Marktheidenfeld

Foodsharing: Lebensmitteln eine zweite Chance geben

Wer Essen übrig hat, muss es nicht wegwerfen. Auch in Main-Spessart setzen sich engagierte Menschen dafür ein, dass es an andere verteilt wird. Und sie suchen Mitstreiter.
Vor dem Abfall gerettete Lebensmittel: Die Initiative Foodsharing rettet ungewollte und übriggebliebene Lebensmittel in privaten Haushalten sowie von kleinen und großen Betrieben.  Foto: Foodsharing e.V.

Die Frage hat sich jeder schon einmal gestellt: Wo landen all die Brötchen, die nach einem normalen Verkaufstag beim Bäcker übrig bleiben? Oder die Lebkuchenherzen, die an Weihnachten nicht über die Ladentheke gehen?  Viele dieser Dinge werden von den Tafeln abgeholt. Aber nicht alles. Foodsharing heißt eine bundesweite Initiative, die sich gegen Lebensmittelverschwendung engagiert und ungewollte und überproduzierte Lebensmittel in privaten Haushalten sowie von kleinen und großen Betrieben "retten". 2012 in Berlin gegründet, gibt es mittlerweile auch in Main-Spessart zwölf sogenannten Foodsaver, also Menschen, die sich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen.

Bisher nur Abholstellen in Karlstadt und Zellingen 

Koordiniert wird die Gruppe von Denise Sendelbach aus Urspringen und Jennifer Ashley aus Marktheidenfeld. Sie sind auch für die Akquise neuer Abholstellen zuständig. Darunter fallen zum Beispiel Cafés, Bistros und inhabergeführte Märkte. "Bäckereibetriebe oder Supermarktketten mit mehr als drei Filialen dürfen wir nicht ansprechen", erläutert Sendelbach. Das übernimmt ein Key-Account-Manager von Foodsharing, um Doppelanfragen zu vermeiden. 

Denise Sendelbach (rechts) und Jennifer Ashley haben Foodsharing Marktheidenfeld ins Leben gerufen.  Foto: Foodsharing Marktheidenfeld

In Main-Spessart gibt es bisher nur feste Abholstellen in Karlstadt und Zellingen, die Übriggebliebenes weitergeben.  Das möchte die Gruppe gerne ausweiten. Dazu braucht es zunächst einmal Werbung: "Viele kennen uns noch nicht", ist sich Sendelbach bewusst. Deshalb stelle sie sich gern persönlich bei den Betrieben vor.  "Wer bin ich? Was macht Foodsharing?", sind die ersten Fragen, die sie klärt. "Viele Betriebe sagen uns auch ab, weil sie bereits für die Tafel spenden", berichtet die Foodsaverin über ihre Erfahrungen, "oder weil sie ihre nicht verkauften Brötchen zu Weckmehl verarbeiten; oder weil sie einfach so gut kalkulieren, dass sie abends nichts übrig haben."   

Wertschätzung der Lebensmittel und der Arbeit, die drin steckt

Seit ein paar Monaten als Abholstation bei Foodsharing MSP dabei ist die Bäckerei Backspiel aus Zellingen. Die Anfrage von Denise Sendelbach kam genau zu einem Zeitpunkt, als die Tafel ihre Abholdienste in Zellingen zurückfuhr.  "Ich finde es gut, wenn die Sachen an Menschen weitergegeben werden", sagt Doris Kuhn, die mit ihrem Mann Andreas Kuhn Filialen in Zellingen und Karlstadt betreibt. So würden Lebensmittel, aber auch die Arbeit im Betrieb, der Lebensmittel herstellt oder verarbeitet, geachtet und wert geschätzt. "Normalerweise müssen wir abends einen Großteil der Ware weg tun", erläutert sie. Wenn die Backwaren niemand abholen kann, rufen sie den örtlichen Bauern an, der die übrig gebliebenen Brötchen und Brote als Tierfutter abholen kommt. Denn die Backwaren-Theke bis 18 Uhr leer zu bekommen, sei so gut wie unmöglich, macht Doris Kuhn deutlich. Schließlich müsse man Kunden auch kurz vor Ladenschluss noch etwas anbieten können. 

Foodsharing: Keine Konkurrenz zur Tafel

Dass Foodsharing keine Konkurrenz zur Tafel ist, ist den Foodsavern wichtig. "Die Tafel hat immer Vorrang, wir nehmen nur das, was dort nicht genommen wird", sagt sie. Kommt es zur Zusammenarbeit mit einem Unternehmen erklärt Sendelbach die Details: Zum Beispiel, dass die Betriebe aus der Haftung raus sind, sobald die Produkte von Foodsharing abgeholt werden. Um die Kühlkette bei verderblichen Lebensmitteln einzuhalten, hat die Initiative extra Kühlboxen und einen zweiten Kühlschrank angeschafft.  

Eine Wagenladung voller Kürbisse: Beim Abholen der Lebensmittel ist Denise Sendelbach oft auf ein großes Auto angewiesen.    Foto: Foodsharing Marktheidenfeld

Überschüsse werden an sozial schwächere oder ältere Menschen verteilt

Was passiert mit den Lebensmitteln nach der Abholung? Zum einen werden sie in eigenen WhatsApp-Gruppen, im Freundes- und Bekanntenkreis angeboten. Zum anderen gibt es einen Abnehmerkreis, sozial schwächer gestellte und ältere Menschen, die die Foodsaver mit den Überschüssen versorgen. Zudem gibt es seit 2018 die Facebook-Gruppe "Foodsharing Marktheidenfeld", in der die abgeholten Lebensmittel angeboten werden. Hier besteht auch die Möglichkeit, dass die Mitglieder selbst Produkte zum Austausch anbieten, zum Beispiel bei Fehlkäufen oder wenn sie  Überschüsse haben. Geplant ist hier auch auch regelmäßiger Stammtisch.

Über 6000 Menschen engagieren sich in Würzburg in Foodsharing-Gruppen, weiß Sendelbach, davon seien 250 ausgewiesene Foodsaver. Von diesen Zahlen ist Main-Spessart weit entfernt. Dennoch sehen die beiden Foodsaver auch in der Region viel Potenzial. Denn:"Foodsaver kann jeder ab 18 Jahren werden, vom Beamten bis zum Sozialhilfeempfänger", erklärt Sendelbach. Wichtig sei nur, dass man den Sinn dahinter verstanden habe. 

Prinzip Foodsharing
Seit 2012 kümmert sich die Foodsharing-Bewegung darum, gute Lebensmittel vor dem Müll zu bewahren. Sogenannte Foodsaver verteilen sie ehrenamtlich und kostenfrei im Bekanntenkreis, der Nachbarschaft, in Obdachlosenheimen, Schulen, Kindergärten und über die Plattform foodsharing.de. Zusätzlich stehen öffentlich zugängliche Regale und Kühlschränke, sogenannte „Fair-Teiler“, allen zur Verfügung. 200 000 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nutzen regelmäßig die Internetplattform.
Die Foodsharing-Gruppe Main-Spessart ist zu erreichen unter Main.spessart@foodsharing.network. Quelle: Foodsharing.de

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