MARKTHEIDENFELD

Ikonen: Nicht der materielle Wert ist entscheidend

Diese Gottesmutter mit einem Perlenoklad aus Klosterarbeit zählte zu den Besonderheiten.

Ikonen sind für gläubige Christen oft von besonderem Reiz. Rund 50 dieser Kult- und Heiligenbilder der Ostkirchen hatte Karl Eisenlauer aus dem schwäbischen Autenried, wo sich im dortigen Schloss auch ein bedeutendes Ikonenmuseum befindet, zu einer Ausstellung ins Hotel „Anker“ nach Marktheidenfeld mitgebracht. Darunter waren Exemplare aus dem 17. bis zum 19. Jahrhundert aus Russland, der Ukraine, Rumänien oder Griechenland.

Seit über 40 Jahren ist der Antiquitätenhändler aktiv und erlebt, wie sich der Markt verändert hat. Die Geschäfte seien schwieriger geworden, fasste er im Gespräch zusammen. Die Zahl der Sammler von alter Kunst und Antiquitäten sei rückläufig. Der Markt werde oft mit Waren zweifelhafter Qualität und Natur überschwemmt. Der undurchsichtige Internet-Handel habe daran großen Anteil. Da würden gutgläubige Menschen von skrupellosen Geschäftemachern übers Ohr gehauen und der seriöse Kunsthandel habe einen schweren Stand.

Nach Marktheidenfeld hatte Eisenlauer den früheren Main-Post-Redakteur Karl Anderlohr (Lohr) eingeladen, der selbst von Ikonen fasziniert ist und mit einem kleinen Vortrag in deren Welt einführte. Er machte deutlich, dass der materielle Wert einer Ikone für den Gläubigen letztlich nicht entscheidend sei. Auch ein billiger Druck von geringer künstlerischer Qualität könne im Zentrum innigster Verehrung eines Abbilds, was Ikone vom Wortsinn her bedeute, stehen.

Reise nach Russland

Anderlohr ist selbst in jüngerer Zeit nach Russland gereist und hat dort selbst die erstaunliche Renaissance des orthodoxen Glaubens nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur erkannt. Die Ikonenmalerei ist nach klassischem Vorbild nicht nur in Klöstern wieder erstanden. Viele Maler und ganze Manufakturen haben sich mit hohem Qualitätsanspruch der Tradition verschrieben. In den neu erbauten Kirchen entstehen wieder meterhohe, mehrstöckige Ikonostasen mit Heiligenbildern oder Festtagsikonen, Mosaiken und Fresken.

In der Bilderverehrung finde sich auch eine gewisse Nähe der Ostkirchen zum Katholizismus. Man bete die Heiligendarstellungen nicht an, verehre sie aber, während evangelische Christen künstlerische Darstellungen deutlich distanzierter höchstens als einen Weg der Glaubensvermittlung betrachteten. Schrift und Verstand stünden hierbei im Zentrum. Der orthodoxe Glaube sei aber geprägt von der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Bildern.

Diese habe sich schon in den ersten Symbolen in der Frühgeschichte des Christentums gezeigt, etwa mit dem Fisch oder dem Brotkorb in den Katakomben. In Grabkammern finde man bald auch schon die Darstellung biblischer Szenen. Aus dem 4. Jahrhundert seien erste Darstellungen der Apostel Petrus und Paulus bekannt. Frühe Darstellungen von Christus zeigten ihn zunächst als bartlosen Gottessohn und später erst als bärtigen Lehrer, was man auch in den berühmten Mosaiken in Ravenna erfahren kann.

Über 180 Marien-Darstellungen

Die ersten Ikonen seien mit heiß vermalten Wachsfarben in Enkaustik-Technik entstanden, wie man sie von den ägyptischen Mumienbestattungen kenne. Christus-Porträts wurden als Darstellungen des „wahren Antlitzes“ von Reliquien wie dem Christus-Bild von Edessa (Mandylion) oder dem Turiner Grabtuch geprägt. Die Orthodoxie habe über 180 Arten der Darstellung der Gottesmutter Maria hervorgebracht. Beispiele für die Erbarmerin (Eleousa), die Wegweiserin (Hodegetria) oder die Gottesmutter (Tricheirousa) mit drei Händen waren in der Ausstellung zu bewundern.

Ausführlich ging Anderlohr auf den byzantinischen Bilderstreit im 8. und 9. Jahrhundert ein, in dem sich die Bilderstürmer auf ein biblisches Darstellungsverbot Gottes (1. Gebot) beriefen. Das Konzil von Nicäa erlaubte jedoch im Jahr 787 die Ikonenverehrung. Weil Gott in Christus Mensch geworden sei, seien dessen körperliche Darstellung und die Darstellung von Heiligen möglich. In Rom waren die Heiligenbilder ohnehin nie vom Papst infrage gestellt worden.

Anderlohr verwies am Ende seines Vortrags auf die hohe spirituelle Bedeutung der traditionellen Malerei in den Ostkirchen. Man profitiere, wenn man die persönliche Distanz aufgebe und vor einem Bildnis zur Musik zur Ruhe komme und meditiere. Dabei stehe nicht der Kunstschatz, sondern das Wunder des Glaubens im Mittelpunkt. Ikonen könnten einen ökumenischen Weg zur Orthodoxie ebnen, wie er sich in auch in anderen östlichen, katholischen Glaubensgemeinschaften zeige.

Etwas befremdlich wirkt diese Darstellung des allsehenden Auges Gottes. Foto: Martin Harth
Im Hotel „Anker“ in Marktheidenfeld wurden Ikonen ausgestellt. Antiquitätenhändler Karl Eisenlauer (rechts) und Vortragsredner Karl Anderlohr zeigen eine Mandylion-Ikone (wahres Antlitz Christi).

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