ALTBESSINGEN / ADELSBERG

Fair Produziertes aus der Region

Fans von glücklichen Tieren: Jen Weidle aus Adelsberg und Sebastian Heil, der in Altbessingen aufgewachsen ist, sind die... Foto: GutzumEssen.de

Die Idee entstand Anfang 2013. Kurze Zeit später gingen Jen Weidle aus Adelsberg und Sebastian Heil, der in Altbessingen aufgewachsen ist und heute in Würzburg lebt, mit ihrer Internetseite www.gutzumessen.de online. Die Idee? Bauern, Hofläden, Weingüter und Geflügelzüchter, die beide ohnehin beim Einkaufen besuchen, unter die Lupe zu nehmen und auf ihrer Internetseite vorzustellen – und das ehrenamtlich und freiwillig. Im Interview erzählen die hauptberuflichen Informatiker, wie sie zu ihrer Seite kamen, welche Erfahrungen sie im ersten Jahr von „Gut zum Essen“ gemacht haben und was für sie ein glückliches Produkt ausmacht.

Frage: Welche Idee steckt hinter Ihrer Internetseite? Wie ist sie entstanden?

Jen Weidle: Ich bin 2006 nach Main-Spessart gezogen und habe gesucht, wo ich hier direkt beim Hersteller einkaufen kann. Da ich Informatikerin bin, lief da viel über das Internet. Daraus entstand die Idee, die Betriebe, bei denen ich war, auf einer Internetseite vorzustellen.

Mit welchem Anspruch?

Weidle: Wir wollen zeigen, wo es regionale Produkte gibt und wie es den Tieren geht, die hinter diesen Höfen stecken. Ein Label „Regionales Produkt“ oder „Bio-Produkt“ sagt nicht unbedingt etwas aus. Den Tieren kann es auf einem Biohof genauso schlecht gehen, wie in einem konventionellen Betrieb. Ebenso kann ein konventioneller Betrieb genauso gut sein wie ein Biobetrieb. Mein Anspruch war, zu klären, wo die Dinge herkommen, Fragen zu stellen. In den meisten Fällen können wir doch gar nicht kontrollieren, wie und wo die Dinge hergestellt werden. Zum Bauern hingegen kann ich gehen und ihn fragen, was er füttert und ob ich mal in seinen Stall gucken kann.

Sind viele Direktvermarkter bereits im Internet?

Weidle: Wenige. Auf den Seiten, die es gibt, müssen die Landwirte entweder Mitglied werden oder etwas zahlen. Dazu kommt, dass viele Landwirte das Internet noch nicht als Sprachrohr für sich entdeckt haben. Deshalb sind die, die es eigentlich nötig hätten, weil sie gute Produkte machen, dort nicht vertreten.

Wie kamen Sie dazu, Herr Heil?

Sebastian Heil: Ich habe die Seite als Erster hinterfragt. Warum willst Du das machen? Wer will das lesen? Ich habe die Idee aber schnell als gut empfunden.

Wo kommt das Interesse her? Sind Sie selbst ländlich geprägt?

Weidle: Ich bin zwar in der Stadt groß geworden, war aber oft bei meiner Oma auf dem Land. Mit 15 Jahren habe ich meiner Mutter ein paar Hühner geschenkt. Mit denen haben wir dann auch selbst gebrütet. Irgendwann ging es ans Schlachten und ich habe mich gefragt: Kann ich das? Will ich das? Der Entschluss war: Wenn ich es nicht selbst kann, will ich auch nicht, dass es jemand anderes für mich tut.

Hat es funktioniert?

Weidle: Es hat. Schweren Herzens. Ich schlachte immer selbst. Es ist nie schön, es läuft immer so: mal kurz nicht darüber nachdenken, schnell machen. Aber es muss halt sein.

Heil: Ich bin nicht so radikal wie Jen und schlachte nicht oder mache nicht so viel selbst. Aber wir kochen viel und dadurch hat sich mein Einkaufsverhalten schon verändert.

Sie sind in Altbessingen aufgewachsen. Wie schauen Sie jetzt dorthin?

