Gemünden

Gott in Christus sehen und abbilden

Ikonen aus verschiedenen Ländern und Stilrichtungen waren in der Ikonenausstellung in der Scherenberghalle in Gemünden zu sehen. Foto: Karl Anderlohr

Ikonen, die Kultbilder der Ostkirche, finden zunehmend auch im Westen Freunde. Man findet sie in katholischen und auch in evangelischen Kirchen und in vielen Privathaushalten. In einer Ikonenausstellung der Galerie Karl Eisenlauer aus Autenried im Foyer der Scherenberghalle konnten sich am Wochenende die Besucher selbst ein Bild von der faszinierenden Wirkung dieser nach strengen Vorgaben gefertigten Bilder machen.

Über die kultur- und kirchengeschichtliche Bedeutung der Bilderverehrung referierte Karl Anderlohr, der sich seit mehr als 50 Jahren mit diesem Thema beschäftigt.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums scheute man sich noch, biblische Personen und Erzählungen im Bild festzuhalten. Das 1. Gebot untersagte es bekanntlich, Bilder von Gott zu machen. Daran hielt sich nicht nur das Judentum, sondern auch die frühe Kirche und später auch der Islam. Doch die Gläubigen, die zu einem großen Teil nicht lesen und schreiben konnten, wichen zunehmend von dieser Vorschrift ab, wie man aus den Schriften der Bildergegner weiß. Die Theologen erklärten schließlich, man habe zwar einst von dem unsichtbaren Gott keine Bilder machen können. Mit der Menschwerdung Christi aber habe man Gott sehen und damit auch abbilden können.

Nachdem unter Kaiser Konstantin das Christentum erlaubt und später sogar Staatsreligion geworden war, schmückte man die Kirchen mit kunstvollen Fresken und kostbaren Mosaiken aus. Auf den Schranken, die in den Kirchen den Altarraum vom Kirchenschiff trennte, brachte man Tafelbilder an. Daraus entwickelte sich später die Ikonostase, die für byzantinische Kirchen charakteristische Bilderwand.

Im 8. Jahrhundert schlossen sich die oströmischen Kaiser den Bildergegnern (Ikonoklasten)an. Damit setzte nicht nur ein Bildersturm ein, durch den im Osten der größte Teil der Ikonen, Fresken und Mosaiken zerstört wurde;  mit unglaublicher Brutalität wurden die Bilderverehrer (Ikonodoulen) zu Tausenden verfolgt, eingekerkert, gefoltert und hingerichtet. Die Ostkirche verehrt diese Ofer des Fanatismus als Märtyrer.

Kaiserin Irene machte diesem Treiben schließlich ein Ende. Sie berief eine Synode ein, die die Bilderverehrung ausdrücklich bestätigte. Unter Irenes Nachfolgern kam es noch einmal zu einem kurzen aber heftigen Rückfall; doch schließlich bestätigte das 2. Konzil von Nizäa noch einmal ausdrücklich die Ikonenverehrung. Die römischen Päpste hatten sich von Anfang an auf die Seite der Ikonodoulen gestellt. Aber dem Bilderstreit stand man im Westen weitgehend verständnislos gegenüber und im Osten sah man sich nun mit der Aussage konfrontiert: "Wir verehren zwar auch die Bilder, aber wir beten sie nicht an" – ein Missverständnis, das wohl teilweise auf unzulängliche Übersetzungen zurückzuführen war. In den offiziellen Konzilsbeschlüsse wurde daher noch einmal ausdrücklich festgestellt, die Verehrung der heiligen Bilder gelte "nicht Holz oder Farben", sondern dem Urbild des Dargestellten, also Christus  und den Heiligen, die durch ihr vorbildliches christliches Leben gleichsam selbst Ikonen Christi seien.

Die Vorwürfe gegen den Bilderkult sahen die Christen im Osten als böswillig und verletzend an. Das Klima zwischen den griechisch und den lateinisch sprechenden Teilen der Kirche, das schon vorher  nicht das beste war, verschlechterten sich weiter und führte schließlich im 10. und 11. Jahrhundert zur Kirchenspaltung, die trotz aller Bemühungen bis heute nicht überwunden ist.

Dieses Osterbild aus Westrussland zeigt nicht nur den auferstandenen Christus, sondern auch Adam und Eva, stellvertretend für die Menschheit, die beiden Könige David und Salomo und Johannes den Täufer. Christus befreit sie zum Ewigen Leben. Foto: Karl Anderlohr

Wie sich das Verhältnis zwischen Urbild und Abbild in der religiösen Praxis des Ostens ausdrückt, schilderte der der Referent an Hand eines Beispiels aus eigenem Erleben: Er hatte vor wenigen Jahren in der montenegrinischen Hafenstadt Kotor eine orthodoxe Kirche besucht und dabei zufällig die Weihe einer Ikone des heiligen Nikolaus miterlebt, der von den Seefahrern am Mittelmeer ebenso als ihr Patron verehrt wird wie von den Binnenschiffern an Rhein und Main. Nach der Weihe trug die Familie, der die Ikone gehörte, sie in einer kleinen Prozession zu ihrer Wohnung in der Nähe der Kirche. Vor ihr ging der Priester, der unterwegs immer wieder das Bild mit Weihrauch inzensierte. Viele Menschen an der Straße verneigten und bekreuzigten  sich, als die Ikone vorbeigetragen wurde, als gehe der heilige Nikolaus von Myra persönlich vorbei.

Karl Anderlohr hält die Unterschiede im Bilderverständnis des Ostens und des Westens weniger für ein theologisches Problem als für ein kulturelles Phänomen und kirchentrennend sei es schon gar nicht.

Wer sich mit der Glaubenspraxis der Mitchristen in anderen Ländern und Kulturkreisen befasst, der werde dadurch bereichert. Das gelte gerade für die richtig verstandene Ikonenverehrung     

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