MAIN-SPESSART

Ist der Luchs wieder zurück?

Noch keine Luchse im Vogelsberg
Ein Luchs, aufgenommen im Wildpark Hanau. Foto: dpa Boris Roessler Foto: Boris Roessler (dpa)

Schon zum zweiten Mal innerhalb eineinhalb Jahren ist der Nachweis eines Luchses im Landkreis Main-Spessart mit einer Fotofalle gelungen. Ist die große Wildkatze jetzt zurück? Besiedelt der Luchs auf leisen Pfoten wieder die Spessartwälder?

Wenig optimistisch ist in dieser Hinsicht Sybille Wölfl vom „Luchsprojekt Bayern“. Ihrer Einschätzung nach handelt es sich bei dem Tier um einen Zu- oder Durchwanderer auf der Suche nach einem neuen Revier und nach Artgenossen. Da er diese im Spessart nicht findet, werde er höchstwahrscheinlich weiterziehen.

Sybille Wölfl ist Leiterin des „Luchsprojekts Bayern“, das die Aufgabe hat, den Luchs-Bestand in Bayern möglichst genau zu erfassen und die Akzeptanz gegenüber dieser Tierart zu fördern. Sie hat wenig Hoffnung, dass es gelingt, ohne Hilfe des Menschen den Luchs im Spessart oder in der Rhön wieder zurückzubringen. Zum Aufbau einer Population brauche es einen stabilen Stamm von mehreren Männchen und Weibchen. Aber dieser sei nicht in Sicht.

Das jüngst mit der Fotokamera aufgenommene Bild, das vom Landesamt für Umwelt zur Verfügung gestellt wurde, zeigt deutlich einen Luchs, dessen Fleckenmuster nur wenig ausgeprägt ist. Dies deutet laut Sybille Wölfl darauf hin, dass dieser nicht mit den Luchsen der ostbayerisch-böhmischen Population verwandt ist, für die ein großflächiges Fellmuster typisch ist. Er ähnelt eher den Luchsen aus Nordhessen, die wiederum aus dem Harz dort eingewandert sind.

Männliche Tiere können weite Strecken laufen

Vermutlich handelt es sich daher um einen Luchs, der den Weg von dort in den Spessart gefunden hat, so Wölfl. Gerade die männlichen Tiere können sehr weite Strecken laufen. Dass er hier bleibt, ist nicht ausgeschlossen. Dass sich hier aber ein Pärchen findet, ist dagegen sehr unwahrscheinlich. Daher schätzt Wölfl die Chancen als gering ein, dass sich eine stabile Population entwickelt.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Bund Naturschutz, der sich laut Pressemitteilung sehr über den jüngsten Fotonachweis eines Luchses gefreut hat. Stellvertretender Landesvorsitzender Sebastian Schönauer fordert die Staatsregierung zum Handeln auf, damit der jetzt fotografierte Luchs nicht ein einmaliger Besucher bleibt und sich Luchse auf Dauer wieder ansiedeln können. Gefordert wird eine gezielte Wiederansiedlung mit der Freisetzung von je etwa 20 Tieren nicht nur im Spessart, sondern auch in den bayerischen Mittelgebirgen und den Alpen. Für den BN-Kreisvorsitzenden Erwin Scheiner wären die Wälder im Spessart hervorragend geeignet.

Luchs-Nachweis im Landkreis Main-Spessart am 9. Oktober 2017 an der Landkreisgrenze zu Aschaffenburg. Foto: Landesamt f...

Denn auch in den Bayerischen Wald sind die Luchse nur mit Unterstützung des Menschen zurückgekehrt, nachdem hierzulande um 1850 der letzte Luchs erschossen worden war. Anfang der 70er Jahre wurden dort in einer heimlichen Aktion Luchse karpatischen Ursprungs freigelassen. Wie viele Tiere das waren, ist bis heute unklar – man spricht von fünf bis zehn Exemplaren. Auf tschechischer Seite wurden schließlich in den 1980er Jahren 17 Tiere offiziell wiederangesiedelt, so dass sich der Luchs seit Anfang der 90er Jahre in den grenznahen Hochlagen des Bayerischen Waldes wieder etabliert hat.

Luchse werden geschossen

Dort ist die Population länderübergreifend mit Tschechien und Österreich einigermaßen stabil, aber es werden auch nicht mehr, so Sybille Wölfl. Warum das so ist? Zum einen werden Luchse überfahren, zum anderen spricht sie von "illegalen Nachstellungen" und schließt nicht aus, dass dafür schwarze Schafe unter den Jägern verantwortlich zu machen sind – eine Auffassung, die ihr regelmäßig Anfeindungen aus den Reihen der Jägerschaft einträgt. Die Tiere seien streng geschützt, ihre Tötung ist eine Straftat, aber wenn es doch jemand tut, sei es ganz schwierig, den Täter ausfindig zu machen.

