Lohr

Im Namen von Rexroth beim Christopher Street Day

Sexualität ist nicht für alle Privatsache – nicht für jene 23 Rexröther, die in Würzburg für Vielfalt demonstrierten. Lesen Sie hier, warum die Firma sie unterstützt.
Der Lohrer Björn Heim (rechts) mit drei Mitgliedern der Gruppe 'Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz' beim Christopher Street Day in Würzburg am 29. Juni 2019.
Der Lohrer Björn Heim (rechts) mit drei Mitgliedern der Gruppe "Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz" beim Christopher Street Day in Würzburg am 29. Juni 2019. Foto: Björn Heim

Viele tragen Regenbogenflaggen. Manche zeigen viel Haut. Etliche verkünden auf Tafeln die Botschaften: "Liebe ist grenzenlos", "Mein Körper–Meine Identität – Mein Leben", "You can't pray the gay away" (Man kann Schwule nicht wegbeten) oder "Lieb doch wen Du willst". Am 29. Juni war CSD in Würzburg, Christopher-Street-Day. Mittendrin in der Schar der 700 bis 1000 Demonstranten ein Lohrer: Björn Heim, IT-Sachbearbeiter bei der Bosch Rexroth AG.

"Was ein Spaß", verkündet der 42-Jährige auf seinem Facebook-Profil. "Heute war #Rexroth das erste Mal auf einem #CSD vertreten. Sogar eine kleine #Delegation vom #Mutterkonzern #Bosch war da. Hat mich scho a weng #stolz gemacht. #Danke an alle die mit organisiert haben." 

Ein Zeichen für Toleranz am Arbeitsplatz

Heim war keineswegs allein: 23 Rexröther unterschiedlicher sexueller Orientierung waren dabei, "um ein Zeichen für Toleranz am Arbeitsplatz zu setzen". Das sagt nicht Heim, das schreibt vielmehr Nicole von Killisch-Horn in einer offiziellen Stellungnahme des Lohrer Unternehmens auf Anfrage der Redaktion. Demnach sehen Bosch und Bosch Rexroth das Thema Diversity (Vielfalt) "als Potenzial, das es für den Unternehmenserfolg zu nutzen gilt und das entscheidend zur Attraktivität als Arbeitgeber beiträgt", so die Pressesprecherin weiter. Vielfalt sei ein fester Bestandteil der Unternehmensstrategie.

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Dabei beschränke sich der Diversity-Begriff nicht auf unterschiedliche kulturelle Hintergründe oder die Anteile weiblicher und männlicher Mitarbeiter, sondern umfasse die Summe der unterschiedlichen Denkweisen, Erfahrungen, Perspektiven und Lebensentwürfe aller Mitarbeiter rund um den Globus. "Ein offener Umgang mit der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ist, gerade auch am Arbeitsplatz, wichtig", führt Killisch-Horn aus. "Denn nur in einer offenen und wertschätzenden Unternehmenskultur kann sich jeder Einzelne mit seinen besonderen Talenten und Stärken einbringen."

Die Gruppe der  Bosch Rexroth AG beim Christopher-Street-Day in Würzburg am 29. Juni 2019.
Die Gruppe der Bosch Rexroth AG beim Christopher-Street-Day in Würzburg am 29. Juni 2019. Foto: Luisa Falkenstoerfer, Bosch Rexroth AG

Rexroth: "We are (part of the) Movement"

Bosch Rexroth begnügt sich nicht mit dieser Erklärung. Das Unternehmen stellte auch ein Fahrzeug zur Verfügung: Garniert mit Luftballons im Blau-Weiß des Firmenlogos sowie in Regenbogenfarben lässt es keine Zweifel an der offiziellen Mission aufkommen. Björn Heim und die Rexröther aus Lohr, verstärkt durch Kollegen aus den Standorten Schweinfurt und dem Haßfurter Stadtteil Augsfeld, tragen überwiegend dunkelblau Polo-Hemden mit dem Firmenlogo auf der Brust, dazu ein Transparenz mit der Botschaft: "We are (part of the) Movement" – "Wir sind (Teil der) Bewegung". 

Auch das Unternehmen setzt ein Zeichen: Das Fahrzeug der Bosch Rexroth AG beim Christopher-Street-Day am Oberen Marktplatz in Würzburg. 
Auch das Unternehmen setzt ein Zeichen: Das Fahrzeug der Bosch Rexroth AG beim Christopher-Street-Day am Oberen Marktplatz in Würzburg.  Foto: Luisa Falkenstoerfer, Bosch Rexroth AG

Heim lebt offen schwul, ist derzeit in einer festen Beziehung. Zaungast, Zuschauer bei bunten Demonstrationszügen dieser Art, war er schon mehrfach. Mitmarschiert hinter Samba-Trommeln ist er das erste Mal. Gut gelaunt platziert er ein Selfie mit drei Mitgliedern der "Schwestern der Perpetuellen Indulgenz" aus München, einer weltweit agierenden, lockeren Gruppe von Aktivisten, die von der Norm abweichen und überwiegend aus der überwiegend aus der Szene der Lesben und Schwulen, der Bisexuellen und Transgender-Personen kommen.

