LOHR

Herbert Scheuring: Ein Meister der Glosse

Herbert Scheuring: Der Exil-Lohrer und Wahl-Würzburger kehrt sein Innerstes nach außen. Im Interview taucht er tief in seine Vergangenheit ein und fördert dabei längst Vergessenes zutage.
Humor, Satire, Ironie: Was gibt's denn da zu lachen? Der Humorist Robert Gernhardt, eines der Vorbilder Herbert Scheurings, hat diese Frage in einem Buch beantwortet. Foto: H. Korb

Confituren, Chokoladen, Weine u. Liköre“ steht noch immer an der Fassade zur Vorstadtstraße hin. „Café Mann, Inh. F. Scheuring“. Franz Scheuring war der 1956 verstorbene Großvater von Herbert Scheuring. Der Redakteur und Autor wurde 1960 in Lohr geboren und verbrachte hier auch die ersten 20 Jahre seines Lebens. Nach dem Abitur am Lohrer Gymnasium zog er nach Würzburg, wo er Germanistik und Geschichte studierte und seinen Doktor machte, bevor er Redakteur bei der Main-Post wurde. Als Volontär und Jungredakteur kehrte er 1992/93 nochmals für kurze Zeit in seine Heimatstadt zurück, bevor er in die Nachrichtenredaktion dieser Zeitung wechselte. In der Main-Post avancierte Scheuring zum Glossenschreiber mit der größten Fangemeinde. Was für Leser der Süddeutschen Zeitung das „Streiflicht“ ist, das ist für Main-Post-Leser die tägliche Glosse „Unterm Strich“, die der 58-Jährige betreut, und seine wöchentliche Kolumne „Scheurings Wort zum Samstag“. Die bisherigen Lesungen seiner Mainfranken-Tournee, bei der er zusammen mit dem Jazz-Gitarristen Joe Krieg auftritt, waren alle ausverkauft. Am Samstag, 8. Juni, ist er im Alten Rathaus in Lohr zu Gast. Über das Glossen-Schreiben hat er sich schon in einem ausführlichen Interview geäußert. Wir sprachen mit dem Exil-Lohrer und Wahl-Würzburger deshalb über seine Heimatstadt.

Frage: Dein Vater war Konditor und Inhaber des Café Mann, bis er es 1991 verpachtet hat. Warum hast Du das Café nicht übernommen?

Herbert Scheuring: Das war irgendwie nie ein Thema. Mein Vater hat hervorragende Torten und Kuchen gebacken und auch nach seinem aktiven Berufsleben die Familie immer mit Gebäck versorgt. Er ist schon als sehr junger Mann in den Betrieb hineingewachsen, musste dort seine Aufgaben erfüllen. Er hätte vielleicht gern etwas ganz anderes gemacht, hatte aber damals keine Wahl. Er wollte daher, dass seine Kinder – meine Schwester und ich – diese Wahl haben. Er hat, weil sein Weg vorgezeichnet war, von uns nie verlangt oder auch nur erwartet, dass einer von uns einmal in seine Fußstapfen tritt und das Café übernimmt. Er hat uns sogar davon abgeraten, weil er wollte, dass wir es einmal leichter haben als er. Ich weiß noch genau, wie er mir einmal sagte: „Werde Schlipsarbeiter!“ Damit meinte er, dass ich mir einen Bürojob suchen soll, wo man Anzug und Krawatte trägt und geregelte Arbeitszeiten hat. Mit dem Bürojob hat es geklappt und das mit dem Schlips wäre auch möglich. Aber zum Glück hat mich noch nie jemand gezwungen, bei der Arbeit Anzug und Krawatte zu tragen. Nur mit der geregelten Arbeitszeit ist es nichts geworden – und Ärger gibt es bei der Zeitung auch. Ich habe daher schon oft darüber nachgedacht, doch noch in die Gastronomie zu wechseln. Aber das Café Mann ist bei seinen derzeitigen Betreibern in guten Händen.

Stattdessen bist Du ein Mann der Worte geworden. Welcher Deiner Lehrer war schuld daran?

Scheuring: Da war kein Lehrer schuld daran, das habe ich mir schon selbst eingebrockt. Aber wenn ich Namen nennen soll, fallen mir schon drei Deutschlehrer ein, die mein Interesse an Sprache und Literatur geweckt haben: Christian Schwarz, der auch die Theatergruppe am Gymnasium leitete, Maria Baumann, bei der ich im Deutsch-Leistungskurs saß, und vor allem Norbert Nadler, der mir später auch zum Freund geworden ist. Er leitete auch die Videogruppe des Gymnasiums, in deren erstem Film „Das Zeitalter der Fische“ nach einem Roman von Ödön von Horvath ich als 17-Jähriger die Hauptrolle spielte. Der Film ist inzwischen, wie ich gehört habe, leider verschollen, weil die Schule ihn nicht archiviert hat. Ob es ein großer Verlust ist, mögen andere beurteilen.

