MAIN-SPESSART

G 8 oder doch wieder G 9?

Reform der Reform: Laut Ministerpräsident Seehofer sollen sich die Gymnasien entscheiden können, ob sie das G 8 oder G 9 anbieten. Was sagen die Schulleiter zu diesen Plänen?
Robert Wolz
Robert Wolz

Bayerns Gymnasien sollen bald selbst entscheiden können, ob sie künftig das Abitur in acht oder in neun Jahren anbieten. So hat es jedenfalls Ministerpräsident Horst Seehofer Ende Juli versprochen und Kultusminister Ludwig Spaenle hat sich dieser Position angeschlossen. Doch wie sind die beiden Optionen ausgestaltet? Dies ist auch knapp drei Monate nach Seehofers Ankündigung offen. Zudem gibt es Widerstand aus der CSU-Landtagsfraktion. Dort wollen führende Bildungspolitiker Seehofers angekündigte G 9-Variante offenbar verhindern.

Was gilt nun und ab wann? Gibt es eine mögliche Rückkehr zum G 9, wie von Seehofer für das Schuljahr 2018/19 angekündigt? Ist an den Gymnasien künftig beides möglich? Fünf Gymnasien gibt es im Landkreis Main-Spessart. Wir fragten die Direktoren, welchen Weg sie für richtig halten.

Walter Fronczek (Foto: Kohlhepp), Schulleiter des Friedrich-List-Gymnasiums in Gemünden, muss schmunzeln, als er nach dem für ihn richtigen Weg gefragt wird. „Wissen Sie“, sagt er am Telefon, „ich war bis vor zwei Jahren stellvertretender Vorsitzender des bayerischen Philologenverbands.

“ Als solcher habe er die Position des Verbands zur Gymnasialreform mitgeprägt und nach außen vertreten. Und diese Position ist eindeutig: „Ich bin der festen Überzeugung, dass ein neunjähriges Gymnasium das Richtige ist“, sagt er. Denn die Schüler würden vom Schulstoff stärker profitieren, wenn sie mehr Zeit dafür hätten und diesen vertiefen könnten, meint er. Die Hausaufgaben dürften nicht ständig unter dem Druck des Nachmittagsunterrichts stehen.

Ein anderer Aspekt ist für Fronczek die Reife der Schüler. „Sollen denn die 17-Jährigen mit Mama und Papa an der Hand zur Uni gehen?“, fragt er. Auch um den Lernstoff zu verstehen, bedürfe es eines gewissen Alters; Fronczek nennt als Beispiel Goethes Faust. Es gebe einen „Riesenunterschied“ beim Verstehen der Literatur, wenn die Schüler älter sind.

In Gemünden gibt es neben dem Franz-List-Gymnasium auch die Theodosius-Florentini-Schule, das vormalige Mädchenbildungswerk, das ebenfalls zum Abitur führt. Nach den Plänen Seehofers gibt es eine Wahlmöglichkeit. Könnte also die eine Schule in acht Jahren, dafür die andere in neun Jahren zum Abitur führen? Davon hält Fronczek nichts. Für ihn ist für alle ländlichen Gymnasien im Landkreis ein neunjähriges Gymnasium der beste Weg. Aber es sollte Schülern, die das wollen, auch das Abitur in acht Jahren ermöglicht werden. Dabei könnte er sich eine Zusammenarbeit mit der Theodosius-Florentini-Schule vorstellen.

Schulleiter dort ist Robert Wolz (Foto: Schelbert). „Das ganz Thema ärgert mich“, sagt dieser. „Ich erwarte eine klare Ansage von der Politik, wo die Reise hingeht.“ Die Politiker sollten mehr Mut haben. Ein Modell in Gemünden, dass das eine Gymnasium in der Stadt G8, das andere G9 anbietet, kann sich Wolz nicht vorstellen. „Wenn 70 Prozent der Eltern, wie dies die Resonanz auf die laufenden Pilotprojekte zeigt, sich für den neunjährigen Zug entscheiden, dann ist doch klar, wo die Sache hingeht“, sagt er. Er wolle der Diskussion in der Elternschaft und im Lehrerkollegium nicht vorgreifen, aber die Tendenz sei bei ihm deutlich – hin zum neunjährigen Gymnasium.

Auch Albert Häusler (Foto: Mecker), Schulleiter des Johann-Schöner-Gymnasiums in Karlstadt, würde eine Rückkehr zum G 9 begrüßen. „Dann hätten die Schüler mehr Zeit, man würde den Druck mindern“, sagt er und meint: „Es ist doch bei den Schülern wie bei einem guten Wein, der braucht auch Zeit zum Reifen.“ Warum müssen die Schüler schon mit 17 ihr Abitur machen? Häusler sieht sich mit dieser Einschätzung in Übereinstimmung mit den meisten Eltern. Seiner Meinung nach gebe es 30 bis 40 Prozent der Schüler, die mit dem G 8 gut zurechtkommen, die anderen würden aber mehr Zeit brauchen.