„Vielfalt ist nicht nur eine Bereicherung, sondern auch eine Voraussetzung für unseren Erfolg."
Dirk Deuster, Personalleiter der Bosch Rexroth AG

Dirk Deuster, Personalleiter Bosch Rexroth, hat sein schriftliches Statement zum Thema Diversity politisch korrekt verfasst: „Vielfalt ist nicht nur eine Bereicherung, sondern auch eine Voraussetzung für unseren Erfolg. Dafür brauchen wir eine offene Unternehmenskultur, in der jeder/e einzelne Mitarbeiter/-in wertgeschätzt wird, Arbeit und Privatleben miteinander vereinen und letztlich seine/ihre Fähigkeiten voll einbringen kann.“

Bei der Gesellschaftsmutter, der Robert Bosch GmbH, gründeten sechs Beschäftigte bereits Ende 2006 ein Netzwerk für Mitarbeiter, die lesbisch, schwul oder bisexuell, transgender oder intersexuell sind. Laut Pressemitteilung hat es inzwischen mehr als 400 Mitglieder in Europa, Asien und Amerika. Diese wollen Vorbilder sein, Berührungsängste abbauen, die Sichtbarkeit im Unternehmen erhöhen und dazu beitragen, dass Mitarbeiter mit einer anderen sexuellen Orientierung oder anderen geschlechtlichen Identität respektiert und wertgeschätzt werden. "So soll ein Arbeitsumfeld frei von Vorurteilen geschaffen werden", heißt es in der Stellungnahme der Lohrer Firma. 

Stammtisch alle zwei Monate geplant

Der Rexroth-Ableger ist noch vergleichsweise jung: Im März trafen sie Beschäftigte aus Lohr, Schweinfurt und Würzburg zu einer Stammtisch-Premiere in Würzburg. Ihren ersten Vorsatz haben die Mitglieder dieser Gruppe mit der Teilnahme am CSD in Würzburg bereits verwirklicht. Künftig wollen sie sich alle zwei Monate treffen, geht aus der Pressemitteilung hervor. Terminiert ist der nächste Stammtisch laut Heim jedoch noch nicht.

Lukas Weidinger, Mitarbeiter bei Bosch Rexroth, war federführend bei den Vorbereitungen. „Für eine offene Unternehmenskultur ist es mir persönlich wichtig, Vielfalt aktiv mitzugestalten und auch selbst erleben zu können", zitiert das Lohrer Unternehmen seine Stellungnahme.  Björn Heim, der seit über 25 Jahren bei Bosch und Bosch Rexroth arbeitet, hat in den Bereichen, in denen er tätig war, nur positive Erfahrungen gemacht, was seine sexuelle Orientierung angeht. "Ich konnte immer authentisch sein", erklärt er. Dies sollte für alle Mitarbeiter gelten. Auch dafür wollte die Rexroth-Gruppe mit der Teilnahme am CSD ein Zeichen setzten.

Zwei von drei Betroffenen sprechen im Kollegenkreis nicht drüber

Auf seinem Facebook-Account appelliert er an all seine Freunde und Bekannten: "Greift weiter nach dem Regenbogen. Andere haben es längst noch nicht so gut wie wir hier." Das bestätigen auch Umfragen unter homosexuellen Personen in Deutschland. Demnach gingen 1997 rund 12,7 Prozent mit ihrer eigenen sexuellen Identität am Arbeitsplatz offen um. 20 Jahre später gaben rund 28,9 Prozent der befragten Homosexuellen an, mit allen Kollegen über ihre sexuelle Identität zu sprechen oder gesprochen zu haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies: zwei von drei hatten es noch nicht getan. Heim liegt demnach nicht falsch: "Es gibt immer noch viel zu tun ..."

Lesbisch, schwul, ... - wie relevant ist das für MSP?
Unternehmen profitieren von offenem Umgang mit sexueller Identität. Diese Auffassung vertritt auch das Institut für Diversity- & Antidiskriminierungsforschung (IDA). Demnach schafft  Offenheit mehr Arbeitszufriedenheit und steigert die Leistung. Als lesbisch, schwul oder bisexuell, transgender oder intersexuell identifizieren sich einem Beitrag des Deutschen Psychologen Verlags zufolge etwa zehn Prozent der EU-Bürger. Eine 2016 veröffentlichte Studie ermittelte für diese Personengruppe in Deutschland eine Quote von mindestens 7,4 Prozent. Rein statistisch sind dieser Gruppe bei aktuell rund 5600 Beschäftigten allein in Lohr also gut 400 Personen zuzurechnen, von den rund 126 600 Einwohnern im Landkreis Main-Spessart mehr als 9000. 
Mit einer bunten Parade und einem Straßenfest feierten zwischen 700 und 1000 Menschen Ende Juni in Würzburg den Christopher Street Day in Mainfranken. 
Mit einer bunten Parade und einem Straßenfest feierten zwischen 700 und 1000 Menschen Ende Juni in Würzburg den Christopher Street Day in Mainfranken.  Foto: Patty Varasano
23 Rexröther waren dabei, als Ende Juni zwischen 700 und 1000 Menschen beim Würzburger Street Day für Toleranz gegenüber Homosexuellen und anderen Minderheiten eintraten. 
23 Rexröther waren dabei, als Ende Juni zwischen 700 und 1000 Menschen beim Würzburger Street Day für Toleranz gegenüber Homosexuellen und anderen Minderheiten eintraten.  Foto: Patty Varasano

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