Gemünden

Herdenschutzhunde reißen Wildschwein: Schäfer äußert sich zu Angriff

Die jungen Pyrenäenberghunde hat Schäferin Christiane Michler nun vorerst im Stall auf dem Hof untergebracht. Foto: Jennifer Weidle

Die Szene, die sich am Sonntag bei Sachsenheim im Landkreis Main-Spessart auf einer Wiese abspielte, könnte aus einem Horrorfilm stammen. Spaziergänger beobachten fünf riesige Hunde, die ein blutendes Wildschwein umringen. Ihre weißen Schnauzen sind rot vor Blut.

Was war passiert? Der Hundehalter, Berufsschäfer Dieter Michler, schildert den Fall am Montag so: Er habe am Sonntagmittag auf seinem Hof bei Adelsberg, einem Stadtteil von Gemünden, gearbeitet und alle Hände voll zu tun gehabt. Die ersten Lämmer kommen gerade zur Welt. Als er den Hof überquerte, habe er sich über Wildschweine gewundert, die über das freie Feld rannten. Unüblich für diese Tageszeit.

Von Drückjagd nichts gewusst 

Dass im benachbarten Sachsenheim eine Drückjagd stattfindet? Der Schäfer, der 800 Tiere hat, ahnt es nicht. "Das hätten wir wissen müssen", sagt seine Frau Christiane Michler am Tag nach dem Vorfall. "Dann hätten wir eine Chance gehabt, das zu verhindern."

Wenig später habe er einen Anruf von der Polizei Gemünden bekommen, sagt Michler. "Ich bin sofort losgefahren." Ein Hundeführer von den Operativen Ergänzungsdiensten (OED) der Polizei in Würzburg war eingetroffen, Michlers Hunde hatten ein Wildschwein in den Wald getrieben. Es wurde später von den Jägern tot aufgefunden und zur Sammelstelle gebracht.

"Drei meiner Hunde konnte ich gleich einfangen, den vierten wenig später", berichtet Michler. "Unser Balou war wieder zurück zu seinen Schafen auf der Koppel." Der dreijährige Balou sei als einziger der fünf Hunde ein ausgebildeter und geprüfter Herdenschutzhund. An ihm sollen sich die jüngeren Hunde orientieren.

Pilotbetrieb mit Herdenschutzhunden

Die Schäferei Michler fing 2013 als bayerischer Pilotbetrieb an mit den Herdenschutzhunden, die Schafe auf der Weide vor Angriffen durch Wölfe schützen sollen. In der Rhön, wo Michlers Schafe im Sommer stehen, ist das schon heute Realität. "Bei uns hier kommt das auch bald", sagt das Schäferehepaar aus Adelsberg. Den aktuellen Zahlen vom Bundesamt für Naturschutz zufolge ist die Zahl der Wolfsrudel in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr von 77 auf 105 gestiegen.

Der dreijährige Balou bleibt auf der Weide. Die Schafe werden durch einen Elektrozaun geschützt.  Foto: Jennifer Weidle

Auch vor Schwarzwild sollen die Hunde ihre Herde schützen. "Wildschweine reißen immer wieder Elektrozäune nieder und die Schafe brechen aus", so die Schäfer. Dass die Hunde über den Zaun springen, um Wild zu jagen, halten die Michlers für ausgeschlossen. "Die würden auch niemals über den Zaun springen, um Menschen oder andere Hunde anzugreifen." Der Elektrozaun stelle für die Hunde, trotz der geringen Höhe, eine feste Grenze dar.

Anders, wenn der Zaun am Boden liegt: "Der Zaun war an zwei Stellen niedergerissen. Die Sau muss da in Panik mittendurch gerannt sein", sagt Michler. Die Hunde hätten dann ihre Aufgabe erfüllt und das Wild vertrieben. Ob dann die Wildsau zum Angriff überging, bleibt ungewiss. Michler sagt: "Es sind eben noch junge Hunde."

