Karlstadt

Flüchtlingsschicksale: Kritiker des Präsidenten leben gefährlich

Abeer Alshehada hielt bei dem vom Helferkreis Karlstadt organisierten geselligen Abend einen Vortrag über ihre Heimatstadt Homs im Westen Syriens. Foto: Jürgen Kamm

Als der Helferkreis vor drei Jahren zum ersten Mal aus Syrien Geflüchtete und Einheimische zu einem Grillabend einlud, waren aufgrund der Sprachbarriere kaum Unterhaltungen möglich. Das hat sich geändert, jetzt hielten drei der neuen Mitbürger im Jugendzentrum, das die Syrier "das grüne Haus" nennen, kurze Vorträge über ihr früheres Leben in Vorderasien und ihre Flucht. Danach waren alle eingeladen sich am Büfett zu bedienen. Syrische Männer hatten Hackfleisch und Fisch, beides war nach den Regeln des Islam halal, über Holzkohle gegrillt, syrische und deutsche Frauen hatten Salate dazu mitgebracht.

Bei den Vorträgen platzte der Hauptraum im Jugendzentrum schier aus den Nähten. Sakine Azodanlou, die sich auch im Helferkreis engagiert, trug angesichts von schätzungsweise 110 Besuchern, darunter viele Kinder jeden Alters, alles an Stühlen zusätzlich in den Raum, was aufzutreiben war. Die große Resonanz geht auch darauf zurück, dass diesmal nicht nur über die Zeitung eingeladen wurde, sondern auch persönlich und über WhatsApp.

Nach der Begrüßung erklärte Abeer Alshehada, dass der Staat Syrien in Vorderasien liegt und an Israel, Jordanien, den Libanon, das Mittelmeer, die Türkei und den Irak grenzt. Abeer Alshehada ist 19 Jahre alt und lebte früher in Stadt Homs im Westen Syriens, die mit über einer Million Einwohner nach der Hauptstadt Damaskus und Aleppo die drittgrößte Stadt Syriens war. 185 000 Quadratkilometer Landesfläche entsprechen grob der halben Größe Deutschlands, doch nur ein Drittel ist fruchtbares Land, der Rest trockene Steppe oder Wüste. Wirtschaftlich sind Erdöl, Textilien und Nahrungsmittel von Bedeutung.

Offiziell ist Syrien eine Republik, Präsident Baschar al-Assad regiert in einem präsidal-parlamentischen Einparteiensystem. "Es gibt keine Meinungsfreiheit und es ist gefährlich, den Präsidenten zu kritisieren", erklärte Abeer Alshedada. Der Geheimdienst bespitzele die Bevölkerung, letztlich sei es eine Diktatur. Von einst 21 Millionen Einwohnern sind als Folge des Bürgerkrieger über  fünf Millionen ins Ausland geflüchtet.

Die Heimatstadt der jungen Frau galt im Bürgerkrieg als Hochburg des Protests gegen den Präsidenten und war mehrfach Ziel von Angriffen und einer Offensive der syrischen Armee. Heute ist Homs laut Abeer Alshedada eine Geisterstadt. "Das sieht aus wie bei uns 1945", entfuhr es Einheimischen als sie zum Schluss ein Video zeigte. Da konnte man verstehen, warum die Familie die Flucht über Damaskus und den Libanon auf sich nahm, mit einer gefährlichen Fahrt über Mittelmeer mit 50 Personen in einem Schlauchboot nach Griechenland. Der Empfang in Deutschland ist ihnen als herzlich im Gedächtnis geblieben. Sami Abbas bedankte sich nicht nur dafür überschwänglich, sondern auch für die Hilfe und Unterstützung in Karlstadt.

Gelungene Integration

Wie sich die neuen Mitbürger integrieren, machte der Vortrag von Hoda Alshehabi deutlich. Sie ist seit fast vier Jahren in Deutschland. In Karlstadt lernte sie dank der Volkshochschule etwas Deutsch und arbeitet inzwischen im Café Schrödl in der Küche. Ihr Mann fand Arbeit im Karlstadter Seniorenheim, auch dank der Unterstützung vom Helferkreis kann die Familie mit zwei Kindern ihren Lebensunterhalt jetzt aus eigener Kraft bestreiten.

Schulkinder wurden gefoltert

Wie gefährlich kritische politische Äußerungen in Syrien sind machte der Vortrag von Mohammed Fares deutlich. Am 15. Februar 2011 hatten Schulkinder in Dar?a auf eine Mauer der Schule "Nieder mit Assad" gesprüht. Sie wurden verhaftet und unter Folter verhört, dabei wurden ihre Fingernägel abgezogen. Letztlich musste jeder, der an einer der vielen Demonstrationen für Freiheit teilnahm, damit rechnen von der Polizei oder der Armee erschossen zu werden, viele Demonstranten wurden auch von den Sicherheitsdiensten verfolgt.

Mohammed Fares beendete seinen Vortrag mit dem Satz: "Ich habe fünf Kinder und eine Tochter". Den Unterschied machte er, weil er nicht weiß, wo seine Tochter ist.

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