MASSENBUCH/HOFSTETTEN

Fleisch? Nein, danke! Bekannte Vegetarier im Raum Gemünden

Verzichten seit Jahrzehnten auf Fleisch: Die weithin bekannten Musiker Lissy und Hans Heilgenthal sind eingefleischte Vegetarier. Foto: Björn Kohlhepp

Die Deutschen essen und produzieren Fleisch wie die Weltmeister. Eine solche Lebensweise hat jedoch, das bestätigen Studien wie der kürzlich vorgestellte „Fleischatlas 2013“, gravierende Folgen für Umwelt, Klima, Gesundheit, Entwicklungsländer – und natürlich die Haltung der Schlachttiere. Immer mehr Menschen verzichten deshalb auf Fleisch. In Deutschland tun dies mittlerweile 1,5 Millionen. Wir haben uns mit Vegetariern im Raum Gemünden unterhalten.

Seit Ende der 50er schon gehört der Massenbucher Adolf Heidenreich dazu. Sogar Ärzte hätten damals noch vor dem vegetarischen Lebensstil gewarnt. „Man galt als Sektierer“, sagt der heute 75-Jährige über das Unverständnis, das ihm entgegenschlug. Über ein Jahrzehnt lang war der Diplom-Rechtspfleger sogar Chefredakteur der Zeitschrift „Der Vegetarier“. Wie das Leben so spielt: Über einen Artikel, der dabei auf seinen Tisch kam – „Nüsse, das Fleisch der Vegetarier“ –, begann sein Interesse für Nussknacker. Heute ist er Experte auf dem Gebiet.

Das erste Mal auf Fleisch verzichtet hat Heidenreich, als er etwa 20 war. „Ich war immer müde und kaputt.“ Seine damalige Freundin, eine Vegetarierin, empfahl ihm, er solle doch mal auf Fleisch verzichten. Eigentlich wollte er das nur kurz tun. Es bekam ihm jedoch gut, also blieb er dabei. Auch seine Frau ist Vegetarierin. Er könne sich gar nicht vorstellen, mit einer Frau zusammenzuleben, die Fleisch isst, sagt er.

„Weihnachten ist das größte Schlachtfest.“

Adolf Heidenreich lebt fast vegan

Bei Heidenreich spielt auch die Tierliebe eine Rolle. Schon als Junge habe er sich mit anderen geprügelt, weil die Käfer tottraten. Der 75-Jährige findet Menschen, die für Tierliebe gegenüber Haustieren eintreten, aber mehr oder weniger bedenkenlos Fleisch essen, inkonsequent. Für andere ist Weihnachten das Fest der Liebe, für ihn „das größte Schlachtfest“. Er leide schon, wenn im Restaurant am Nachbartisch jemand Fleisch isst.

Adolf Heidenreich lebt deshalb heute fast vegan, verzichtet zu Hause auf Eier und Milchprodukte. Was bleibt da noch? Morgens gibt es Obst, Nüsse, Trockenfrüchte, mittags meist Salat, abends Gemüse, Hirse, hin und wieder auch Nudeln und Reis. Er habe noch nie Mangelerscheinungen gehabt, sagt der Massenbucher.

Seit 30 Jahren lebt der Volksmusiker Hans Heilgenthal aus Hofstetten vegetarisch, seine Frau Lissy ebenfalls. Bei dem Paar denken viele, dass es recht bodenständig lebt, womöglich mit Geweihen als Dekoration. „Wir verblüffen Leute häufig“, sagt Hans. „Das schadet nicht.“ Früher hatte der 53-Jährige Hasen. Bei einem sei ihm das Schlachten besonders schwer gefallen. „Jetzt ist Schluss“, hat er sich da gedacht.

Bei den beiden sind es inzwischen viele verschiedene Gründe, warum sie vegetarisch leben: die Sorge um die Umwelt, der Hunger auf der Welt, Tierliebe, die eigene Gesundheit. Hans bemerkte, dass es für die Ausdauer besser ist, wenn man auf Fleisch verzichtet. Außerdem habe er festgestellt: „Man spart als Vegetarier Geld.“

Gerade bei ihren Auftritten sei es nicht immer einfach gewesen, etwas Ordentliches zu beißen zu bekommen, erzählen sie. So mancher Metzgereiwirt musste enttäuscht werden, wenn die beiden seine Schnitzel verschmähten. Im Zweifelsfall essen die Heilgenthals eben nur Kartoffelsalat und Weck dazu, einmal hat es sogar nur einen Senfweck gegeben.