Hunderasse gewechselt: Von Maremmaner Hirtenhunden zu den sanfteren Pyrenäenberghunden

Früher hatten Michlers Maremmaner Hirtenhunde. Bis zum Jahr 2016, als einer über den Zaun sprang und eine Joggerin biss. "Die Hunde haben sich als zu griffig herausgestellt. Der Vorfall hat dazu geführt, dass wir die Rasse gewechselt haben." Es gäbe Rassen wie zum Beispiel Kangals, die auch Menschen angreifen, sagt Michler: "In Ländern, in denen sie eingesetzt werden, müssen sie die Schafe auch vor Diebstahl schützen."

Die Schäfer, die einen neunjährigen Sohn haben, haben sich bewusst für Pyrenäenberghunde entschieden: "Diese sind keine reinen Arbeitshunde, sondern werden noch öfter als Familienhund gehalten." Derzeit haben die Michlers 15 der als sanft geltenden großen Hunde, davon neun Jungtiere, die nun ein Jahr alt sind. "Die Hunde durchlaufen bei uns eine Ausbildung, die sie mit zwei Jahren mit einer Prüfung abschließen", so der Schäfer. Zwei der Tiere seien bereits verkauft, blieben aber bis nach der Prüfung in Adelsberg.

Im Moment im Stall auf dem Hof: die jungen Pyrenäenberghunde der Schäferei Michler. Foto: Jennifer Weidle

Dass sich die Vorfälle mit ihren Hunden in letzter Zeit häuften, bedauern die Schäfer. Ende September hatte einer der Herdenschutzhunde einen Autounfall bei Karsbach verursacht. "Auch da war der Zaun umgerissen und wir haben Wildspuren gefunden."

Nach dem Vorfall an diesem Sonntag bleiben die jungen Hunde nun erstmal auf dem Hof im Stall. Noch ist nicht klar, ob die Hunde am Sonntag nicht doch von der Wildsau verletzt wurden. "Wir haben nun den Schaden", sagt Michler. "Die Jäger haben unverantwortlich gehandelt. Wir hätten von der Jagd wissen müssen." Die Hunde müssten bald wieder auf die Koppel. "Wir werden die Hunde nun trennen, damit keine Gruppendynamik im Rudel mehr entsteht", so der Schäfer. "Wir müssen sie nun gut beobachten, wie sie sich verhalten".

Auf Nachfrage der Redaktion bestätigen Landrats- und Veterinäramt in Karlstadt, dass bisher keine Verstöße bekannt sind. Der Hundeführer der Polizei wird einen Bericht an die Verwaltungsgemeinschaft Gemünden und das Veterinäramt schicken. Die Polizei Gemünden bestätigt, dass sie vom Bayerischen Jagdverband (BJV) nur informiert werde, wenn Straßen von Jagden betroffen sind.

Jagdveranstalter haben Verkehrssicherungspflicht

"Wir informieren die Öffentlichkeit durch die Presse und es gibt eine Verkehrssicherungspflicht", sagt der erste Vorsitzende der BJV-Kreisgruppe Gemünden,  Johannes Interwies, zu den Schutzmaßnahmen. Durch Absperrungen und Warnschilder werde auf die Jagd hingewiesen. Der Jagdveranstalter hat die Pflicht zur Vermeidung von Verkehrsunfällen durch erhöhten Wildwechsel. Eine generelle Informationspflicht für Jagdveranstalter gegenüber Anliegern und Nutztierhaltern gibt es Juristen zufolge allerdings nicht, wenn Schüsse nicht in unmittelbarer Nähe abgegeben werden. Für außergewöhnliche Schäden, die zum Beispiel durch ein aufgescheuchtes Wildschwein verursacht werden, muss der Jagdveranstalter nicht aufkommen, so ein Urteil des Landgerichts Lüneburg.

Die beiden Schäfer bedauern die Vorfälle. "Es tut uns sehr, sehr leid was passiert ist und dass Menschen vor unseren Hunden Angst haben. Das soll so nicht sein. Wir möchten, dass die Leute das wissen."

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