Marktheidenfeld

Faire Woche in Marktheidenfeld: Warum will das niemand kaufen?

Auf dem Marktplatz feierte die Stadt Marktheidenfeld vor drei Jahren ihre Anerkennung zur Fairtrade-Stadt im Rahmen eines Fests ihrer Sommerreihe "Musik zum Feierabend". Foto: Martin Harth

Der Landkreis Main-Spessart war einmal der erste Fairtrade-Landkreis in Bayern. Im Jahr 2016 hat sich Marktheidenfeld auch nochmal extra als Fairtrade-Stadt zertifizieren lassen, genauso wie das Gymnasium und die Mittelschule. Es gibt eine Steuerungsgruppe Fairtrade, der Kaffee im Rathaus ist fair gehandelt und sogar die rosa Blusen der Angestellten der Stadt sind unter fairen Bedingungen hergestellt worden. 

Bei so vielen Initiativen der Stadt war die Teilnahme an den bundesweit stattfindenden Fairen Wochen eigentlich klar. Von 13. bis 27. September hatte die Stadt an alle Martktheidenfelder Einzelhändler und Gastronomen appelliert, fair gehandelte Produkte in den Fokus zu rücken. Fünf Läden und acht Gastronomen beteiligten sich. Das Angebot war zwar nicht überwältigend, es war aber da. Beim Fazit gegen Ende der beiden Wochen herrscht bei den Läden aber vor allem ein Gefühl vor: Resignation.  

Christina Schlembach ist die Sprecherin des Marktheidenfelder Weltladens. Sie würde sich mehr Aufmerksamkeit für faire Produkte wünschen. Foto: Stadt Marktheidenfeld

Was ist überhaupt fairer Handel? 

Wer etwas über fairen Handel wissen will, der sollte sich mit Christina Schlembach unterhalten. Sie ist Sprecherin des Marktheidenfelder Weltladens. Alle Produkte, die hier über die Ladentheke gehen, sind fair gehandelt. Doch was bedeutet das eigentlich? "Der Begriff 'fair' ist im Gegensatz zu 'bio' nicht geschützt", erklärt Schlembach. "Wir verstehen darunter, dass Bauern genug bezahlt wird, damit sie davon leben können." Dazu gehören auch transparente und langfristige Handelsbeziehungen, geförderte Schul- und Weiterbildung, das Verhindern von Kinder- und Zwangsarbeit

Der Weltladen ist aber nicht der einzige Laden in Marktheidenfeld, der faire Produkte verkauft. Der Bürobedarf von Thomas und Birgit Albert hat faire Schulranzen im Angebot. "Wenn jemand gezielt nach meiner Meinung fragt, dann mache ich auf das fair gehandelte Produkt aufmerksam", sagt Birgit Albert. Leider sei im Geschäft während und auch außerhalb der Fairen Woche die Nachfrage nach fairen Produkten gering. 

Tobis Bernstein, Geschäftsinhaber von Trendgalerie B2 zeigt die Fair gehandelten Trauringe. Foto: Lucia Lenzen

Ähnlich geht es Tobias Bernstein. "Bisher hat erst ein Pärchen gezielt nach fair gehandelten Ringen nachgefragt", erzählt der Geschäftsinhaber der Trendgalerie B2. Vor drei, vier Jahren sei er auf den Anbieter der Schmuckstücke aus Fairtrade-Gold aufmerksam geworden. Der Hintergrund: Mineure seien oft gefährlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt, würden aber meist einen bescheidenen Preis für ihr Gold erhalten. Die Fairtrade-Standards schreiben immerhin einen Mindestpreis vor, zudem erhalten die Arbeiter Prämien, um Gemeinschaftsprojekte zu finanzieren. Wer sich für das faire Schmuckstück entscheidet, muss mit einem Mehrpreis von nur zehn bis fünfzehn Prozent rechnen.

Das alles könnte Tobias Bernstein potentiellen Interessenten erzählen, die angeregt durch die Faire Woche in Marktheidenfeld in sein Geschäft kämen. Von einer gesteigerten Nachfrage in der Aktionswoche merkt der Geschäftsinhaber allerdings nichts. Er rechnet allerdings mit dem ein oder anderen Nachläufer.

