BINSBACH

Jeder geht seinen eigenen Jakobsweg

Seit fast 30 Jahren steht die Fränkische St.-Jakobus-Gesellschaft Würzburg im Dienst der Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela im spanischen Galicien. Ihr Schwerpunkt liegt in Betreuung von Pilgern, der Pflege und Kennzeichnung der fränkischen Pilgerabschnitte sowie der Unterstützung von Pilgerherbergen oder Kirchen am Jakobusweg. Die Betreuung von Pilgern erfolgt fast ausschließlich ehrenamtlich.

Es ist ein heißer, trockener Tag im Frühsommer. Die Sonne brennt vom Himmel, der Wind treibt Staubwolken über den steilen Feldweg aus dem Werntal hoch zur Fränkischen Platte. Eric und Vicenta Guillemot aus Straßburg sind müde und hungrig. Schon am frühen Morgen sind sie im 20 Kilometer entfernten Poppenhausen aufgebrochen und freuen sich, als sie endlich am Nachmittag die Pilgerherberge in Binsbach bei Arnstein (Landkreis Main-Spessart) erreichen.

Hier in dem kleinen Dörfchen finden sie nicht nur eine vorzügliche Unterkunft für die Nacht, sie werden sogar von der „Herbergsmutter“ Angelika Issing herzlich mit einem Stück Kuchen empfangen. Das ehemalige Pfarrhaus bietet zwei Doppelzimmer, einen Schlafraum mit Matratzenlager, Küche, einen Gemeinschaftsraum sowie einen Sanitärbereich.

Das französische Ehepaar Guillemot genießt sowohl die Gastfreundschaft als auch den Komfort ihrer Herberge. Sie sind seit 2011 auf dem Weg, allerdings haben sie schon in Schweden begonnen und sind über Dänemark in diesem Sommer in Franken angekommen. Nach der erholsamen Nacht in Binsbach geht es dann weiter über Güntersleben nach Würzburg. Dort ist erst einmal eine längere Pause, denn Eric ist Lehrer in Straßburg. In den nächsten Ferien kommt dann die nächste Etappe zum Ziel Santiago de Compostela.

Seit die Guillemots die Rhönberge passiert haben, sind sie im Wirkungskreis der Fränkischen Jakobusgesellschaft und können hier auf vielfältige Unterstützung bauen. Die Vizepräsidentin Valentine Lehrmann umreißt diese Hilfe für Pilger in einem Gespräch mit der Mainpost.

1987 hatten sich Manfred Zehntgraf und Gottfried Amend auf den 2500 Kilometer langen Weg nach Santiago gemacht und damit eine dauerhafte Saat gesät. Im Folgejahr fühlten sich 18 Freunde des Heiligen Jakobus ermutigt, diesem Beispiel zu folgen, womit sie gemeinsam die Wiederbelebung der Pilgerschaft vorantrieben. Aus dem Kreis dieser Santiagopilger wurde im Dezember 1988 die Fränkische St.-Jakobus-Gesellschaft Würzburg e.V. gegründet, die inzwischen gut 1500 Mitglieder und viele Freunde in ganz Europa zählt.

Ein wichtiger Aufgabenbereich des Vereins ist die Betreuung des fränkischen Teils des Pilgerweges, sagt die Vizepräsidentin Valentine Lehrmann. Im Juli 1999 wurde die Teilstrecke Würzburg-Ulm über Rothenburg ob der Tauber und Rosenberg-Hohenberg als Jakobusweg eröffnet. Seit 2003 ist die Strecke Fulda-Schweinfurt-Würzburg-Ulm vollständig als Jakobusweg ausgeschildert. Daneben gibt es weitere ausgewiesene oder unterstützte Wege. Dazu stehen Streckenpläne mit geeigneten Unterkunftsmöglichkeiten, Etappenvorschläge und detaillierte Wegbeschreibungen bis nach Spanien zur Verfügung. In ihrem Wirkungskreis betreut die Gesellschaft auch Pilgerhäuser wie das in Binsbach, Gaukönigshofen oder „Löwenzahn“ bei Schweinfurt.

Über 8000 Pilgerausweise werden pro Jahr vom Verein ausgestellt, diese berechtigen dann zur Übernachtung in den offiziellen Herbergen und dienen natürlich auch als Nachweis für die begehrte Jakobsmuschel am Ende des Weges in Santiago. Ganz wichtig aber sind auch die 30 Pilgerberater des Vereins. Meist gibt es einmal im Jahr Veranstaltungen, bei denen die angehenden Jakobsfreunde zum Beispiel lernen, wie man einen Rucksack packt. „Vergessen sie ganz schnell Tubenwaschmittel oder aufwändige Verpackung“, rät Lehrmann. Viel besser ist ein Bürstchen mit einem kleinen Stück Kernseife. Viel Wäsche mag zwar dem Hygienebedürfnis entsprechen, muss aber mitgeschleppt werden. Abends wird eben nach dem Essen erstmal gewaschen und am Morgen hoffentlich wieder trocken angezogen, so die erfahrene Pilgerin.

Einmal im Jahr veranstaltet die Gesellschaft Tagungen zu Themen der Pilgerschaft, außerdem gibt es die Vereinsschrift „Unterwegs – im Zeichen der Muschel“, die für Mitglieder kostenlos ist. Die Fränkische Jakobusgesellschaft hat zwar ihr Zentrum in Unterfranken, ist aber breit aufgestellt von der Rhön bis nach Hof und sogar bis ins schwäbische Ulm reicht ihr Wirkungskreis.

Wer geht denn heutzutage noch auf solch strapaziöse Pilgerschaft? Neben religiösen sind es weitgehend persönliche Motive, weiß Lehrmann. Ganz im Sinne der jahrtausendalten Tradition geht es hier um Danksagungen, vielleicht doch auch um eine Buße. Meist aber wollen sich die Menschen eine Auszeit nehmen, mit sich alleine sein, nachdenken, Grenzerfahrungen sammeln. „Denn ganz egal, ob man alleine unterwegs ist oder in einer Gruppe, ob zu Fuß, zu Pferd oder per Fahrrad, eigentlich geht jeder seinen eigenen Jakobusweg für sich alleine!“, sagt Eric Guillemot aus Straßburg.

Mehr dazu im Internet unter

jakobus-franken.de

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