KARLSTADT

Kabarettistischer Blick ins Wesen von Martin Luther

Einblicke in das Eheleben von „Dr. Martin und Herr Käthe“ gaben die „Herbst-Zeitlosen“ in der Karlstadter St.-Johannis-Kirche. Foto: Günter Roth

Ein musikalisches Kabarett mit viel Pfiff, einige Ironie, eine tüchtige Portion Kritik und trotz allem viel Respekt vor dem großen Reformator bot die Gruppe „Die Herbst-Zeitlosen“ in der evangelischen Pfarrkirche St. Johannis zum Auftakt des jährlichen Gemeindefestes im Lutherjahr. Gut 100 Besucher wollten in der fast bis auf den letzten Platz besetzten Kirche an der Arnsteiner Straße „Pro-Thesen und Anti-Thesen“ zu Martin Luther erfahren, vor allem aber auch meist vergnügliche Einblicke in das Eheleben der Luthers machen.

Äußerst geschickt betteten die vier Künstler Sonja Baus, Margrid Gross, Georg Schirmer und Peter Staubach ihre biografischen Geschichten und historischen Hintergrundinformationen in ganz unterschiedliche, aber passende bekannte und unbekannte Lieder ein. Da zeigte Cat Stevens' Song „Father and Son“ das mehr als angespannte Verhältnis von Martin zu seinem Vater auf und das anrührende Stück „Wie soll ich ihn nur lieben?“ aus Webbers Rock-Musical „Jesus Christ“ beschrieb fühlbar mögliche Gedanken und Gefühle der Katharina von Bora gegenüber ihrem „Noch-nicht-Ehemann“ Luther.

Mit zarter, vierstimmig vorgetragener Lyrik „Entflieh mit mir“ von Heinrich Heine und Felix Mendelsohn-Bartholdy und einem typischen Kunstlied von Robert Schumann über ein Klosterfräulein, erzählten die „Herbst-Zeitlosen“ von der Annäherung der Luthers.

Wenig später ging es um die „Ehestandsfreuden“ des Paares. Ein fröhliches, ausgelassenes fränkisches Volkslied beschrieb mit einigem Augenzwinkern die Ehe als ein „Himmelreich voller Harmonie“, aber auch als „gemischte Speis' – mal sauer und mal süß“. In dem Stück „Ich bin emanzipiert“ äußert sich Käthe, untermauert mit Zitaten aus Goethes Faust durchaus kritisch über ihren Ehemann, ebenso wie in den „Tischreden der Katharina von Bora“ nach Christine Brückners „Wenn du geredet hättest, Desdemona“. Das war treffsicheres und kluges Kabarett.

Doch die „Herbst-Zeitlosen“ verkannten bewusst nicht die dunklen Seiten des großen Reformators: Martin, der Hassprediger gegen die Bauern, gegen die vermeintlichen Hexen und vor allem gegen die Juden, die noch heute nach 500 Jahren der evangelischen Kirche schwer im Magen liegen. Lieder der österreichischen Gruppe „Schmetterlinge“ beschrieben die große Not der Bauern und deren Forderungen in ihren zwölf Artikeln. „Die Hexe“ von Georg Kreisler und Friedrich Hollaenders „An allem sind die Juden schuld“ thematisierten diese Probleme.

Martin Luthers Bedeutung für die deutsche Musik und Sprache kam in einer Bourrée von Johann Sebastian Bach im A-capella-Vortrag zur Sprache und ein köstliches Sprechlied „So sprach Martin Luther“ nach Billy Joel mit einer Fülle von Wortschöpfungen des Bruder Martins erzeugte Freude und Staunen gleichzeitig. Zum Schmunzeln gab es ebenfalls reichlich mit kleinen Gedichten von Heinz Erhard.

Nach dem lebhaften und schon fast ausgelassenen jiddischen Lied „Mir lebn ejbig“, verkündete das musikalisch bestens aufgestellte Quartett die 96. These: „Mögen baldigst alle Gräben zwischen den Konfessionen zugeschüttet werden und somit der einstige Grundgedanke der Reformation verwirklicht werden.“

Der Erlös der Spenden aus dem Publikum kommt der Arbeit des Förderkreises „Ehemalige Synagoge Laudenbach“ zugute. Im Anschluss an das Kabarettkonzert trafen sich die Besucher im Garten, um gemeinsam das diesjährige Pfarrfest einzuläuten.

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