Karlstadt

Hamlet am Main in Schräglage

Selina Jäger bei den Proben zum Sommertheater 2019 Foto: Günter Roth

"Wehe mir. Wehe mir!" Selina Jäger muss diesen Schluchzer nun zum fünften Mal ausstoßen. Doch wie soll das Wehklagen klingen? Wie soll sie den Stuhl halten und wie ins Publikum schauen? Überzeugend oder pathetisch übertrieben? Schließlich probt sie für das diesjährige Sommertheater im Hofriethgärtlein und sie probt als die durchtriebene Ophelia in Sam Bobricks aberwitzigen Stück "Hamlet II - Besser als das Original!" Und da ist Schwulstiges sowie Bombastisches nicht nur erlaubt, sondern fast schon Bedingung.

Am 25. Juli gehört das sonst so stille Hofriethgärtlein wieder für fast zwei Wochen der Truppe des Karlstadter Sommertheaters und seit einiger Zeit laufen auch schon die Proben dazu. Zunächst im Theater in der Gerbergasse, jetzt aber auch schon auf der Freilichtbühne.

Nach der Szene mit Selina Jäger sind Verena Kimmel und Claudia Lankes dran. Sie spielen die beiden Freunde des Hamlet "Rosenkranz und Guldenstern", aber nicht nur als Gesellen des Prinzen von Dänemarks, sie versuchen außerdem hibbelig mit affektiertem Getue dem Thronräuber und Königsmörder Claudius eine Versicherung aufzuschwatzen "Was darf's sein – Tod durch Unfall oder etwa französischer Landhausstil?" Die beiden Regisseure Werner Hofmann und Barbara Hubrich sind fast schon gnadenlos – deshalb Wiederholung der Szene: "Nicht nachlassen mit der Spannung und der Sprache! Auch das Kichern und die Lautstärke bleiben erhalten!"

Der Thronräuber Claudius (Manuel Seemann)setzt sich die Krone des ermordeten Königs aufs Haupt Foto: Günter Roth

Voll in seinem Element ist natürlich einmal mehr Thomas Trummer. Der Part des zerrissenen Hamlet ist ihm wie auf den Leib geschrieben – und die undurchsichtig, abstruse Rolle von Hamlet II allemal. Voller Schmalz und Hingabe deklamiert er "Das ist der Moment, da die Abendsonne durchbricht und alle Antworten erhellt!" Oder muss es etwa heißen "alle Antworten erhält?" Egal, schließlich spricht hier Hamlet II. Ist der Prinz jetzt wirklich verrückt oder stellt er sich nur so, um seine Rachepläne durchzuführen? Das müssen die Zuschauer am Ende des Stücks selbst entscheiden, meint Trummer verschmitzt.

Der Autor Sam Bobrick hat die tragische Geschichte des Prinzen von Dänemark gnadenlos durcheinander gewirbelt. Ein bisschen im Stil der ehemaligen Kultgruppe Monthy Python, so wird versprochen. "Die wichtigsten Zitate aus dem ursprünglichen Drama sind natürlich dabei", sagt Werner Hofmann, "aber damit hat' sich's dann auch mit dem Respekt vor dem großen Dichter Shakespeare. Schließlich weiß man ja gar nicht so genau, ob er das Stück auch wirklich selbst geschrieben hat." Da braucht sich also der Herr gar nicht so aufzuführen.

Für Barbara Hubrich ist das alles ein großer Spaß, die Karlstadter Theaterleute variieren selbstverständlich auch die jetzige Vorlage nach ihren Bedürfnissen. "Wir können uns hier so richtig austoben. Irgendwie ist da noch einiges offen", so die Co-Regisseurin.

Zurück zu Selina Jäger. Im vergangenen Jahr spielte sie noch das naive Blondchen "Babsi vom Hühnergrill", in diesem Jahr schlüpft sie in die Rolle der verruchten, lasterhaften Ophelia. Damals hat sie so einfach aus sich heraus Werner Hofmann angesprochen, ob sie nicht bei ihm Theater spielen könne. "Es macht mir große Freude, mich auf der Bühne zu bewegen und in eine fremde Haut zu schlüpfen", sagt sie. Texte lernen, fällt ihr ganz leicht - ganz im Gegensatz zu viel erfahreneren Kollegen. Schwieriger ist noch die richtige Artikulation und vor allem die nötige Lautstärke, damit man beim Publikum richtig ankommt. Als das Nesthäkchen nimmt man natürlich bei den Proben auch etwas mehr Rücksicht, aber in der Sache sind die Regisseure knallhart.

"Sein oder nicht sein?" - Thomas Trummer, der grübelnde Hamlet. Foto: Günter Roth

Bis zur Premiere übt die Truppe des Sommertheaters wenn möglich auf der offenen Bühne, die zurzeit wieder von Peter Gsell zu einem optischen Leckerbissen gestaltet wird.

"Hamlet II - besser als das Original", ist der Titel ohne Respekt vor dem großen Vorbild. Auf die kritische Frage, wieso es besser sei, antwortet Thomas Trummer lapidar: "Weil wir es spielen".

Die Pagen Rosenkranz und Guldenstern umgarnen das neue Königspaar. Foto: Günter Roth
Selina Jäger bei den Proben zum Sommertheater 2019 Foto: Günter Roth

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