Lohr

Gitarrenunterricht via Bildschirm: Was geht und was nicht

Es geht: Gitarrenlehrer aus Main-Spessart haben in Corona-Zeiten auf Fernunterricht umgestellt. Aber es geht nicht alles und auf jeden Fall anders als gewohnt.
Musiklehrer Georg Fath unterrichtet eine seiner Schülerinnen, Petra Breitenbach, via Skype.
Musiklehrer Georg Fath unterrichtet eine seiner Schülerinnen, Petra Breitenbach, via Skype. Foto: Roland Pleier

"Ganz langsam: ... drei, vier ..." Georg  Fath gibt das Tempo, den Rhythmus und drei Gitarrengriffe vor, spricht in ein Mikrofon. Ein zweites hat er vor das Schallloch seiner Gitarre platziert. Vom großen Bildschirm vor ihm schaut ihm Emil Vormwald auf die Finger, einer seiner 40 Schüler. Hochkonzentriert. "Und Du ..." Jetzt legt der zwölfjährige Schüler los. Bildschirm-Telefonie, in den 1980er Jahren noch visionärer Traum, der allenfalls in Sciencefiction-Filmen geträumt wurde, ist längst Alltag geworden. Beflügelt durch die Corona-Krise. Fath sitzt in seiner "Sunny Musicschool" in der Lohrer Hauptstraße, Emil zuhause in Sackenbach.

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Georg Fath, Sunny Musikschule
Georg Fath, Sunny Musikschule Foto: Roland Pleier

"Okay, jetzt üben wir mal die Akkorde a bissle durch: A-Moll, C-Dur und G-Dur." Fath ist nicht ganz zufrieden. Die Griffe wollen sauber gesetzt sein. Also nochmal. Fath spielt erneut A-Moll an und Emil macht, was er gewohnt ist: Er spielt mit. Fath bricht sofort ab. "Nee, Moment, das geht nicht. Wegen der Latenz", lächelt er seinen Schüler an.

Die Latenz, das verzögerte Ankommen des Tonsignals, macht ein zeitgleiches Zusammenspielen unmöglich. "Wenn ich spiele und er gleichzeitig, dann sehen wir das zwar, aber der Ton kommt verzögert an. Das ist ein technisches Problem, das nicht lösbar ist."

Professionelle Ausrüstung ist hilfreich

Fath sorgt mit seiner professionellen Studioausrüstung wenigstens dafür, dass er selbst "so gut wie möglich" bei seinem Schüler ankommt. Dass umgekehrt Emils Spiel bei ihm akustisch mindere Qualität hat, sei "völlig klar, weil die Mikrofone in den Tablets und Handys nicht so gut sind." Doch das nimmt Fath in Kauf.  

Emil schaut seinem Lehrer lächelnd zu, dann erst ist er dran. "It never rains in California" – ein Song, fast viermal so alt wie der junge Sackenbacher.  

Wie technische Möglichkeiten ausgenutzt werden

Nächster Schritt: Fath spielt das Original von Albert Hammond ein. Das geht auf dem Video-Kanal Youtube – bei unveränderter Tonhöhe –  auch langsamer, zum Üben. Auch damit ist Emil bei seinem zweiten Online-Unterricht vertraut: Während Bild und Ton per Facetime übertragen werden, aktiviert er den Song auf dem Tablet, das er neben sich liegen hat. 

Emils Tablet kann Fath nur ganz leise hören, wohl aber gut, was sein Schüler spielt. Auch, dass er einen kleinen Hänger hatte. "Hast gemerkt: Da warst grad einen Moment nicht aufmerksam und schon war der Akkord da – und wieder weg ... der Verregger. So ist es aber manchmal im Leben: Manchmal geht's ganz schnell."

Das Ende der Unterrichtseinheit naht. "Ich mach Dir nachher noch ein Video, in dem ich es genau so vorspiele, wie wir es jetzt gemacht haben", kündigt Fath an. "Dann kannste das schon mal üben. Achte drauf, dass, Deine Akkorde sauber klingen, wenn Du umgreifst. Ich schick Dir den Film gleich aufs Handy. Hast Du noch Fragen?" Emil bleibt einsilbig: "Nö." 

