Lohr

In der Erinnerung lebendig halten

Die beiden Vorsitzenden Heinz Müller und Erich Enzmann (rechts) ehrten zahlreiche Mitglieder des Heimatverbands der Preßnitzer für ihre langjährige Treue. Foto: Martina Imhof

Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat, nur weil sie Deutsche waren und Rache das Gebot der Stunde war, gerät im allgemeinen Bewusstsein der Öffentlichkeit immer mehr in Vergessenheit.

Um dem entgegenzuwirken und die Erinnerungen und den Zusammenhalt der Betroffenen weiter zu pflegen, lud der 1956 gegründete Lohrer Heimatverband der Preßnitzer zum 28. Mal am Wochenende zum Treffen ein. 53 Teilnehmer, darunter ehemalige Preßnitzer und deren Angehörige, folgten der Einladung.

Nur noch Fotos

Können andere Heimatvertriebene an den Ort ihrer Kindheit zurückreisen, so bleiben den Preßnitzern nur Fotos und ihre Erzählungen als gemeinsame Erinnerung. Den Ort Preßnitz gibt es nicht mehr. Wo früher eine schöne Bergstadt mit 2600 Einwohnern im Jahr 1945 stand, findet sich heute eine 50 Meter tiefe Trinkwassertalsperre. Die Gebäude mussten weichen: Bis 1974 wurden die letzten Häuser zerstört, die Sprengungen teilweise als Kulisse für Filmarbeiten festgehalten.

Doch die Erinnerungen an Preßnitz sind lebendig: Es war Faschingssonntag, der 24. Februar 1946, als die deutschen Bewohner ihre Stadt verlassen mussten. "Es war wie ein großer Faschingszug – ein trauriger", erinnert sich Erich Enzmann, Zweiter Vorsitzender des Heimatverbandes zurück. Damals war er ein achtjähriger Junge, der innerhalb einer Stunde gemeinsam mit seiner Familie das Haus verlassen musste.

50 Kilogramm Gepäck waren zulässig, doch auch das wurde ihnen auf ihrer Reise genommen. Über mehrere Zwischenlager kamen die Preßnitzer in geschlossenen Güterwaggons im zerbombten Würzburg an, von dort folgte die weitere Verteilung. Lohr nahm 1800 Vertriebene auf, darunter über 300 Preßnitzer, die in den leerstehenden Räumen des heutigen Bezirkskrankenhauses untergebracht wurden.

Familien mit arbeitsfähigen Vätern durften in Lohr bleiben, ältere Personen und Witwen mit Familien wurden den Dörfern zugewiesen. "Und die Musikanten kamen nach Erlach": Dazu zählte die Familie von Heinz Müller, Erster Vorsitzende des aktuell 62 Mitglieder zählenden Heimatverbands.

Einst eine Musikantenstadt

Preßnitz galt als Musikantenstadt, Musiker und Kapellen waren damals weit über die Grenzen hinaus bekannt. Unter Lebensgefahr haben später einzelne Preßnitzer Instrumente und Noten aus der sowjetischen Besatzungszone nach Lohr geschmuggelt, erinnert sich Enzmann. Und die Preßnitzer Kultur, insbesondere das Wissen und Können in der Musik, hat die Stadt Lohr und die Ortschaften der Umgebung nach Kriegsende bedeutend geprägt – befürwortet von Edward Kelly, dem damaligen zuständigen Captain der US-amerikanischen Besatzung.

Heimweh nach Preßnitz hatten Enzmann und Müller nicht: »Wir wurden hier so gut aufgenommen, sind hier groß geworden. Wir haben zwar eine Heimat verloren, aber in Lohr eine neue gefunden.« Ein bisschen Heimweh verspürt Erika Wolf, die für die Buchhaltung im Heimatverband tätig ist: Es sind die Winter, die sie vermisst. Am Tag der Vertreibung lag zwei Meter hoher Schnee, es war Minus 25 Grad kalt. All dies zählt zu den wichtigen Erinnerungen und Geschichten, die nicht verblassen sollen und wofür sich der Heimatverband verantwortlich fühlt.

Das Treffen am Wochenende bot im Programm die Möglichkeit: mit dem Besuch der eingerichteten Preßnitzer Heimatstube neben der Lohrer Stadtpfarrkirche, mit Totengedenken am Ehrenmal am Friedhof, Ehrung langjähriger Mitglieder und gemeinsamem Beisammensein mit böhmischer Musik tauschten sich Preßnitzer aus ganz Deutschland, der Schweiz und auch Amerika aus.

Schriftlich festgehalten

Die Zahl derer, die sich noch an die vor über sieben Jahrzehnte befohlene Ausweisung der deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Erzgebirge erinnern können, wird von Jahr zu Jahr weniger. Das Erlebte schriftlich festzuhalten, hat sich Veronika Kupkova, Gymnasiallehrerin aus dem 20 Kilometer von Preßnitz entfernt liegenden tschechischen Kaaden gemeinsam mit ihren Studenten als Projekt vorgenommen. Basierend auf einer Seminararbeit zweier Schülerinnen folgten weitere Recherchen und mehrfache Kontaktaufnahme zum Lohrer Heimatverband.

Das Ergebnis der intensiven Zusammenarbeit zeigt sich in der aktuellen Ausstellung im Kaadener Franziskanerkloster. Das ebenfalls von der Projektgruppe erstellte Buch "Preßnitz lebt!" beinhaltet 30 Zeitzeugenberichte, viele davon aus Lohr. "Es sind ehrliche Erzählungen der Betroffenen und deren unterschiedlichen Perspektiven. Aber eines war bei allen spürbar: die starke Beziehung zur Heimat, zur Natur, zum Erzgebirge", so Kupkova, die ihre Verbundenheit mit einem Besuch des Heimattreffens zeigte.

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