Du lebst jetzt 40 Jahre schon in Würzburg. Was verbindet Dich bis heute mit Deiner ersten Heimat?

Scheuring: Sehr vieles. Vor allem, dass hier meine Mutter lebt – mein Vater ist leider vor zwei Jahren gestorben – und meine Schwester mit ihrer Familie. Ich bin relativ häufig hier, meist nur an Wochenenden, aber schon zwei oder dreimal im Monat. Die Strecke zwischen Würzburg und Lohr ist ja keine allzu große Herausforderung.

Wie betrachtest Du als Großstädter das kleine Lohr, die Mopper und Schnüdel hier?

Scheuring: Das kleine Lohr ist ja jetzt nicht so klein, und das große Würzburg nicht so groß. Natürlich sind das Freizeitangebot und die Einkaufsmöglichkeiten in Würzburg größer und mein Freundeskreis hat sich auch eher dorthin verlagert. Aber ich komme immer wieder gern nach Lohr. Die Altstadt ist schön und viele Orte sind mit Kindheits- und Jugenderinnerungen verknüpft. Zum Beispiel das Gymnasium – ich wollte als Kind nur dort rein, weil mir das Gebäude so gut gefallen hat. Ich rede natürlich vom alten Gymnasium, nicht von der Nägelsee-Schule. Und zwischen Moppern und Schnüdeln mache ich keinen Unterschied. Geboren und aufgewachsen bin ich als Mopper, und wenn ich heute zu Besuch nach Lohr komme, bin ich vermutlich nur noch Schnüdel, oder nicht einmal mehr das.

Eine Zäsur in Deinem Leben war der Tod Deiner langjährigen Lebenspartnerin. Jahrelang hast Du dich mit dem Thema Trauern befasst, Artikel und Bücher geschrieben, Vorträge gehalten. Und jetzt die humorvolle Lesereise. Trauer und Humor – wie geht das zusammen?

Scheuring: Vorträge über Trauer und über die schwierige Aufgabe, nach dem Tod eines geliebten Menschen weiterzuleben, halte ich immer noch, zum Beispiel am 9. Oktober im Würzburger Juliusspital. Aber ich schreibe nicht mehr darüber. Ich habe mich sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt und glaube, alles, was ich dazu zu sagen habe, habe ich gesagt. Man kann es in drei Büchern nachlesen, zwei davon – „Mit der Trauer leben“ und „Der Trauer Worte geben“ – sind noch heute erhältlich. Ich bin dankbar dafür, dass ich damit Menschen auf ihrem Weg durch die Trauer helfen konnte, wie ich aus vielen Briefen und Gesprächen weiß. Trauer und Humor sind für mich kein Widerspruch. Ich verstehe natürlich, dass die Frage auftaucht, ob – und wenn ja wie – das Leichte und das Schwere zusammenpassen. Aber das Leben fragt uns doch auch nicht, ob das zusammenpasst. Es mutet uns beides zu. Ich glaube auch, dass viele, die andere Menschen zum Lachen bringen, ob als Autor oder Schauspieler, in ihrem Kern sehr ernste Menschen sind. Außerdem ist es doch so: Angesichts des Todes ist sehr vieles lächerlich, was die Menschen normalerweise für wichtig halten: Geld, Karriere, Wichtigtuereien in jeder Form. Trauer, die einschneidende Erfahrung des Verlusts, stellt eine Distanz zum alltäglichen Leben her. Komik, die Menschen zum Lachen bringt, aber auch. Beides eröffnet einen anderen Blick auf die Welt und lehrt uns, vieles nicht zu ernst zu nehmen. Humor ist auch eine Art Notwehr. Komik und Gelächter sind Reaktionen auf das Leben, um es besser auszuhalten, um das Schwere leichter zu machen.

Du bist nicht unbedingt das, was man eine Rampensau nennt. Ich kenne Dich eher als einen Menschen mit feinem Humor und einer manchmal verschmitzten Art. Wie geht es Dir, wenn Du vorne im Scheinwerferlicht vorliest?

Scheuring: Wo Scheinwerfer sind, gibt es auch Lampenfieber. Und im Scheinwerferlicht wollte ich nie stehen. Deshalb bin ich ja auch zur Zeitung gegangen – und nicht zum Fernsehen oder zu einem anderen Zirkus. Ein Zeitungsjournalist schreibt seine Texte allein und im Stillen. Wenn der Text fertig ist, ist seine Arbeit getan. Diese Arbeitsweise kommt mir sehr entgegen, ich bin ja ein eher ruhiger und zurückhaltender Mensch. Aber ich kann auch anders. Die Sache mit den Vorträgen und Lesungen hat sich im Lauf der Jahre einfach so entwickelt, durch Anfragen von Veranstaltern. Außerdem gilt: Wer A sagt, muss auch B sagen. Das heißt: Wenn es Bücher gibt – und es gibt inzwischen vier Bücher mit meinen Glossen – muss man damit auch unter die Leute gehen und notfalls ein wenig Zirkus machen, sonst kriegt es ja niemand mit. Außerdem ist es schön, wenn ich bei solchen Veranstaltungen meinen Lesern begegne, die ich ja sonst gar nicht kennenlernen würde. Und wenn das Publikum so mitgeht und mit Freude bei der Sache ist wie vor kurzem bei der ausverkauften Lesung im Würzburger Theater am Neunerplatz, dann kann eigentlich kaum was schiefgehen. Es ist, wie auf einer Welle zu reiten. Ob eine Veranstaltung gut wird, hängt immer auch vom Publikum ab, man steht da vorne ja nicht im luftleeren Raum.