Thomas Albert vom Bürobedarf Albert zeigt den fair gehandelten Schulranzen. Foto: Lucia Lenzen

Auch Marktheidenfelder Gastronomie bot fair gehandelte Gerichte an

Auch die Vegeria beteiligt sich an den Fairen Wochen. Es müsse mehr getan werden, sagt Inhaber Stefan Bauer, um faire Produkte in das Gewissen der Menschen zu rufen. Sie hätten einen Extra-Burger für die Aktion kreiert, ihm sei aber nicht aufgefallen, dass jemand deshalb gekommen wäre. Ähnliches berichten die Inhaber des Hotelrestaurants "Zur schönen Aussicht". Man habe zwei Gerichte aus fairem Handel im Angebot. Praktisch überall im Haus werde auf das Angebot hingewiesen. "Die Nachfrage ist trotzdem sehr gering", heißt es am Telefon. Und das, obwohl die Gerichte nicht teurer seien als der Rest. 

Wie haben die Marktheidenfelder die Fairen Wochen wahrgenommen? 

Die teilnehmenden Läden hätten nicht genug auf die Aktion hingewiesen, sind sich Passanten in der Marktheidenfelder Altstadt einig. Viele der Befragten hörten zum ersten Mal von den Fairen Wochen. Einige fanden das schade, die Sache an sich sei sehr lobenswert und wäre durchaus von mehr Menschen unterstützt worden, hätten sie denn davon gewusst. Manche Passanten sagten wiederum, die Aktion sei ihnen schlicht und ergreifend egal, auch wenn sie im Vorfeld davon gewusst hätten.

Christina Schlembach wundert das Umfrageergebnis nicht. Einer Umfrage zufolge sagen 61 Prozent der Deutschen, dass sie faire Produkte einkaufen würden. Pro Kopf geben die Deutschen jedoch nur 16 Euro pro Jahr für fair gehandelte Produkte aus. Deutschland sei, wie kein anderes Land, von Discountern geprägt, sagt Schlembach: "Wir kennen den Preis von Sachen, aber nicht ihren Wert." Vielen Menschen sei noch immer nicht bewusst, wie brutal der Welthandel zu den tatsächlichen Produzenten der Lebensmittel sei.

Wenn so wenige Produkte fair sind, sind dann alle anderen unfair? 

Trotz der mehr als guten Absicht wirft die faire Woche vor allem Fragen auf. Die drängendste ist: Wenn nur so wenige Produkte fair sind, sind dann alle anderen unfair? Die meisten ja, antwortet Schlembach. Zwar konzentriere sich der Weltladen vor allem auf Produkte aus den südlichen Ländern, aber sogar hierzulande sei fairer Handel bereits notwendig, wenn es zum Beispiel darum geht, Milchbauern einen angemessen Preis für jeden Liter zu zahlen.

Dennoch gibt es gute Nachrichten, auch aus Marktheidenfeld. Viele Produkte, die man aus der Region bezieht, sind auch fair. So macht es zum Beispiel das Hotelrestaurant "Zur Schönen Aussicht", das fast ausschließlich regionale Produkte verwendet, der Metzger ist ein Familienmitglied. In der Vegeria achte man sowieso schon immer auf Herkunftsort und Bio-Siegel der Zutaten. Thomas Bernstein von der Trendgalerie B2 sagt, dass Gold an sich ein Recycling-Produkt sei, weil alte Ringe in der Regel eingegossen und zu neuem Schmuck verarbeitet werden. 

Obwohl immer noch wenige fair gehandelten Produkten kaufen würden, sagt auch Christina Schlembach, dass die Nachfrage zumindest leicht steige. Obwohl es harte Arbeit sei, würden der Weltladen und auch die Stadt viel Bildungsarbeit und Vorträge über Fairtrade halten, auch an Schulen. Und es komme dann auch vor, dass Kinder ihre Eltern in den Weltladen zerren. Nur danach noch einmal kommen, würden die wenigsten. 

Folgende Firmen haben sich an den Fairen Wochen beteiligt
  • Bürobedarf Albert
  • Blumen Hamberger
  • B2 Trendgalerie
  • Schuhaus Leininger
  • Weltladen
  • Bräustüble
  • Hotel Anker
  • Hotel "Zur Schönen Aussicht"
  • Bistro Madeleine
  • Hotvolee Kitchen & Bar
  • Vegeria
  • Wertvoll - Smoothie und Kaffeebar
  • Kaffeehaus Franckstube

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