GEMÜNDEN

„Heute würde ich den ESC mental schaffen“

Umsonst & Draussen       -  Andreas Kümmert, der kürzlich beim „Umsonst & Draussen”-Festival in Würzburg im Einhornkostüm auf der Bühne stand.
Andreas Kümmert, der kürzlich beim „Umsonst & Draussen”-Festival in Würzburg im Einhornkostüm auf der Bühne stand. Foto: Daniel Peter

„Lost and Found“ heißt das neue Album von Andreas Kümmert, der in Gemünden (Lkr. Main-Spessart) lebt. Der 31-Jährige war bundesweit bekannt geworden, als er vor fünf Jahren die Castingshow „The Voice of Germany“ gewann. 2015 holte er den Sieg beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, überließ diesen jedoch der Zweitplatzierten Ann Sophie – weil das Showgeschäft nicht seines sei. Musik machte er trotzdem weiter. Im neuen Album sind Komposition und Text zu 100 Prozent von ihm.

Frage: Herr Kümmert, haben Sie heute schon Musik gehört?

Andreas Kümmert: Ja, das habe ich.

Und was war es, wenn ich fragen darf?

Kümmert: Marillion.

Hören Sie die öfter?

Kümmert: Nein, das war tatsächlich eine Ausnahme. Ich höre die Platte gern, aber nur ein oder zwei Mal im Jahr. Dann habe ich so eine intensive Phase und spiele sie etliche Male ab.

Hören Sie manchmal auch Radio?

Kümmert: Radio höre ich eigentlich nur, wenn ich keine andere Wahl habe. Wenn ich zum Beispiel bei meinen Eltern zu Besuch bin, höre ich dort den ganzen Tag Radio, oder wenn ich bei jemandem im Auto mitfahre. Aber da habe ich eben keinen Einfluss auf die Musik.

Gibt es in Ihrem Leben auch musikfreie Tage?

Kümmert: Ja, es gibt Tage, an denen es mir sogar zuwider ist, Musik zu hören. Da höre ich mir dann lieber Hörbücher an.

Fotoserie

Andreas Kümmert: Anfänge und Weg zum Rockstar

zur Fotoansicht

Und was hören Sie da so?

Kümmert: Was ich zum Beispiel gerade gehört habe, war „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Aber ich höre auch gerne mal „Die drei Fragezeichen“. (lacht)

Sie haben vorhin von Platten gesprochen. Hören Sie auch CDs? Oder streamen Sie Musik?

Kümmert: Wenn ich unterwegs bin, dann nutze ich natürlich die gängigen Streaming-Portale, aber zuhause höre ich wirklich nur Platten. Ich habe alles noch auf Vinyl.

Wie viele Platten haben Sie denn?

Kümmert: Schwer zu sagen … Aber eine Wand ist auf jeden Fall schon voll.

Ihr neues Album ist musikalisch sehr vielseitig. Trifft das auf Ihren persönlichen Geschmack auch zu?

Kümmert: Das würde ich schon sagen, ja. Ich bin da nicht auf ein Genre fixiert.

Es gibt aber sicher Musik, die Sie lieber hören als andere, oder?

Kümmert: Ich glaube, dass sich das, was man als Kind hört und was einen da so richtig packt, irgendwie festsetzt. Bei mir sind das auf die Rock-Klassiker, Bands wie Aerosmith oder Guns N' Roses.

Die Bands gibt es ja immer noch. Hören Sie sie auch noch?

Kümmert: Ich höre sie tatsächlich immer noch, ich habe auch beide Bands im vergangenen Jahr live gesehen und bin nach wie vor ein Fan.

Sie waren gerade auf einer Akustik- Tour. Haben Sie da auch Sachen vom neuen Album gespielt?

Kümmert: Ja, die aktuelle Single „Keep My Heart Beating“. Und auf der Tour davor haben wir auch schon zwei Titel daraus gespielt.

