KARLSTADT

IPSC-Schießen: Dynamischer Sport oder Kriegsspiel?

Das Schützenhaus der KKS Karlstadt Foto: Markus Rill

„Moderner, dynamischer Schießsport“ sagen die Anhänger – „Kriegsspiel, das mit Sport nichts zu tun hat“, meinen die Kritiker. Die Rede ist vom sogenannten IPSC-Schießen, bei dem mit scharfen, großkalibrigen Waffen auf einem Parcours auch zwischen nachgebauten Häuserwänden und Fenstern auf Ziele geschossen wird.

In Karlstadt ist dieses dynamische Schießen, das nach dem Weltverband „International Practical Shooting Confederation“ benannt ist, erst seit der Einhausung des Schießstands 2013 möglich. Eine weitere Stätte gibt es weder im Landkreis Main-Spessart noch in Würzburg, weswegen der KKS Karlstadt einigen Zulauf erhält. „Rund 20 Mitglieder sind neu dazugekommen“, sagt der Vorsitzende Michael Gehrsitz. Rund 25 der 120 Vereinsmitglieder schießen – neben anderen Disziplinen – auch auf dem IPSC-Parcours.

Großes Kaliber

Martin Benkert, von 1986 bis 1994 Vorsitzender des KKS, missfällt diese Entwicklung, deswegen ist er zum Jahresende aus dem Verein ausgetreten. „Aus meiner Sicht braucht kein Sportschütze eine großkalibrige Waffe“, sagt er. Großkaliber seien nur für Jäger und Sicherheitskräfte sinnvoll. Benkerts Eindruck: „Heute meinen viele, es müsse laut krachen und einen ordentlichen Rückstoß haben.“ Das IPSC-Schießen könne man „nicht als Sport bezeichnen. Es erinnert sehr an den militärischen Häuserkampf“.

Bei Olympischen Spielen wird seit 1976 nur noch mit kleinkalibrigen Waffen bis Kaliber .22 geschossen. „Sportschießen ist eine Präzisionssportart“, so Benkert. Beim Luftgewehrschießen gilt es beispielsweise, aus zehn Metern Entfernung in eine Markierung von nur einem halben Millimeter Durchmesser zu treffen. „Die IPSCler schießen mit einer Schrotflinte auf ein wenige Meter entferntes, großes Pappschild – das ist doch kein Präzisionsschießen“, sagt er.

Anspruchsvoll

Aus Sicht von Gehrsitz aber ist IPSC-Schießen, das es je nach Waffentyp in unterschiedlichen Disziplinen gibt, „deutlich anspruchsvoller“ als das übliche „statische Schießen“. „Ich muss die Reihenfolge, in der ich die Ziele abarbeite, selbst auswählen und ich muss mir überlegen, wo ich auf dem Parcours mit möglichst geringem Zeitverlust das Magazin wechsle“, erklärt er. „Ich muss Geschwindigkeit und Genauigkeit in Balance bringen.“ Gehrsitz erklärt: „Auf einer kurzen Stage geht's um bis zu zwölf Wertungstreffer in fünf bis zehn Sekunden, auf einer langen Stage um bis zu 32 Treffer in ein bis zwei Minuten.“ Geschossen wird auf Kartonscheiben und Stahlziele, der Schütze bewegt sich dabei zwischen fünf und rund 50 Metern auf dem Schießstand und wird von einem „Range Officer“ begleitet, der die Zeit nimmt und die Einhaltung der Regeln überwacht.

Nicht gemeinnützig

Der Deutsche Schützenbund und der Bayerische Sportschützenbund konzentrieren sich auf die olympischen, kleinkalibrigen Disziplinen. Deswegen hat sich für die Großkaliberfreunde 1975 der BDS (Bund Deutscher Schützen) gegründet. Die Finanzämter sprechen dem IPSC-Schießen die Gemeinnützigkeit ab. „Es fördert die Allgemeinheit nicht auf geistigem und sittlichem Gebiet“, sondern stelle „durch das Nachstellen von kriegsähnlichen Situationen ein wettkampfmäßiges Kriegsspiel“ dar. „Es besteht daher gerade bei jungen Menschen die Gefahr des Abbaus von Hemmungen sowie die Förderung der Anwendung von Gewalt“, argumentiert die Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main.

