KARLSTADT

Karlstadt will fair sein

Expertin: Realschullehrerin Heidi Pollin (rechts) stellte im Karlstadter Stadtrat die Kriterien für eine Fairtrade-Stadt vor. Zusammen mit Schülersprecherin Benita Eckert präsentiert sie das Logo des Projekts und Fairtrade-Produkte, die es in der Realschule gibt: Chips, Kekse und Gummibärchen. Foto: K. Haase

Vor einigen Jahren wäre der Antrag noch als grüne Spinnerei abgetan worden. Jetzt aber will sich die Kreisstadt Karlstadt wie London, Brüssel, San Francisco oder München einreihen in die Liste der Fairtrade-Städte. Der Landkreis Main-Spessart hat sich den Titel gerade erst anerkennen lassen. „Uns steht das sicher auch gut zu Gesicht“, warb Bürgermeister Paul Kruck in der Diskussion um Zustimmung.

Der Grundgedanke: Wenn ein Bürger aus einem Industrieland locker zwei Euro für eine Tasse Kaffee hinblättert, warum sollte dann nicht der Kaffeebauer wenigstens fünf Cent mehr abbekommen. Denn genau das haben Experten als die Differenz zwischen dem billigsten Supermarktkaffee und Fairtrade-Kaffee errechnet. Bei einer Banane freilich schlägt sich der Unterschied stärker nieder. Mancher Hartz-IV-Empfänger wird hier sicher weiterhin lieber zur billigeren Frucht greifen.

Einheitliche Kriterien

Sozusagen als parteipolitisch unabhängige Referentin stellte Heidi Pollin, Lehrerin an der Karlstadter Realschule, die weltweit einheitlichen Kriterien vor, die für die Erlangung des Titels „Fairtrade-Town“ zu erfüllen sind:

• Der Stadtrat beschließt, den Titel anzustreben. Die Stadt selbst geht mit gutem Beispiel voran und verwendet bei ihren Sitzungen und im Bürgermeister-Büro Fairtrade-Kaffee und mindestens ein weiteres Produkt aus fairem Handel, zum Beispiel Tee, Saft oder Zucker.

• Eine lokale Steuerungsgruppe koordiniert die Aktivitäten auf dem Weg zur „Fairtrade-Town“ vor Ort.

• In Einzelhandelsgeschäften und Cafés/Gaststätten werden jeweils mindestens zwei Produkte mit Fairtrade-Siegel angeboten. Diese Anforderung ist nach Einwohnerzahlen gestaffelt. In Karlstadt müssen es demzufolge mindestens vier Geschäfte und zwei Gastronomiebetriebe sein. Dies Anforderung erfüllt Karlstadt bereits.

• In öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Vereinen und Kirchen werden Fairtrade-Produkte verwendet und es gibt dort Bildungsaktivitäten zu diesem Thema. Bei weniger als 200 000 Einwohnern müssen je eine Schule, ein Verein und eine Kirche gewonnen werden, die mindestens zwei Fairtrade-Produkte anbieten. Auch dieses Kriterium ist längst erfüllt. In Karlstadt sind schon die Grundschulen Karlstadt und Wiesenfeld, die Realschule, das Gymnasium, die Förderschule, die Musikschule, die Karlburger Kirche, die evangelische und freie evangelische Kirche in Karlstadt, der Weltladen, die Kaffeebar E61, die Falteshütte, das Piranha, das Weinhaus Frank und die Supermärkte dabei.

• Die örtlichen Medien berichten über die Aktivitäten auf dem Weg zur „Fairtrade-Town“. Mindestens vier Artikel pro Jahr sollen publiziert werden. Ziel ist, das Bewusstsein für das Thema zu schärfen.

1992 startete der internationale, gemeinnützige Verein Trans-Fair seine Arbeit, um benachteiligte kleinbäuerlichen Familien in Afrika, Asien und Lateinamerika eine menschenwürdige Existenz aus eigener Kraft zu ermöglichen. Die festgelegten Mindestpreise decken die Produktionskosten und sichern das Existenzminimum. Eines der Ziele ist es, ausbeuterische Kinderarbeit zu vermeiden. Alle Kinder sollen die Möglichkeit zum Schulbesuch haben. Auch wird der respektvolle Umgang mit der Natur gefördert – durch nachhaltigen und ökologischen Anbau.

Regionale Erzeugnisse

Eines der Ziele lautet auch „Stärkung der regionalen Wirtschaft“. Heidi Pollin erklärte: „Wenn in einem Geschäft hier Zwiebeln aus Ägypten liegen und da Zwiebeln aus Zellingen, sollte man unbedingt die aus Zellingen bevorzugen, da diese nicht unsinnig weit transportiert werden mussten.“

Heimische und importierte Waren sollen nicht in Konkurrenz zueinander treten, sondern sich ergänzen. Das Prinzip lautet: Heimische Äpfel, Kartoffeln und so weiter und Fairtrade-Kaffee, Fairtrade-Bananen und Fairtrade-Schokolade. Bestes Beispiel sei der Apfel-Mango-Saft, der von fränkischen Streuobstwiesen und von Mangos philippinischer Kleinbauern stammt.

Stadträtin Anja Baier hat überschlagen, dass auf die Stadt Karlstadt im Jahr rund 50 Euro Mehrkosten zukommen, wenn sie selbst fair gehandelte Produkte mit einsetzt, sei es in Form von Kaffee oder bei der Bestückung von Präsentkörben.

Stadtratskollege Franz-Josef Scheeb, bekanntlich selbst Landwirt, wenn auch auf anderem Level als ein philippinischer Kleinbauer, konnte der ganzen Sache nichts abgewinnen. Er mutmaßt, dass in den Ländern, in denen Korruption vorherrsche, die falschen Taschen gefüllt werden. Kruck hielt ihm entgegen, die Fairtrade-Initiative sei die bessere Alternative, als die Preispolitik alleine den Mächtigen unter den Discountern zu überlassen. Michael Hombach (CSU) und Wilhelm Glück (SPD) erklärten, ihre Fraktionen würden zustimmen – was sich bei den Grünen erübrigte, denn die hatten den Antrag gestellt. Scheeb lieferte die einzige Gegenstimme.

Und dieses ist der erste der jährlich mindestens vier Beiträge zu dem Thema in einem lokalen Medium.

Fairtrade

Mehr als 1500 „Fairtrade-Towns“ gibt es mittlerweile in 24 Ländern, davon 267 in Deutschland. In Unterfranken tragen Würzburg, Schweinfurt, Bad Brückenau und Güntersleben den Titel, der Landkreis Main-Spessart seit Mai.

Ein Kilo Kaffee reicht für etwa 125 Tassen, je nach Stärke. Das entspricht einem Tassenpreis von etwa 12 Cent bei einem Kilopreis von 13,99 Euro für Fairtrade-Kaffee. Beim billigsten Kaffee eines bekannten Discounters sind es etwa 7 Cent pro Tasse bei einem Kilopreis von rund 8,50 Euro. Unterm Strich ist es also ein Unterschied von 5 Cent pro Tasse.

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