Inzwischen sei es aber leichter, Vegetarisches zu bekommen. In Gaststätten gebe sich die Küche heute Mühe. „Es ist wichtig, dass man den Mund aufmacht und konsequent nach vegetarischem Essen fragt“, ist sich Lissy sicher. Nur so erführen Wirte überhaupt, dass die Nachfrage da sei. Wenn es ein gutes fleischloses Angebot gibt, glaubt die 49-Jährige, dann greifen auch Fleischesser gerne mal zur fleischlosen Variante. „Feste sind die letzten Bastionen, bei denen man sich schwer tut als Vegetarier“, weiß sie.

Zu Hause isst die Familie viel Gemüse aus dem eigenen Garten, im Kühlschrank hat Lissy Heilgenthal vegetarische Brotaufstriche, Wurstersatz, Tofu. Inzwischen sei Tofu, eine Art fester Quark aus Sojabohnen, auch, anders als früher, spannend gewürzt. Die Heilgenthals sind aber nicht päpstlicher als der Papst in ihrem Vegetarismus. Hin und wieder gibt es auch Fisch und „bei besonderen Gelegenheiten auch Wild“, sagt Hans. Sie wollen ihre Gewohnheiten niemandem aufdrängen, sagt Lissy. „Ich will aber auch nicht blöd bequatscht werden.“

„Ich will nicht blöd bequatscht werden.“

Lissy Heilgenthal Vegetarierin

Seit ihrem 16. Lebensjahr ist Stefanie Rumpel, Leiterin der Volkshochschule Gemünden, Vegetarierin. Damals war sie mit ihren Eltern auf den Seychellen im Urlaub. Irgendwann musste sie mit ansehen, wie in einem Hinterhof ein Pinguin umgebracht wurde. Als abends auf der Speisekarte „Pinguin“ stand, hatte sie genug von Fleisch und Fisch. Anfangs sollte es nur zum Test sein, ob das auch funktioniert. Es klappte. „Bis heute bin ich sehr glücklich“, sagt die 27-Jährige, die mit ihrem Mann in Hofstetten lebt.

Sie habe zwar noch nie im Leben ein Steak gegessen. Es sei aber nicht so, dass Fleisch ihr nicht schmecken würde. Ihr tun jedoch die Tiere leid, wie sie sagt. Wenn ihr Mann Fleisch isst, greift sie zur vegetarischen Variante aus Tofu. Fleisch lasse sich so inzwischen wunderbar ersetzen. Sie isst zwar viel saisonales Gemüse, auch Milch und Eier, aber auf „bio“ lege sie keinen Wert. Halbtags leitet Stefanie Rumpel noch die Nachmittagsbetreuung der Realschule in Lohr. Dort gebe es fünf bis sechs Kinder, die kein Fleisch essen.

Die Deutschen und ihr Fleischkonsum

Laut dem „Fleischatlas 2013“, Anfang Januar herausgegeben vom Bund Naturschutz und der Heinrich-Böll-Stiftung, essen 85 Prozent der Deutschen täglich oder fast täglich Fleisch. Fast 90 Kilogramm im Jahr. In Bayern und Ostdeutschland wird am meisten Fleisch gegessen.

Ein Durchschnittsdeutscher isst heute viermal so viel Fleisch wie einer Mitte des 19. Jahrhunderts, Männer deutlich mehr als Frauen. Das Fleisch kommt zumeist vorgepackt aus dem Supermarkt. Im Durchschnitt isst ein Deutscher in seinem Leben vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Vor allem Jüngere verzichten öfter auf Fleisch und Wurst. Die Mitgliederzahlen des Vegetarierbunds Deutschland haben sich seit 2008 verdreifacht. Mittlerweile leben rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland vegetarisch. Laut einer Forsa-Umfrage versuchen 52 Prozent der Deutschen, weniger Fleisch zu essen.

Zugleich wollen viele Verbraucher der Massentierhaltung und ihren Folgen entkommen und kaufen Bioware ein. Allerdings ist der Biofleischanteil noch gering: Der von Rindfleisch liegt bei vier, der von Schweinefleisch bei einem und der von Geflügel bei zwei Prozent.

Isst viele Nüsse: Adolf Heidenreich
Tofu statt Fleisch: Stefanie Rumpel

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