Unklar, wer Luchse getötet hat

„Da bewegt sie sich auf dünnem Eis“, sagt Jäger Hubert Helfrich aus Steinbach. Es sei keinesfalls bewiesen, dass Jäger für Abschüsse von Luchsen verantwortlich sind. Dass illegal Luchse getötet wurden, ist unbestritten. Es könnten aber auch im Bayerischen Wald Nationalparkgegner sein, die dies gemacht haben. Helfrich ist Jagdberater und Mitglied im Netzwerk „Große Beutegreifer“ in Bayern, deren Mitglieder aus den Bereichen Jagd, Naturschutz und Forst stammen. Das Netzwerk versucht einen Ausgleich zwischen den einzelnen Interessen zu finden und Helfrich meint, dass „in verträglicher Anzahl der Luchs eine Bereicherung für die Natur genauso wie der Wolf wäre“.

Dies würden auch die meisten seiner Jagdkollegen so sehen. Einzelne Luchse, die einwandern, könnten auch keinen großen Schaden anrichten. „Da werden mehr Rehe von Autos überfahren.“

Zäune für Luchse kein Hindernis

Vorbehalte hat Helfrich allerdings gegen die Aussetzung von Luchsen, um ihn hier wieder heimisch werden zu lassen. „Es müsse geklärt sein, wer die Schäden bezahlt.“ Das Gatterwild sei gefährdet, weil Zäune für Luchse kein Hindernis sind. Die Abschusspläne müssten gesenkt werden, denn der Luchs würde das Rehwild dezimieren. Es bräuchte dann einen Entschädigungsfonds, der auch greift.

Auch Kreisobmann Reinhard Wolz vom Bayerischen Bauernverband Main-Spessart wendet sich strikt dagegen, den Luchs gezielt anzusiedeln. Er befürchtet negative Auswirkungen für die Weidewirtschaft. Wenn ein Luchs ein Schaf reißt, sei dies nicht mit einer Entschädigung abgegolten. „Geld ist nicht alles“, sagt er. Der Luchs bringe Unruhe in die Herde. Ganz schlimm sei es, wenn ein wertvolles Zuchttier zu Tode kommt. Sollte ein Luchs selbst den Weg in die Spessartwälder finden, könnte man das noch tolerieren.

Ohne Konsens geht es nicht

Doch ohne einen Konsens aller Interessengruppe geht es nicht, davon ist Sybille Wölfl überzeugt. Mit dem sogenannten Ausgleichsfonds „Große Beutegreifer“ sei bereits seit vielen Jahren ein bewährtes Instrument zur Kompensation eventueller Luchsübergriffe auf Nutztiere geschaffen worden. In erster Linie müssten sich die Jäger, die Landwirte, die Förster und der Naturschutz einig werden und dem Luchs eine Chance geben. Und das bedeute, das jeder von seinem Maximalanspruch etwas abrücken müsse, um dem Luchs und anderen Wildtieren wieder mehr Raum zu geben.

Luchse im Landkreis

Mit einer Schulterhöhe von 50 bis 60 Zentimeter ist der Luchs die größte Katze Europas. Die männlichen Luchse, die auch als „Kuder“ bezeichnet werden, wiegen im Durchschnitt zwischen 20 und 25 Kilogramm. Charakteristisch sind beim Luchs die Pinselohren, der breite und rundliche Kopf und der sehr kurze Schwanz.

Das Beutespektrum umfasst praktisch alle im jeweiligen Lebensraum vorhandenen kleinen und mittelgroßen Säuger und Vögel. So zählen unter anderem Rotfüchse, Marder, Kaninchen, junge Wildschweine, Eichhörnchen, Mäuse, Ratten und Murmeltiere zu den von Luchsen geschlagenen Beutetieren, auch Fische werden verzehrt. Kleine und mittelgroße Huftiere mit einem Gewicht von 20 bis 30 Kilogramm stellen jedoch die bevorzugte Beute dar. Der Luchs lebt als Einzelgänger, der vor allem in der Dämmerung und nachts jagt.

Schon im Jahr 2009 hatten sich die Meldungen von der Rückkehr des Luchses in den Spessart überschlagen. 25 Sichtungen wurden gemeldet. Eine Sichtung ist allerdings kein Beweis, denn die Leute können sich ja irren. Sichere Nachweise sind beispielsweise die genetische Analyse von Haaren oder von Speichelabstrichen bei einem gerissenen Reh.

Oder das Bild von einer Fotofalle: Ein solches gelang erstmals im Spessart im Januar 2016 von einem Luchs zwischen Sackenbach und Neuendorf. Im Oktober 2017 ist ein Luchs zum zweiten Mal an der Grenze zum Landkreis Aschaffenburg in eine Fotofalle getappt.

Nähere Informationen im Internet unter www.luchs-bayern.de

 
Luchsnachweis Januar 2016 im Staatswald zwischen Neuendorf und Sackenbach. Zu sehen ist zwar nur das Hinterteil, aber de... Foto: Forstbetrieb Hammelburg

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