Michael Gehrsitz sagt: „Diese Einschätzung ist etwas willkürlich. Das Bundesverwaltungsamt hat die Disziplin schließlich mit Einschränkungen genehmigt.“ Schützenvereine dürfen IPSC-Schießen nicht mehr als Vereinszweck deklarieren, sonst droht die Aberkennung der Gemeinnützigkeit. Stattdessen wird es nun zum „wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb“ gezählt, ähnlich wie vom Verein gestaltete Beatabende oder Faschingsfeiern. Für die Nutzung des IPSC-Schießstands im Karlstadter Schützenhaus zahlt deshalb die eine KKS-Abteilung der anderen Miete.

Vom Innenministerium genehmigt

2009 gab es Bestrebungen, das IPSC-Schießen in Deutschland wegen seines „kampfmäßigen Charakters“ zu verbieten. Das Bundesinnenministerium beurteilte die Sache anders und stellt vor allem die Unterschiede zum „einsatzmäßigen Schießtraining“ von Polizisten heraus: Diese wissen vorher nicht im Detail, wo Ziele auftauchen, sie schießen auch aus der Bewegung und aus der Deckung. Außerdem trainieren Polizisten die Verteidigung gegen ein gewalttätiges Gegenüber, zum Teil unter Berücksichtigung unbeteiligter Dritter, die nicht gefährdet werden dürfen. IPSC-Schützen dagegen gehen den Parcours vorher ab und wissen genau, was auf sie zukommt.

Anders als etwa beim Paintball werden beim IPSC-Schießen keine Gegenspieler „eliminiert“, es geht nicht um die Eroberung oder Verteidigung von Flaggen oder Landschaftsmarken. Zudem unterliegt das dynamische Schießen in Deutschland starken Einschränkungen. Nach dem ersten Schuss darf der Parcours keine zu überquerenden Hindernisse mehr enthalten, Tunnel und zu öffnende Türen sind verboten, die „Wände“ müssen durchsichtig sein, in der Regel handelt es sich um Holzrahmen mit Netzen. „Ich kann mit diesen Beschränkungen leben“, sagt Michael Gehrsitz. „Es gibt sie aber nur in Deutschland.“

Voraussetzungen für Waffenbesitz

Außerdem gibt es Hürden für den Erwerb einer Großkaliberwaffe: Erst nach einem Jahr Zugehörigkeit zu einem Schützenverein mit regelmäßigem Training, Bestehen einer Sachkundeprüfung, Vorlegen eines sauberen polizeilichen Führungszeugnisses und Erhalt einer Bescheinigung vom Landesverband sind die Voraussetzungen für einen Waffenbesitzschein erfüllt. Benkert sagt trotzdem: „Das ist nur etwas für Waffennarren. Die schießen mit umgebauten Kriegswaffen.“

Etwa 1050 Menschen in Unterfranken gehören einem BDS-Verein an. Wie viele davon IPSC-Schießen betreiben, kann Birgit Schuh, Vorsitzende des bayerischen Landesverbands, nicht beziffern, da die meisten Verbandsmitglieder in mehr als einer Disziplin aktiv sind. Mathias Dörrie, Bezirksschützenmeister im für die olympischen Disziplinen zuständigen Schützenbezirk Unterfranken, sagt: „Ich habe keinen Einblick, wie das im Detail abläuft, aber grundsätzlich sehe ich die Sicherheitsfrage bei dynamischen Schießen kritisch.“

Ex-BDS-Präsident: „Reines Kampfschießen“

Otto Obermeyer, ehemaliger Präsident des BDS, unter dessen Ägide das IPSC-Schießen einst in Deutschland eingeführt wurde, kennt die Disziplin genau und wandte sich später dagegen: „Für mich ist das reines Kampfschießen unter dem Deckmantel des Schießsports“, sagte er 2011 dem NDR. Martin Benkert sieht das genau so. Mit 15 Jahren trat er in den Karlstadter Schützenverein ein, mit 70 trat er aus. Er schießt nun für einen Verein im Nachbarort und genießt es, dass er in den Seniorenklassen des olympischen Schießens seine Kleinkaliberwaffe auflegen kann. „Ich treffe immer noch ganz gut“, sagt er lachend.

Michael Gehrsitz, 56, war in der Teamwertung mehrfacher Deutscher Meister im IPSC-Schießen. Aber im Parcours auf der Karlstadter Schießanlage möchte er sich nicht fotografieren lassen. „Der Verein wirbt nicht mit dem IPSC-Schießen und wir lassen dafür nur erfahrene Schützen zu“, sagt er. „Für Anfänger oder Gelegenheitsschützen ist das aus unserer Sicht nicht die richtige Disziplin.“

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