Gambach

Großer Ball in Gambach: Wenn Landwirte tanzen

Die Musikhalle ist bei der 70. Auflage des gesellschaftlichen Ereignisses gut gefüllt.  Doch die schwierige Situation der Landwirte lässt sich nicht ganz verdrängen.
Konnten beim Ball der Landwirtschaft in Gambach endlich mal wieder sorgenfrei das Tanzbein schwingen: Eva und Wolfgang Lambl. Foto: Tina Göpfert

Endlich wieder einmal unbekümmert tanzen, das wünscht sich Eva Lambl. Auch ihr Mann Wolfgang wartet am Tisch schon darauf, dass die Tanzkapelle "Die Grundler" den ersten Walzer des Samstagabends spielt und er seine Eva auf die große Tanzfläche der Musikhalle Gambach führen kann. Die beiden Gramschatzer haben sich schick gemacht für den Ball der Landwirte: Wolfgang trägt Anzug und Eva eine elegante weiße Bluse. Im vergangenen Jahr mussten sie den Ball der Landwirtschaft sausen lassen, Wolfgang ging es gesundheitlich nicht gut. "Er hat Glück gehabt, dass er noch lebt", sagt Eva Lambl. Umso mehr sollen die Sorgen heute Abend mal eine Pause haben – sorge dich nicht, tanze!

Die beiden kommen schon seit vielen Jahren zum Ball der Landwirtschaft in Main-Spessart, den es schon seit 70 Jahren gibt. Dafür sind sie heuer wieder von Gramschatz nach Gambach gefahren, wo der Ball seit einigen Jahren stattfindet. "Es gibt ja sonst keine Bälle mehr, leider" sagt Eva Lambl. Früher gab es in Unterfranken zahlreiche Bälle der Landwirtschaft; mittlerweile ist der in Main-Spessart der Einzige.

Dabei sei ein Ball doch etwas ganz Besonderes, findet Eva Lambl. Schon am Eingang bekommt jede Dame eine rote Rose in die Hand. Das Ambiente in der Musikhalle ist festlich, über die Decke sind Banner mit Rebstöcken vor weiß-blauen Himmel gespannt. Rund 400 Gäste, darunter Prominente aus der regionalen Wirtschaft und Politik, haben an den langen Tafeln Platz genommen. Ein Herr aus Lohr merkt an: "Das ist der bürgernähste Ball, den ich kenne. Die Leute kommen vom Podium runter und reden mit einem."

Früher Beginn

Es kommen nicht nur Landwirte, rund 90 Prozent der Gäste haben keinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb (mehr). Viele sind schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn da, weil sie hier Freunde und Bekannte wiedertreffen, die sie das ganze Jahr über nicht sehen. Noch vor der Eröffnungsrede von Klemens Hossmann, Vorsitzender des Verbands für landwirtschaftliche Fachbildung in Main-Spessart, und zusammen mit dem bayerischen Bauernverband Organisator der Veranstaltung, geht es los mit dem Tanzen: "Die Grundler" spielen die traditionelle Polonaise, begeistert füllen zahlreiche Gäste die Tanzfläche. Nach der Rede spielt die Kapelle die ersten Walzer. Aber auch Klassiker, Tangos oder Schlager von Helene Fischer hat die Band im Repertoire. Bunte Lichtfreflexe tauchen die Tanzpaare, die sich in festlichen Roben über die Tanzfläche bewegen, in feierliche Atmosphäre. Auch Eva und Wolfgang Lambl drehen sich jetzt glücklich im Takt der Musik.

Ball der Landwirtschaft in Gambach. Foto: Tina Göpfert

Zurück am Tisch, schlagen die beiden aber auch ernste Töne an. Sie haben selbst keine Landwirtschaft mehr, nur noch verpachtete Äcker und Wald, aber der Wald macht dieses Jahr Sorgen. "Ich war heut früh noch im Wald", erzählt Wolfgang Lambl. Die Schäden seien heuer enorm, sagt er. "Man merkt den Klimawandel", pflichtet ihm seine Frau bei. Probleme mit Trockenheit und Wassermangel in der Landwirtschaft kennt Eva Lambl auch aus den 70er Jahren, als in Gramschatz Brunnen trocken waren und die Versorgung der Milchkühe erschwerten.

In den Tanzpausen geht's um die Bauernproteste

Doris und Berthold Hautsch kommen gerade von der Tanzfläche, Schweißperlen glänzen in ihren Gesichtern. Die beiden kommen schon seit 35 Jahren zum Ball der Landwirtschaft. Heute Abend wollen sie die ganzen Sorgen und Nöte der Bauern am liebsten vergessen. Die Hautschs betreiben Ackerbau und machen ihre Arbeit eigentlich gern. Aber die jüngsten politischen Maßnahmen träfen die Landwirte schwer. "Wir sind alle bereit, was zu machen – Blühstreifen, Gewässerrandstreifen und so weiter", sagt Berthold Autsch. Der Grund für die Bauernproteste sei jedoch, dass diese Flächen dann für den Anbau fehlen, der Bodenverlust aber vom Staat nicht finanziell entschädigt werde, obwohl er einen Eingriff ins Eigentum des Landwirts darstellt. Alles auf Kosten der Bauern also.

"Im Verhältnis zur Existenznot der Landwirte waren die Proteste friedlich,", sagt Elmar Konrad, Geschäftsführer des bayerischen Bauernverbands für Main-Spessart. Er findet: "Die Bauern haben jahrzehntelang nur nach den Vorstellungen und Vorgaben der Politik gewirtschaftet, und genau das wird ihnen jetzt angekreidet." In Bayern ist jeder zweite Arbeitsplatz von der Landwirtschaft abhängig, deutschlandweit jeder siebte. "Wer kann, hört auf", sagt Doris Hautsch. Sie war mit ihrem Mann auch bei der Demonstration in Berlin.

Klemens Hossmann findet die Situation für Landwirte heutzutage ebenfalls schwierig; er ist selbst einer. "Die Wertschätzung ist verloren gegangen." Anspruchsvoll ist es für ihn aber auch, den Ball der Landwirtschaft noch auf die Beine zu stellen, weil immer neue Auflagen die Veranstaltung erschweren. Trotzdem will er weitermachen, der Saal ist jedes Jahr voll. Selbst um Mitternacht sind die meisten Gäste noch da. Eva und Wolfgang Lambl tanzen noch.  

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