Da haben Sie sicher Feedback vom Publikum bekommen, oder?

Kümmert: Ja, aber wenn man nur zu zweit unterwegs ist – so wie auf der Akustik-Tour, ist es schwer, einen Titel so zu rekonstruieren, wie er auf dem Album klingt. Und die Akustik-Versionen unterscheiden sich stilistisch gar nicht so sehr von dem, was wir sonst machen.

Gibt es auf dem Album einen Song, der Ihnen ganz besonders am Herzen liegt?

Kümmert: Ich persönlich mag „Calling Out“ sehr gern, weil es eine sehr gesellschaftskritische Nummer ist. Es geht darum, dass viele Menschen eine Second-Hand-Realität vorziehen, sich vom Fernsehen und anderen Medien steuern und verunsichern lassen, statt eigenständig zu denken.

Haben Sie sich eigentlich hingesetzt und gesagt: „Jetzt schreibe ich einen Pop-Song!“?

Kümmert: Nein, ich bin niemand, der sich hinsetzt und dann nach Genre schreibt. Sondern die Musik kommt einfach aus mir raus. Das ist schwer zu erklären. (lacht)

Lassen Sie sich beim Schreiben inspirieren, indem Sie zum Beispiel besonders viel Musik hören?

Kümmert: Ich habe zu der Zeit nicht viel Musik gehört, nur so ein paar Fetzen aus dem Radio aufgeschnappt. Man sagt ja, dass ein Song Funktionalität braucht. Eine Melodie, die hängen bleibt, an die man sich erinnern kann. Die sich im Kopf verankert. Das habe ich versucht umzusetzen.

Andreas Kümmert mit seiner Band „The Ron Lemons“ beim Rock-Open-Air in Lohr.
Andreas Kümmert mit seiner Band „The Ron Lemons“ beim Rock-Open-Air in Lohr. Foto: Wolfgang Dehm

Schreiben Sie eigentlich auch die Texte selbst?

Kümmert: Ja, die Platte ist zu 100 Prozent von mir. Vorher war das nicht so.

Fällt Ihnen das Texteschreiben leicht?

Kümmert: Ich glaube, das ist so eine Art autodidaktischer Prozess. Wenn man viel Musik hört, tut man sich auch mit dem Schreiben leichter. So ist das zumindest bei mir. Wenn ich nicht mein Leben lang viel Musik gehört hätte, könnte ich wahrscheinlich auch nicht schreiben. Und um ehrlich zu sein: Texte zu schreiben, fällt mir leichter als Musik.

Was macht für Sie eigentlich einen guten Song aus?

Kümmert: Das ist immer ein bisschen von der Tagesform abhängig. Da bin ich vielleicht auch ein bisschen neurotisch. Wenn mir ein Song, den ich geschrieben habe, am ersten Tag nicht gefällt, dann hat er im Prinzip den Test nicht bestanden. Ich bin sehr selbstkritisch, und es fällt mir schwer zu sagen, dass ein Song gut genug ist. Ich versuche immer, mich in die Lage der Hörer zu versetzen. Die Melodie muss hängen bleiben, damit ich einen Song stark genug finde. Er muss ein Ohrwurm sein.

Haben Sie allein entschieden, welche Songs auf das Album kommen?

Kümmert: Letzten Endes ja. Ich habe natürlich auch mit meinem Management und jemandem von der Plattenfirma geredet – ich habe ihnen eine Liste mit Songs geschickt, und die wurde dann abgesegnet.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, auch für andere Musiker Songs zu schreiben?

Kümmert: Das könnte ich mir schon vorstellen. Allerdings ist das heute, glaube ich, so, dass die meisten Künstler Co-Writer wollen, das heißt, man schreibt die Songs mit ihnen zusammen.

Und wäre das was für Sie? Oder schreiben Sie lieber allein?

