin, betont Joachim Salzmann vom Lohrer Helferkreis Asyl. Sie hatte beim Ankommen viel Unterstützung. Zum einen kümmert sich das Bezirkskrankenhaus als Arbeitgeber nach seinen Worten vorbildlich um angeworbene Fachkräfte. Vier Monate, bevor Aya Sayegh nach Lohr kam, war aber auch schon ihr Mann dagewesen. Er hat vieles in die Wege leiten können.

Aus ihrer Heimat geflohene Asylbewerber stehen Salzmann zufolge noch einmal vor ganz anderen Schwierigkeiten: "Mussten sie ihr Land überstürzt verlassen, besitzen sie zum Beispiel überhaupt keine Papiere."

Vier Monate blockiert

Das kann behördliche Vorgänge sehr lange blockieren. Wobei auch Aya Sayegh erlebt hat, wie langsam die Mühlen der Bürokratie mahlen. Die Geburtsurkunde für ihre Tochter war deshalb so schwierig zu bekommen, weil das Würzburger Standesamt auf beglaubigten und übersetzten Urkunden aus Ägypten und Syrien beharrte.

Vier Monate lang keine Geburtsurkunde zu haben, hatte bedeutet, dass die Assistenzärztin erst mal keine Elternzeit beantragen konnte. Denn dafür braucht es die Geburtsurkunde. Sehr lange hatte es außerdem gedauert, bis Sayegh ihre Approbation erhielt.

Die syrische Ärztin, die nach so kurzer Zeit in Deutschland bereits perfekt Deutsch spricht, bereut nicht, dass sie sich für den Umzug nach Lohr entschieden hat. Die Arbeit im Bezirkskrankenhaus macht ihr großen Spaß. Und Bürokratie gebe es nun mal überall. Wobei sie es anfangs erstaunte, dass die Verwaltung auch in Deutschland derart umfangreich ist: "Allerdings habe ich das Gefühl, dass die Bürokratie in Deutschland einen Zweck hat, auch wenn ich den nicht immer gleich verstehe." In Syrien habe sie bürokratische Erfordernisse oft als völlig sinnlos erlebt.

Andere Behörden sollten nachziehen
Das, was sich in der Lohrer Verwaltung in Sachen "Willkommenskultur" entwickelt hat, finden Joachim Salzmann und Anna-Lena Ludwig, Flüchtlings- und Integrationsberaterin der Lohrer Caritas, beachtlich. Leider hätten es Neubürger aber nicht nur mit den Ämtern im Lohrer Rathaus zu tun. Während hier, sensibilisiert durch »main daheim«, versucht wird, so unbürokratisch wie möglich zu helfen, machten andere Behörden Neuankömmlingen das Leben schwer. Vor allem am Jobcenter übt Salzmann Kritik. Dort würde oft streng nach Vorschrift gehandelt. Ohne die Not der »Kunden« zu sehen.
Eine große Hilfe für Neubürger wäre es laut Anna-Lena Ludwig, wäre es häufiger möglich, bei einem akuten Problem ohne einen Termin bei einer Behörde vorbeizuschauen und das Anliegen zu schildern. Oft geht jedoch ohne Termin gar nichts. Teilweise, so Salzmann, ist es nicht einmal möglich, eine Behörde telefonisch zu erreichen. Aya Sayegh würde sich wünschen, dass es für Neubürger eine Art zweitägigen »Crashkurs« gibt, in dem sie erfahren, was sie alles beantragen müssen und wo die zuständigen Stellen sitzen. Auch sollte in den Kursen geübt werden, die Formulare richtig auszufüllen. (pat)

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