Tim Jäger beim Rock Open Air 2018 im Industriegebiet Lohr.
Tim Jäger beim Rock Open Air 2018 im Industriegebiet Lohr. Foto: Roland Pleier

Tim Jäger: Schüler sind froh über einen festen Termin

Auch andere Gitarrenlehrer aus Main-Spessart haben wegen der Coronakrise auf Fern-Unterricht umgestellt. "99 Prozent nehmen's positiv auf und sind froh, einen festen Termin zu haben", sagt Tim Jäger von der Musikwerkstatt Marktheidenfeld. "Das ist wenigstens ein bisschen Normalität." Auch er unterrichtet um die 40 Schüler und fast alle machen mit. Dabei spielt auch bei ihm die technische Ausrüstung der Schüler eine Rolle.

"WhatsApp hat die schlechteste Qualität", hat der 40-Jährige festgestellt. "Wobei es da auch auf die Uhrzeit ankommt." Erst abends habe man damit "gute Karten". Via Skype und Facetime funktioniert es etwas besser; vorteilhaft sei auch, wenn der Schüler ein Tablet besitzt.

Mit einem seiner Schüler nutzt er Jamulus, eine spezielle Software, die sogar ein gleichzeitiges Zusammenspiel ermöglichen soll. "Da muss man sich technisch schon reinfuchsen, braucht Interface und kommuniziert über eine eigene Serververbindung." Doch ein vollwertiger Ersatz ist auch das nicht: "In der Musik kommt es auch auf Millisekunden an."

"Es geht vieles", fasst Jäger zusammen. "Es ist auch ganz gut zum Überbrücken. Aber auf Dauer ersetzt es den persönlichen Unterricht nicht. Und mit Anfängern ist es echt bedenklich", hat er die gleiche Erfahrung gemacht wie Fath. 

Stephan Schmitt, hier mit seiner musikalischen Partnerin Conny Morath, die als 'famos' auftreten.
Stephan Schmitt, hier mit seiner musikalischen Partnerin Conny Morath, die als "famos" auftreten. Foto: Markus Rill

Stephan Schmitt: eine Woche lang rumgebastelt

Stephan Schmitt aus Karlstadt hat seine technischen Startschwierigkeiten inzwischen überwunden. "Ich hab eine Woche lang rumgebastelt", erzählt der 45-Jährige. Auch er ist überzeugt: "Es ist total wichtig, dass man zusammenspielen kann." Das liege an vielen Kleinigkeiten wie den Takt vorzählen oder mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle bei den Noten zeigen.

"Für die Kids ist das ganz lustig so", sagt Schmitt. "Aber auf Dauer ist das nix." Er arbeite jetzt noch die Stunden ab, die schon bezahlt sind. Wenn dann musikalisch gar nichts mehr läuft, "dann geh ich halt aufs Spargelfeld", witzelt er. 

Zukunft als Familienband?

Für Petra Breitenbach aus Sendelbach war es keine Frage, ob sie das Online-Angebot Faths annimmt oder nicht. "Na klar", sagt sie. Dabei bleibt sie auch, obwohl sie erst vor vier Wochen mit dem Gitarrespielen angefangen hat und seit der dritten Lektion nur online unterrichtet wird. "Gitarre fehlt noch bei uns in der Familie", erläutert sie ihre Motivation: Der Mann spielt Bass, die beiden Kinder Schlagzeug und Keyboard. Da könnte die Corona-Krise dauern,  solange sie will: Die Zukunft der Familienband scheint gesichert. 

Aaron Mück aus Neuendorf ist erst vor einem halben Jahr zu Fath gewechselt. "Den Umständen entsprechend geht das ganz gut", sagt der 14-Jährige über den Online-Unterricht. Die Fahrt zum Unterricht spart er sich nun. Vorbereiten muss er sich wenig: Gitarre am Verstärker anstöpseln, Notenständer aufbauen, Skype starten – und auf Faths Anruf warten. Und dann arbeitet er am Solo von Carlo Santanas "Oye Como Va". "Georg spielt vor und erklärt, wie ich es machen soll und ich spiel's dann nach." So einfach geht das – auch in Corona-Zeiten.

Georg Fath: "Total anstrengend"

Nach zwei Wochen ist Fath allerdings fix und fertig. "Das ist total anstrengend", meint der 60-Jährige. "Ich verstehe gar nicht, wie andere den ganzen Tag lang am Bildschirm arbeiten können ..." Deshalb sind bei ihm jetzt erst einmal Osterferien angesagt. Und die meisten seiner Schüler dürften viel Zeit zum Üben haben ... 

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