Karlstadter Tafel: Etwas Luxus für die Armen

Jeden Samstag bilden sich lange Schlangen vor einem Haus in der Bodelschwinghstraße 7 in Karlstadt. Hier bekommen Bedürftige Lebensmittel von der Tafel.
Gertrud Tutanel hilft seit über elf Jahren bei der Tafel mit und bedient die Kunden. Ihr macht die ehrenamtliche Arbeit viel Spaß – so wie allen Helfern.
Gertrud Tutanel hilft seit über elf Jahren bei der Tafel mit und bedient die Kunden. Ihr macht die ehrenamtliche Arbeit viel Spaß – so wie allen Helfern. Foto: Lukas Will

Keine Zeit verlieren dürfen Michael Sauer und Andreas Neumüller an diesem Samstagmorgen. „Wir müssen pünktlich sein, denn die Bäcker schließen jetzt“, sagt Sauer, als er den Sprinter-Lieferwagen durch die Gassen der Karlstadter Altstadt lenkt. Die beiden Pensionäre sind ehrenamtliche Helfer der Tafel und haben den Fahrdienst übernommen. Etwa ein Mal im Monat fahren sie mehrere Bäcker und Supermärkte in der Umgebung von Karlstadt ab. In sechs Stunden legen sie dabei über 100 Kilometer Kilometer zurück und holen Lebensmittelspenden der Geschäfte für die Kunden der Tafel ab. Sauer und Neumüller sind mit viel Engagement und Spaß bei der Sache. „Aber ein Spaziergang ist das nicht, nach der Tour spürt man in den Knochen, was man geschafft hat“, sagt Sauer.

Enger Zeitplan

Soziale Gerechtigkeit ist eines der großen Themen im Wahlkampf für die Bundestagswahl. Obwohl in Deutschland keiner verhungern muss, gibt es Menschen, die kaum das Geld für Lebensmittel aufbringen können. Genau dann, wenn viele Bürger am Samstag ihre Wochenendeinkäufe in den Supermärkten erledigen, bilden sich ab Mittag lange Schlangen vor dem Haus in der Karlstadter Bodelschwinghstraße 7.

Hier findet die wöchentliche Ausgabe der Tafel statt, Bedürftige können sich für maximal einen Euro pro Person Lebensmittel und andere Gebrauchsgüter besorgen. Die Helfer der Karlstadter Tafel setzen sich für diejenigen in der Gesellschaft ein, die sich kaum etwas leisten können: Arbeitslose, Rentner, Flüchtlinge, prekär Beschäftigte oder Alleinerziehende.

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Karlstadter Tafel

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Während Sauer und Neumüller nach Karlburg zu einem Bäcker fahren plaudern sie trotz des engen Zeitplans vergnügt über ihre Tafel-Erfahrungen aus den vergangenen Jahren. Durch Zeitungsannoncen sind sie darauf aufmerksam geworden, dass Helfer gesucht werden. „Es ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung mit sozialem Hintergrund“, begründet Neumüller seine Motivation, und auch Sauer sieht das so. Als sie den Bäcker erreichen, muss es schnell gehen. Mehrere Kisten mit Brötchen, Käsestangen und Broten, die an diesem Samstag nicht verkauft wurden, warten schon auf die beiden Tafel-Helfer. Nur ein paar Worte wechseln sie mit der Bäckerin, laden ohne Zeit zu verlieren die Spenden ein und machen sich schon auf den Weg zur nächsten Station. Das ist kein Job für Trödler, der Zeitplan ist eng getaktet.

