Gemünden/Lohr

Gegen Rheuma: Cannabispflanzen auf Dachterrasse

Dass die Hanfpflanzen auf seiner Dachterrasse von der Straße aus zumindest ansatzweise sichtbar waren, wurde einem 58-jährigen aus dem Raum Lohr zum Verhängnis: Nachdem eine Zivilstreife genau hingesehen hatte, kam es im Juli 2018 zu einer Durchsuchung, bei der 1,5 Kilogramm lebende Pflanzen und getrocknete Pflanzenbestandteile sichergestellt wurden. Der Besitz von insgesamt 66,8 Gramm THC, das ist der Wirkstoff der Cannabispflanze, brachte dem Handwerker vor dem Schöffengericht Gemünden nun eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten samt 1400 Euro Geldauflage ein.

Das Urteil fiel relativ gering aus, weil Amtsgerichtsdirektor Thomas Schepping und die beiden frisch vereidigten Schöffen wie auch der Staatsanwalt von einem minderschweren Fall ausgingen, was den Strafrahmen von mindestens einem Jahr auf drei Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe verschiebt.

Der bislang unbescholtene Spessartbewohner gab an, dass Marihuana als Medikament gegen seine starken rheumatoiden Schmerzen zu benutzen. Das helfe ihm besser als alle gängigen Schmerzmedikamente, bei deren Einnahme er unter massiven Nebenwirkungen gelitten habe. Diese reichten laut einem Attest seines Arztes bis zu einer Magenentzündung. Laut dem Mediziner waren außer der schulmedizinischen Behandlung auch Versuche alternativer Schmerztherapien wie Laserbehandlung und klassischer Akkupunktur erfolglos gewesen.

Konkret gab der Mann an, abends, aber nicht täglich, etwas geraucht zu haben. So habe er seiner schweren handwerklichen Tätigkeit nachgehen können, ansonsten komme er kaum die Treppe hoch. Den Tipp habe er einmal von einem anderen Handwerker bekommen. Nachdem ihm das Cannabis gut geholfen habe, habe er mit dem Anbau begonnen und auch einen Vorrat angelegt. "Nur für mich", betonte er. Bei der Hausdurchsuchung wurden keine Utensilien gefunden. die auf Verkauf schließen lassen.

Sein Arbeitgeber würdige ihn schriftlich als engagierten und untadeligen Mitarbeiter, der sich trotz eines Meistertitels in einem anderen Metier in die Tätigkeit der Baubranche eingearbeitet habe und den er gerne behalten würde.

Wie der Angeklagte und sein Verteidiger angaben, läuft inzwischen ein Antrag auf Aufnahme in ein Canabisprogramm, womit entsprechende Medikamente auf Rezept bezogen werden können. Die Genehmigung sei nur noch eine Formsache. So lange behelfe sich der 58-Jährige nun mit klassischen Schmerzmitteln. Dass  er derzeit Urlaub habe, erleichtere das.

Rein rechtlich war die "nicht geringe Menge" von 7,5 Gramm THC deutlich überschritten. Schon der Staatsanwalt plädierte aufgrund der Umstände aber auf einen minderschweren Fall. Alle Angaben und auch das Geständnis des Mannes seien nachvollziehbar. Er forderte eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten und eine geringe Geldauflage.

Der Verteidiger hielt sogar eine Strafe von unter sechs Monaten für angemessen. 2015 habe das Oberlandesgericht Neu-Isenburg in einem Fall, bei dem die "nicht geringe Menge" um das Neunfache überschritten gewesen sei, eine solche Strafe verhängt und in eine Geldstrafe umgewandelt. "Ich weiß, dass ich bestraft werden muss und kann nur um eine milde Strafe bitten", sagte der Handwerker im letzten Wort.

Letztlich entschieden sich der Vorsitzende Richter Thomas Schepping und die Laienrichter für sechs Monate Freiheitsstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Als Auflage muss der Verurteilte 1400 Euro an die psychosoziale Beratungsstelle der Caritas in Lohr bezahlen, die er schon selbst in Anspruch genommen hat.

Das Urteil ist rechtskräftig.

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