Kümmert: Ich denke schon, dass ich mit anderen Künstlern schreiben könnte. Aber es gibt natürlich auch Musik, die ich nur für mich schreibe und aufnehme, die kein anderer zu hören bekommt.

Ihre Platte ist, wie man hört, eine Art Zwischenbericht von der Reise, auf der Sie sich befinden. Wohin soll Sie diese Reise denn führen?

Kümmert: Ich wünsche mir eigentlich vor allem, dass ich auch in zehn Jahren noch Musik machen und davon leben kann.

Heute können Sie davon leben?

Kümmert: Ja.

Ist es schwer?

Kümmert: Ich habe ja vor „The Voice Of Germany“ schon ungefähr acht Jahre lang von der Musik gelebt. Damals war es auf jeden Fall viel schwerer als heute. Ich habe bestimmt 170 Mal im Jahr gespielt, um davon leben zu können. Aber je bekannter man in diesem Geschäft wird, desto einfacher ist es dann natürlich, davon zu leben.

Fotoserie

ESC-Vorentscheid: Die Kandidaten

zur Fotoansicht

Apropos „The Voice Of Germany“ … Haben Sie irgendwann mal gedacht: Hätte ich das bloß nicht gemacht?

Kümmert: Ich bereue es auf jeden Fall nicht, weil die Sendung ein tolles Sprungbrett für Musiker ist, um die eigenen Songs einer größeren Menge von Menschen zu präsentieren. Was das ganze Drumherum angeht – dass zum Beispiel plötzlich viele Menschen eine negative, beleidigende und verurteilende Meinung über einen haben, die einen gar nicht persönlich kennen – das ist natürlich was anderes.

Geht es Ihnen nahe, wenn Menschen eine schlechte Meinung von Ihnen haben?

Kümmert: Es geht mir nicht darum, ob die Meinung positiv oder negativ ist. Wenn jemand meine Musik schlecht findet, kann er mir das sagen – das ist ja keine Beleidigung. Was mich stört, ist eher dieses auf Äußerlichkeiten reduzierte Denken. Das war ganz intensiv damals nach „The Voice Of Germany“. Ich habe mir angewöhnt, das nicht mehr an mich ranzulassen, und damit komme ich ganz gut klar.

Ist Ihnen der Kontakt zu Menschen, die Ihre Musik hören, wichtig?

Kümmert: Auf jeden Fall. Mein Management dient da so ein bisschen als Filter. Die filtern Fragen und Kritik raus und geben sie an mich weiter. Beleidigungen löschen sie gleich. Nach jedem Konzert gibt es außerdem eine Autogrammstunde – und auch die Möglichkeit, mit mir zu reden. Ich rede echt gern mit den Leuten, das ist mir sehr wichtig.

Sie waren ja vor drei Jahren kurz davor, zum Eurovision Song Contest zu fahren, haben sich dann aber dagegen entschieden. Könnten Sie sich vorstellen, vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt an einem Wettbewerb wie diesem teilzunehmen?

Kümmert: Ich denke, ich hätte mittlerweile die nötigen Werkzeuge, quasi den Verbandskasten, um so eine Veranstaltung durchzustehen. Aber ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob ich es machen würde. Die Situation war damals eine ganz andere, es wäre für mich unmöglich gewesen, zum Eurovision Song Contest zu fahren, weil ich in dem Moment gemerkt habe, dass es einfach zu viel ist. Danach wurden bei mir eine Angststörung und Depressionen diagnostiziert. Heute wäre ich zumindest mental dazu in der Lage.

Andreas Kümmert tritt immer wieder in der Region auf – zum Beispiel am 28. Juli beim Hafensommer in Würzburg.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Gemünden
  • Aerosmith
  • Andreas Kümmert
  • Eurovision Song Contest
  • Gemünden
  • Künstlerinnen und Künstler
  • Liedermacher und Singer-Songwriter
  • Musik
  • Musiker
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!