Mit beiden Optionen gut leben kann dagegen Christian Conradi (Foto: Ungemach), Schulleiter des Franz-Ludwig-von-Erthal-Gymnasiums in Lohr. Die Wahlfreiheit finde er im Prinzip gut, allerdings sollte es in dieser Frage seiner Meinung nach eine Grundsatzentscheidung für alle Gymnasien geben. Dass das eine Gymnasium das G 8 anbietet, ein benachbartes Gymnasium dafür das G 9 – das halte er für einen ländlichen Landkreis nicht für richtig. Daher müsse es eine klare Entscheidung für eine Richtung geben und dann müssten die Weichen eingebaut werden, damit Schüler entweder schneller oder langsamer das Abitur machen können.

Conradi sieht, dass viele Schüler mit dem G 8 gut zurechtkommen, andere wären besser im G 9 aufgehoben. Eine Rückkehr zum alten G 9 sei aber unmöglich – allenfalls werde es eine Weiterentwicklung geben.

„Man braucht dann wohl einen anderen Namen“, meint Schulleiter Hartmut Beck (Foto: Lenzen), damit es nicht wie eine Rückwärtsrolle aussieht. Beck sieht aber eine klare Tendenz hin zu einem neunjährigen Zug am Balthasar-Neumann-Gymnasium in Marktheidenfeld.

Dies sei der Wunsch der Mehrheit der Eltern und Schüler, ist er überzeugt. Vor allem die Nachmittage könnten – bis vielleicht auf einen – vom Unterricht frei bleiben, so dass die Schüler Zeit hätten, Sport- oder Musikvereine zu besuchen. Beck kündigt an, dass diese Entscheidung an seinem Gymnasium in Absprache mit dem Sachaufwandsträger, den Eltern und dem Kollegium gefällt werde.

Es sollen nun in einer „Dialogphase“ die relevanten Gruppen zu Wort kommen. Die grundlegenden Beschlüsse über die Richtung könnten dann im Frühjahr 2017 getroffen werden.

Pilotprojekt Mittelstufe plus

In einem Pilotversuch wird an 47 bayerischen Gymnasien ab dem Schuljahr 2015/2016 die Mittelstufe plus als zusätzliches Angebot getestet. Dabei wird die Mittelstufe auf vier Jahre verlängert. Einzelne Fächer werden dazu aus den Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 in die neu geschaffene Jahrgangsstufe 9+ verlegt. Kernfächer wie Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen erhalten jeweils drei zusätzliche Wochenstunden, der Lehrstoff dieser Fächer wird auf vier Jahre verteilt.

Im Durchschnitt wählten zum Pilotbeginn 59 Prozent der Schüler an den teilnehmenden Schulen die Mittelstufe plus. Walter Fronczek, Direktor am Gymnasium Gemünden, bezeichnet das Pilotprojekt als Irrweg. Der Philologenverband kritisiert, dass dabei nur die Mittelstufe entzerrt werde. Der Versuch diene vor allem dazu, die Rückkehr zu einem neunjährigen Gymnasium trickreich zu torpedieren.

47 Schulen haben den Zuschlag für dieses Pilotprojekt bekommen, darunter keine im Landkreis Main-Spessart. Es sind in Unterfranken das Spessart-Gymnasium Alzenau, das Friedrich-Dessauer-Gymnasium Aschaffenburg, das Rhön-Gymnasium Bad Neustadt, das Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld, das Frobenius-Gymnasium Hammelburg, das Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg und das Röntgen-Gymnasium Würzburg.

Geplant war vom Kultusministerium, sollte sich die Pilotphase bewähren, jedem Gymnasium freizustellen, die Mittelstufe Plus anzubieten.

C. Conradi
C. Conradi Foto: Johannes Ungemach
Albert Häusler
Albert Häusler Foto: Oliver Mecker
Hartmut Beck
Hartmut Beck Foto: Lucia Lenzen
Walter Fronczek
Walter Fronczek
Abitur - Gymnasium G8 und G9       -  Welchen Weg soll es künftig an den Gymnasien geben? G 8 oder G 9? Ministerpräsident Seehofer hat eine Wahlfreiheit für jedes Gymnasium ab dem Schuljahr 2018/19 angekündigt. Dagegen wehren sich Bildungspolitiker, die am G 8 festhalten wollen.
Welchen Weg soll es künftig an den Gymnasien geben? G 8 oder G 9? Ministerpräsident Seehofer hat eine Wahlfreiheit für jedes Gymnasium ab dem Schuljahr 2018/19 angekündigt. Dagegen wehren sich Bildungspolitiker, die am G 8 festhalten wollen. Foto: Armin Weigel (dpa)

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Karlstadt
  • Gemünden
  • Marktheidenfeld
  • Lohr
  • Klaus Gimmler
  • Abitur
  • CSU-Landtagsfraktion
  • Christian Conradi
  • Friedrich-Dessauer-Gymnasium Aschaffenburg
  • Frobenius-Gymnasium Hammelburg
  • Gruppe der Acht
  • Horst Seehofer
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld
  • Ludwig Spaenle
  • Rhön-Gymnasium Bad Neustadt
  • Röntgen-Gymnasium Würzburg
  • Schulrektoren
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
2 2
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!