Lohr

Fehlende Geburtshilfestation: Was Schwangere in Main-Spessart erleben

Hebamme Yvonne Gunst aus Lohr listet eine ganze Reihe von Fällen auf. Sie alle zeigen, dass es nicht nur zu unangenehmen, sondern auch kritischen Situationen kommt.
Schaff ich es noch rechtzeitig ins Krankenhaus oder nicht? Schwangere in Main-Spessart müssen meist weite Strecken in die Geburtsklinik einplanen. 
Schaff ich es noch rechtzeitig ins Krankenhaus oder nicht? Schwangere in Main-Spessart müssen meist weite Strecken in die Geburtsklinik einplanen.  Foto: Thinkstock

Das Thema Geburtshilfe in Main-Spessart treibt die Menschen um. Im November diskutierten die Landratskandidaten im Klinikum Main-Spessart mit Hebamme Yvonne Gunst aus Lohr und Klinikreferent  René Bostelaar über die Situation der Schwangeren im Landkreis. Kurz darauf meldete  sich Isabel Frohnapfel, Regionalsprecherin der bundesweiten Elternvereinigung motherhood mit einer Einschätzung von Seiten des Vereins.

Doch was sagen die, die es betrifft: Frauen und werdende Mütter?  Wie ist es, wenn eine Frau aus Main-Spessart ein Kind erwartet und sich auf die Geburt in Würzburg vorbereitet? Welche Auswirkungen das für sie persönlich hatte, schildert Sabrina Klüpfel aus Lohr. 

Schon auf eine Geburt im Auto vorbereitet

"Für mich und meine gesamte Familie war die Zeit vor dem errechneten Geburtstermin sehr angespannt und vor allem für meine Eltern stark eingeschränkt", holt sie aus. Da die Geburt ihres ersten Kindes sehr schnell gegangen war, rechnete sie damit, dass das zweite noch schneller kommen würde. Deshalb habe ihr jeder Fachmann geraten, beim ersten Anzeichen von Wehen nach Würzburg zu fahren - eher zu früh als zu spät. 

Fand deutliche Worte: Im Krankenhaus Lohr diskutierte die Hebamme Yvonne Gunst aus Lohr mit den Landratskandidaten und mit Klinikreferent René Bostelaar über das Thema Geburtshilfe. 
Fand deutliche Worte: Im Krankenhaus Lohr diskutierte die Hebamme Yvonne Gunst aus Lohr mit den Landratskandidaten und mit Klinikreferent René Bostelaar über das Thema Geburtshilfe.  Foto: Lucia Lenzen

"Zusätzlich klärte man uns im Klinikum in Würzburg über Auto-Geburten auf und was wir dabei zu beachten hätten. Deshalb war der Rücksitz unseres Autos bereits drei Wochen lang mit Folie ausgelegt", führt Klüpfel aus. "Je näher der Geburtstermin rückte, desto paranoider wurde ich, da ich ja auf jedes Ziehen meines Körpers achten musste, um sofort zu erkennen, wenn es los geht. Je länger diese Situation andauerte, desto größer wurde meine Panik. Auch meine Eltern konnten sich nicht weiter als fünf Minuten von uns entfernen, denn sie mussten ja jederzeit einsatzbereit sein, um die Große schnellstmöglich zu übernehmen. All das führte zu zwei nächtlichen Einsätzen meiner Mutter, zahlreichen schlaflosen Nächten, in denen ich in meinen Körper ,lauschte' und zwei unnötigen Fahrten nach Würzburg, um vor Ort zu sein, falls das Ziehen sich zu Wehen entwickeln würde."

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Dann kam es, wie erwartet. "Nachdem ich fünf Tage über Termin war, entschied mein Gynäkologe, dass es an der Zeit sei mich in die Klinik zu schicken, obwohl das Ungeborene bestens versorgt war. Einzige Indikation: Vermeidung einer Autogeburt. Wie sich herausstellte, war diese Entscheidung genau richtig. Denn als die Geburt losging, kam alles so schnell, dass wir es auf keinen Fall rechtzeitig nach Würzburg in die Klinik geschafft hätten, sondern unser Kind vermutlich im Auto auf die Welt gekommen wäre."

Lauter eilige Fälle

Klüpfel war von Hebamme Yvonne Gunst aus Lohr betreut worden. Diese hatte für das Gespräch mit den fünf Landratskandidaten bei der Main-Post-Oldtimertour durch den Landkreis fünf weitere Fälle eiliger Geburten aufgelistet. Demnach hatte allein ihre Praxisgemeinschaft binnen vier Wochen im Herbst mit folgenden brisanten Situationen zu tun: 

  • Eine Frau aus Frammersbach musste eiligst nach Gelnhausen (schnellste Route: 40 Minuten), um dort ihr erstes Kind zu entbinden. Nach der Geburt musste sie aus medizinischen Gründen mehrmals zur Nachkontrolle dorthin fahren.
  • Eilig hatte es auch eine Frau aus Heigenbrücken, die ihr erstes Kind in Aschaffenburg zur Welt brachte. Schnellste Route: 30 Minuten. 
  • Eine Lohrerin musste - hochschwanger mit ihrem dritten Kind - mehrfach nach Würzburg (schnellste Route: 45 Minuten) fahren, weil sie über dem Entbindungstermin war. Auch hier notierte  Hebamme Gunst: eilige Geburt.
  • Eine Steinfelderin wollte ihr zweites Kind in der Missioklinik in Würzburg zur Welt bringen. Als die Wehen einsetzten, meldete sie sich von unterwegs zur Entbindung an - wurde abgelehnt wegen Überlastung, geriet in Panik. Schließlich rief die Klinik zurück: Sie könne doch kommen. Sechs Minuten nach der Ankunft war das Baby da.
  • Schnell ging es auch bei einer Schwangeren aus Lohr: So schnell, dass ihr viertes Kind auf dem McDonald's-Parkplatz in Karlstadt zur Welt kam. 

"In unserem Fall ging alles gut," beschloss Sabrina Klüpfel ihre Schilderung. "Jedoch halte ich es für eine Zumutung, dass so viele werdende Mütter wie ich Angst davor haben müssen, ihr Kind alleine und ohne professionelle Unterstützung auf die Welt bringen zu müssen. Ich halte eine Entbindungsstation im neuen Klinikum Main-Spessart für unverzichtbar."

Ungeplante Hausgeburt

Indes könnte Gunst die Liste von Geburten, die alles anderes als planmäßig und angenehm verlaufen sind, beliebig fortsetzen. Etwa vier Wochen ist es her, dass wieder einmal in Baby in Main-Spessart geboren wurde. In einem Dorf im Raum Lohr habe eine Kollegin einer Mutter bei der Geburt ihres Kindes beigestanden. Geplant war diese Hausgeburt allerdings nicht.

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