Heil: Man schaut natürlich anders hin und hat auch andere Fragen. Wir haben zum Beispiel seit einiger Zeit jemanden, der dort ein paar Rinder auf der Weide hält. Oder ich habe versucht, meine Eltern zu überreden, dass sie wieder Hühner halten.

Wie sieht die Landbevölkerung das Thema „Regional und gut einkaufen“?

Heil: Unser Eindruck ist, dass vielen auf dem Land das Thema noch nicht so wichtig ist. Sondern es sind eher die Studenten in der Stadt, die sich vegetarisch ernähren wollen, weil sie gegen Massentierhaltung sind. Sprich: Die Produzenten sitzen auf dem Land, die Konsumenten in der Stadt. Und da gibt es schon die erste Schwierigkeit, denn wie kommt der Student ohne Auto zum Direktvermarkter auf dem Land?

Und wie erfährt er überhaupt vom Direktvermarkter oder Ihrer Seite?

Weidle: Zum Beispiel über Suchbegriffe wie regionales Rindfleisch. Viele Leute sind an dem Punkt, an dem sie sagen: Wir wollen fair produzierte, regionale Produkte kaufen, wissen aber nicht wo. Denn viele Internetseiten, auf denen die schlimmen Bedingungen der Massentierhaltung – übrigens auch für die Menschen, die in dieser Industrie arbeiten – dargestellt werden, zeigen keine Lösung auf. Wir wollen helfen und Quellen nennen.

Wie reagieren die Landwirte auf Ihre Anfragen?

Heil: Die Leute sind oft skeptisch und die erste Frage ist immer: Was kostet das Ganze? Die Überraschung, dass wir das ehrenamtlich und freiwillig machen, ist immer groß. Dann aber erzählen die Leute gerne und viel. Oft fehlt ihnen ein konkretes Feedback. Wer nicht selbst vermarktet, bekommt selten direkt gesagt, dass die Wurst oder der Käse schmeckt.

Was bekommen Sie für ein Leser-Feedback über die Seite?

Heil: Direkt Rückmeldung zu bekommen, ist schwierig. Da gibt es noch zu viele Hemmungen. Was wir sehen, ist, dass die Zugriffszahlen steigen. Im Moment haben wir 20 bis 30 Besucher pro Tag und viele „Gefällt-mir“-Klicks auf Facebook.

Weidle: Frustrierender ist die Resonanz bei den Landwirten. Wir sprechen viele an, stellen unser Projekt vor, aber es kommt wenig zurück.

Was ist nach wie vor das Problem bei den Konsumenten?

Weidle: Wir hören oft das Argument, sie hätten nicht die Zeit, für einen Sack Kartoffeln so weit zu fahren. Für die tägliche Einkaufsfahrt geht aber sicherlich genauso viel Zeit drauf, wie wenn man einmal im Monat beim Bauern einkauft. Man kann es ja auch als Event sehen, die Kinder können die Tiere streicheln, man kann sich mit dem Hersteller austauschen. Ich finde, der Einkaufs- und Produktionsprozess kann nicht immer entkoppelt werden. Wenn ich ein schönes Essen mache, mit gesunden Zutaten, von denen ich weiß, wo sie herkommen, gibt das doch ein besseres Gefühl, als ein unglückliches Luxusprodukt zuzubereiten.

Wo geht die Reise hin mit Ihrer Seite?

Heil: Es wäre toll, wenn man von dem Projekt irgendwann leben kann. So wie zum Beispiel bei „Meine kleine Farm“, wo ein Informatiker zusammen mit einem Landwirt richtig was auf die Beine gestellt hat.

Weidle: Wir lassen es eher treiben. Bei uns beiden hängt ja nicht die Existenz von der Seite ab und das ist auch gut so, denn ich denke, Geld beeinflusst hier schon. Außerdem freue ich mich auch darüber, wenn wir mit der Seite etwas Gutes tun und ich somit in der Bilanz meines Lebens drei Kühen ein schöneres Leben beschert habe oder ein Sojabauer weniger unter Pestiziden gelitten hat. Das macht mich glücklich.

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