KARLSTADT

Handarbeit ist das neue Yoga

Auch Nanna Zimmermann, Volontärin und Autorin des Artikels, ist auf den Handarbeitszug aufgesprungen und häkelt gerne in... Foto: Karlheinz Haase

Handarbeit liegt gerade bei jüngeren Menschen wieder im Trend. Auch in Karlstadt macht sich das bemerkbar. „In den 1970ern war es gang und gäbe, dass wir auf Zugfahrten mit Nadeln und Wolle dasaßen“, sagt Patrizia Gebel, Inhaberin des Karlstadter Wollgeschäfts „Die Masche“. Lange Zeit sei Häkeln und Stricken dann unbedeutender, gerade unter Jüngeren eher verpönt gewesen. Das habe sich in den letzten Jahren geändert: „Seit ich den Laden 1988 eröffnet habe, war es immer ein Auf und Ab“, sagt sie.

„Aber seit Myboshi da ist, ist das alles wiederbelebt.“ Auch Sylvia Dreschner, die, wie berichtet, kürzlich in Karlstadt ihren Handarbeitsladen „Sylviedesign“ eröffnet hat, sagt: „Myboshi hat den Häkeltrend wieder ins Leben gebracht.“ Sie ist gespannt, wie ihr Handarbeitsgeschäft, in dem sie Qualitätswolle anderer Anbieter sowie Filz- und Bastelbedarf vertreibt, laufen wird.

Myboshi (Boshi ist japanisch für Mütze) ist ein 2009 von zwei Hofern gegründeter Großhandel für Wolle und Zubehör. 2012 veröffentlichten Thomas Jaenisch und Felix Rohland ihre erste Anleitung – und begeisterten mit bunter Wolle und einfachen Anleitungen gerade jüngere Menschen, die Handarbeit nicht mehr unbedingt in der Schule oder von ihren Müttern und Großmüttern gelernt haben.

Nähen wieder populär

Die Volkshochschule Karlstadt bietet zwar keine Häkel- oder Strickkurse an, aber: „Unsere Kurse zum Selbermachen laufen allesamt gut“, sagt Claudia Ruppert, Leiterin der Vhs. „Beispielsweise Polstern, Töpfern oder gerade Nähen ist wieder sehr populär geworden, was eine ganze Zeit lang nicht so war.“ Speziell für Kinder ab neun Jahren bietet die Vhs ab Dienstag, 16. Februar, einen Nähkurs. „Der ist sehr gut frequentiert“, sagt Claudia Ruppert. „Sechs Kinder sind bisher angemeldet – für mehr Teilnehmer würde es auch an Platz und Nähmaschinen mangeln.“

Handarbeit sei eben nicht mehr so typisch für die ältere Generation oder typisch Frau, sagt Patrizia Gebel. Eine Handvoll Männer sei heute unter ihren Kunden. „Wenn Männer stricken oder häkeln, werden sie nicht mehr verspottet und als schwul bezeichnet.“ Und auch ganz junge Menschen, etwa eine Neun- oder Zehnjährige, seien dabei.

Auch Sylvia Dreschner hat die Erfahrung gemacht, dass sich in den letzten Jahren immer mehr Jüngere für Handarbeit interessieren. „In den Nähkursen, in denen ich war, waren viele junge Menschen; junge Mütter und Studenten. Sie haben Handarbeit als Ausgleich zum stressigen Alltag wieder für sich entdeckt.“

Nach wie vor würden sich ihrer Erfahrung nach aber auch Ältere dem Stricken und Häkeln widmen, sagt Patrizia Gebel.

Jede Altersgruppe habe dabei eine eher eigene Sparte an Produkten. Während Komplizierteres wie Socken hauptsächlich ab 60 aufwärts gestrickt werde, würden die jüngeren Kunden im Alter von 15 bis 30 vor allem einfacheres Zubehör und Accessoires wie Schals, Mützen, Stulpen oder Decken fertigen.

Schnell ein Ergebnis

„Die Jüngeren nutzen hauptsächlich unkomplizierte Anleitungen, dicke Wolle und dicke Nadeln – einfacher Strick eben, der schnell ein Ergebnis bringt“, so Patrizia Gebel.

Nicht nur die Produkte haben sich geändert, auch die Motivation für die Handarbeit ist eine andere. „Es geht nicht mehr darum, Geld zu sparen“, sagt Gebel. „Es ist zum Teil sogar teurer, die Sachen selbst zu machen. Es ist mehr das Erfolgserlebnis, wenn man das fertige Ergebnis hat – etwas Nützliches, Individuelles, das so kein anderer hat.“

Gegenpol zum stressigen Alltag

Auch die Tätigkeit an sich als Gegenpol zum stressigen Alltag ist wichtig. „Es entspannt“, sagt Sylvia Dreschner. „Ich habe zum Beispiel Filzen als Leidenschaft für mich entdeckt. Dabei schalte ich komplett ab.“ Patrizia Gebel sagt: „Handarbeit ist das neue Yoga. „Man muss sich konzentrieren, ist aber geistig nicht arg angestrengt und kann sich nebenbei noch gut unterhalten. Häkeln und Stricken sollen außerdem den Blutdruck senken.“

Claudia Ruppert von der Vhs Karlstadt sieht neben individuellen Produkten und persönlicher Entspannung noch einen weiteren Grund für die Popularität des Selbermachens. „Ich denke, was auch stark mit reinspielt, ist der Nachhaltigkeitsgedanke“, sagt sie. „Das Bewusstsein dafür ist gewachsen. Bei unseren Nähkursen geht es oft um Upcycling. Viele Menschen wollen wieder von der Wegwerfgesellschaft und kurzlebigen Billigmode weg.“

Seit Handarbeiten wie Häkeln und Stricken wieder im Trend liegen, hat auch Patrizia Gebel in Karlstadt immer mehr Zulauf... Foto: Nanna Zimmermann

Schlagworte

  • Karlstadt
  • Handarbeit und Nähen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!