RIENECK

Handarbeit gegen Kost und Logis

Unvergessliche Begegnungen: Mit ihrem Besuch bereicherte die Freireisende Konditorin Heidi aus Germany auch das Rathaus ... Foto: Laracuente

Die Tradition der Wandergesellen hat einen einfachen Ursprung: Der ausgelernte Geselle zieht in die Welt, um Neues in seinem Handwerk zu lernen. Mindestens drei Jahre und einen Tag darf ein Wandergeselle die Heimat nicht betreten. Und wenn er sich womöglich in der Fremde niederlässt, so ist sein Lehrmeister im Heimatort gleich um einen Konkurrenten ärmer.

Heidi Laracuente Rodriguez aus Rieneck war bis vor kurzem auf Wanderschaft. Als fremd freireisende Konditorin zog sie aus, um neue Länder, fremde Menschen und andere Arbeitsweisen kennenzulernen. Dabei war sie, wie alle Wandergesellen, auf die Solidarität ihrer Mitmenschen angewiesen. Eine Übernachtung, eine Mitfahrgelegenheit oder in kleiner Imbiss, immer und überall stößt der Wandergeselle auf offene und großzügige Menschen. Deshalb gelten auf der „Walz“ zwei wichtige Grundsätze: Verhalte Dich so, dass auch nach Dir Handwerksgesellen jederzeit willkommen sind! Und: Gib etwas an die Gesellschaft zurück!

Auf der sozialen Baustelle

Letzteres erfolgt in der Regel über eine sogenannte soziale Baustelle, bei der sich alljährlich Wandergesellen aus ganz Europa einfinden, um zusammen an einem gemeinnützigen Projekt zu arbeiten. „Hand für Kost und Logis“, unter diesem Motto war auch Heidi Fremd Freireisende Konditorin beteiligt, als im Sommer 2009 einen neue Zirkusschule für das Kinder- und Jugendprojekt „Ubuntu“ in Horst (Holstein) erbaut wurde. Vier Wochen lang organisierte sie maßgeblich mit, was dort zwischen August und September 2009 geschehen sollte: Der Rohbau eines 450 Quadratmeter großen Schul-, Wohn- und Trainingsgebäudes für das Ubuntu-Zirkusprojekt sollte entstehen. Während der Bauzeit war sie als Gesellin des lebensmittelverarbeitenden Gewerks für die Verpflegung von fast 100 reisenden Gesellen des Töpfer-, Tischler-, Zimmerer-, Schuhmacher-, Landschaftsgärtner-, Maurer- und Steinhauer-Handwerks mitverantwortlich.

Heidi schwärmt von den vielfältigen, auch berufsübergreifenden Erfahrungen, die sie auf dieser Baustelle, aber auch an vielen anderen Stationen ihrer Wanderschaft sammeln konnte. „Ein Handwerker, der auf Wanderschaft war, hat gelernt zu improvisieren“, sagt Heidi, weil der rege Austausch mit anderen Handwerksdisziplinen die Kreativität und die Selbstsicherheit fördere.

Inspiration für die Arbeit

Heidi Laracuente Rodriguez blieb nicht, wie viele ihrer historischen Vorbilder, in der Fremde. Sie kehrte nach mehr als dreijähriger Wanderschaft in die Heimat zurück. Mitgebracht hat sie außer dem kleinen Bündel auf dem Rücken eine Menge Inspirationen, die über das Konditorenhandwerk hinausgehen, das sie erlernt hat. Von vielen ihrer Reisestationen hat Heidi Ideen mitgebracht. Malbällchen (Glaspipetten mit Gummiball zum Aufsaugen) zum Beispiel, die sie in einer Töpferei kennenlernte, will sie künftig auch für ihre Kunst einsetzen. Statt mit den üblichen Wegwerf-Spritztütchen will sie nun mit dem Handwerkszeug einer Töpferin die Schokoladeverzierungen auf ihren verführerischen Werken aufbringen.

ONLINE-TIPP

Lesen Sie die früheren Artikel über die Wandergesellin www.mainpost.de/regional/main-spessart/gemuenden.

Fremdgeschriebene und Freireisende

Auf Wanderjahre, Walz, Tippelei oder Gesellenwanderung gehen Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung). Die Wanderschaft war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen für den Gesellen, die Prüfung zum Meister zu beginnen. Ein Handwerker auf dieser Wanderschaft wird Fremdgeschriebener oder Fremder bezeichnet. Die Wandergesellen waren in Vereinigungen, den Schächten, organisiert.

Zwei neue Schächte wurden um 1980 gegründet, die auch Frauen aufnahmen. Außerdem gingen vermehrt Gesellen beiderlei Geschlechts auf Wanderschaft, ohne einem der Schächte beizutreten. Diese nennen sich Freireisende, um ihre Ungebundenheit gegenüber den Gesellenvereinigungen zu unterstreichen. Zwischen 600 und 800 Gesellen waren 2005 entweder freireisend oder in Schächten organisiert, also fremdgeschrieben. Der Anteil der Frauen liegt bei etwa zehn Prozent. 2010 zählte man in Deutschland nur noch wenig mehr als 450 Tippelbrüder.

Auf Wanderschaft darf nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Die Walz soll nicht als Flucht vor Verantwortung missbraucht werden. Oft ist ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Einträge erforderlich. Die Tippelei ist an schwierige Bedingungen geknüpft. So darf der Fremdgeschriebene in seiner Reisezeit kein eigenes Fahrzeug besitzen, er bewegt sich nur zu Fuß oder per Anhalter fort und trägt immer seine Kluft. Quelle: Wikipedia

Auf Heimatboden: Mit dem Übersteigen des Ortsschildes beendete Heidi Laracuente traditionsgemäß die Wanderschaft. Foto: R. Bauernschubert
Der erste Schritt auf Heimatboden: Verwandte und Freunde begrüßen Wandergesellin Heidi Laracuente in Rieneck. Foto: R. Bauernschubert

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