Immer auf der Suche nach Helfern

„Für beide Seiten ist das eine Win-win-Situation“, sagt Sauer, als er wieder am Steuer sitzt. „Die Geschäfte sind froh, wenn sie die Sachen nicht wegschmeißen müssen. Und wir sind froh, weil wir sie umsonst bekommen und an die Armen weitergeben können. Auch, wenn das eigentlich eine Schande für solch ein reiches Land wie Deutschland ist.“

Der Verein Karlstadter Tafel gründete sich im März 2005 und finanziert sich selbst. Von der Stadt gibt es einen Zuschuss. Aktuell nehmen etwa 120 Kunden das Hilfsangebot der Tafel wahr. „Viele trauen sich aber wahrscheinlich nicht zu uns, weil sie sich dafür schämen“, sagt Gudrun Schäfer, die sich von Anfang an bei der Tafel engagiert und die Einteilung der Helfer übernommen hat. Rund 60 Freiwillige sorgen abwechselnd dafür, dass die Regale jeden Samstag gefüllt sind und geben Lebensmittel und auch gespendete Drogerieartikel aus. „Wir benötigen mindestens zehn Helfer pro Tag, besser sind aber zwölf“, sagt Schäfer. Sie ist stets auf der Suche nach neuen Hilfskräften. Die Freiwilligen arbeiten in zwei Schichten: Frühs holen zwei Fahrer die Spenden ab, während andere Helfer die Waren in die Regale räumen.

Ab 14 Uhr, wenn die ersten Kunden kommen, geben die Helfer der zweiten Schicht die Sachspenden an die Bedürftigen aus.

Bedürftigen helfen und Lebensmittel retten

Nicht immer sind alle Lebensmittel einwandfrei. Einige haben kleine Produktfehler wie einen falschen Aufdruck oder eine Delle. Viele der Spenden haben das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, sind aber noch genießbar. Das Mindesthaltbarkeitsdatum sei nur eine Garantie des Herstellers, aber entspreche nicht dem Verfallsdatum, erklärt Schäfer. „Wir wollen einerseits den Bedürftigen helfen, zugleich aber auch noch verwendbare Lebensmittel vor dem Müll retten.“ In einer ausgehängten Liste ist vermerkt, wie lange welche Lebensmittel auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar sind. „Was wir selber nicht mehr essen würden, schmeißen wir weg“, sagt Schäfer.

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Wie die Karlstadter Tafel arbeitet - Egal woher, egal wie alt, egal ob verheiratet oder alleinstehend: Jeder, der bedürftig ist, kann zur Karlstadter Tafel kommen. Hier engagieren sich derzeit etwa 60 ehrenamtliche Helfer für rund 120 Kunden.

Mittlerweile ist es 13.30 Uhr und die ersten Kunden warten schon auf Einlass vor den Räumen der Tafel. Sauer und Neumüller kommen von ihrer letzten Runde zurück und helfen beim Ausladen. Dann ist ihre Schicht beendet, die ersten Helfer für den Nachmittag treffen bereits ein. Eine von ihnen ist Margot Maas. Sie war schon in einigen Schulen und hat Kindern das Konzept und die Notwendigkeit der Tafel erklärt. „Viele glauben zunächst, die Arbeitslosen oder Flüchtlinge bekommen eh schon alles vom Staat bezahlt. Aber trotzdem sind unsere Kunden auf uns angewiesen. Auch sie haben das Recht, sich ab und zu mal etwas zu gönnen. Man lebt nicht vom Brot allein“, sagt Maas.

Ausgabe mit Augenmaß

Als um 14 Uhr die ersten Kunden nach und nach eingelassen werden, begleitet jeder der Helfer einen der Bedürftigen im Rundgang durch den Laden und gibt ihnen die gewünschten Lebensmittel. Das geschieht mit Augenmaß, denn das Angebot soll für alle reichen und jeder soll so viel erhalten, wie er benötigt. Dabei gibt es keine festen Vorgaben, die Tafel-Helfer achten auf eine gerechte Verteilung. „Bis 18.30 werden wir heute bestimmt hier sein“, sagt Helferin Gertrud Totanel, nachdem sie den ersten Kunden bedient hat. „Aber mir macht das unheimlich Spaß.“

 

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