Der Karikaturist Achim Greser, der unter anderem für die Titanic, die FAZ sowie den Stern arbeitet und vor Jahrzehnten übrigens auch den Bayerstürmer skizziert hat, ist wie Du in Lohr geboren. Hat der Menschenschlag hier einen besonderen Nerv für Glosse und Satire?

Scheuring: Lohrer haben zwar manchmal ein ziemliches Mundwerk, aber ich glaube nicht, dass es hier einen besonderen Nährboden für Satire und Glossen gibt. Das liegt im Fall von Achim und mir wohl eher an Personen, die uns beide beeinflusst haben. Hier sind vor allem die Autoren und Zeichner der Neuen Frankfurter Schule zu nennen wie Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, F. W. Bernstein, Hans Traxler und andere, die vor 40 Jahren in Frankfurt das Satiremagazin Titanic gegründet haben. Die schönste Auszeichnung, die ich für meine Glossen erhalten habe, ist die, dass mir F. W. Bernstein das Titelbild für mein Buch „Dings ist das neue Bums“ gezeichnet hat und Eckhard Henscheid das Nachwort schrieb. Mit Achim Greser habe ich übrigens, wenn ich mich recht erinnere, in den 1970er Jahren eine Zeit lang in der Lohrer Fußballjugend gespielt. Aber wir haben dann wohl beide gemerkt, dass es andere gibt, die in diesem Bereich besser sind als wir, und keine aktive Fußballerkarriere angestrebt.

Die Glosse der Lohrer Lokalausgabe heißt seit Jahrzehnten „Bayerstürmer“. Das Logo dazu hat Greser in jungen Jahren skizziert. Als Volontär musstest Du Dich auch an dieser Kolumne versuchen. Kannst Du Dich noch an eine erinnern?

Scheuring: Beim besten Willen nicht, das war ja vor über 25 Jahren, also im letzten Jahrtausend. Da müsste ich schon tief ins Archiv greifen. Im Gedächtnis ist mir da aber nichts hängengeblieben. Da kann ich mich noch eher an den „Lohrer Wecker“ erinnern – ein alternatives Stadtmagazin, das ich als Schüler Ende der 1970er Jahre mit Freunden und Gleichgesinnten herausgegeben habe. Ein ziemlich chaotisches Blatt. Oder an den Nachfolger „Zeppelin – Das satirisch-polemische Schnellfeuermagazin“, von dem allerdings nur zwei Nummern erschienen sind. Das war qualitativ schon etwas hochwertiger und hatte damals etliche Fans. Aber vom heutigen Standpunkt aus betrachtet – na ja...

Was würdest Du als Bayerstürmer den Lohrern unter die Nase reiben, wenn das Alte Rathaus bei Deinem Heimspiel am 8. Juni nicht proppenvoll ist?

Scheuring: Dass der Prophet im eigenen Land beziehungsweise in seiner Heimatstadt nichts gilt? Nein, ich bin ja kein Prophet. Deshalb wage ich auch keine Prophezeiung, wie viele Zuhörer ins Alte Rathaus kommen werden. Propheten sind ja bekannt dafür, oft wirres Zeug zu reden. Das tue ich in meinen Glossen zwar zuweilen auch, aber nicht benebelten Sinnes oder im religiösen Wahn, sondern bewusst kalkulierend, um eine komische Wirkung zu erzielen. Wäre jedenfalls schön, wenn ich auch in Lohr auf einige meiner Leser treffe, die ich noch nicht kenne, und wenn das „Heimspiel“ gut besucht wird – zumal ich mit Joe Krieg ja auch noch einen ausgezeichneten Jazz-Gitarristen mitbringe. Alles andere wäre, um im Bild zu bleiben, ein Eigentor. Für wen, lasse ich jetzt mal offen.

Die Veranstaltung: Scheurings Wort zum Samstag – Glossen und Jazz mit Herbert Scheuring und Joe Krieg, Samstag, 8. Juni, 20 Uhr im Alten Rathaus, Lohr; Kartenvorverkauf: Stadtbibliothek Lohr, Tel.: (09352) 848484.

Der frühere Inhaber des Café Mann, Franz Scheuring, war Herbert Scheurings Großvater und hat diesen Schriftzug hinterlassen. Foto: Roland Pleier

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