Karlstadt

Karlstadter Win-Win-Koalition: Linke und Partei auf einer Liste

Rudi Gosdschan bot Kooperation an, schnell waren sich die ungleichen Partner einig. Beide profitieren von dem gemeinsamen Wahlvorschlag.
Kandidaten von Die Linke und Die Partei (von links): Jakob Schreiner, Johannes Höhn, Rudi Gosdschan, Johannes Köhler, Janik Havla, Benedikt Scheiner, David Lutz, Nina Zuleger. Foto: Scheiner

Im Fußball begann das Phänomen: Wenn zwei benachbarte Ortschaften nicht mehr genügend Nachwuchskicker haben, legen sie ihre Jugendteams zusammen. Diesen Weg machen sich nun auch politische Parteien zu eigen: Die Linke und die Die Partei treten in Karlstadt auf einer gemeinsamen Liste für die Stadtratswahl an, Janik Havla fungiert als Bürgermeisterkandidat.

Rudi Gosdschan, der 24 Jahre lang für die SPD im Karlstadter Stadtrat saß und sich nun für Die Linke engagiert, hatte die Idee zu der ungewöhnlichen Koalition. "Mir hat imponiert, wie sich die jungen Leute von der Partei engagiert haben." Die Vertreter der Satire-Partei waren darauf angewiesen, für ihren Listenvorschlag und ihren Bürgermeisterkandidaten Unterschriften zu sammeln. Das lief zäh, eine Woche vor Fristende waren sie von den nötigen 180 Unterschriften noch ein gutes Stück entfernt. 

Es musste zügig gehen

"Also habe ich Janik Havla angesprochen und ihm eine gemeinsame Liste vorgeschlagen", erzählt Gosdschan. Davon profitieren beide Seiten: Weil die Linke wegen ihrer Präsenz im Bundestag als "privilegierte Partei" gilt, muss sie keine Unterschriften sammeln – das gilt auch für den neuen Partner. Im Gegenzug kommt eine Liste mit 14 Bewerbern zusammen, acht davon stammen von Die Partei. Zuvor war Die Linke noch nie in Karlstadt angetreten. "Eine Win-Win-Situation", folgert Rudi Gosdschan.

Jakob Schreiner, Kopf der Partei in Karlstadt, sagt: "Wir sind nicht böse drum, dass wir keine Unterschriften mehr sammeln müssen." Gosdschans Vorschlag hätten sie erst intern besprochen und dann zugestimmt. Das musste zügig gehen, denn bis 23. Januar musste der Wahlvorschlag eingereicht werden – nur sechs Tage nach dem ersten Gespräch.

Die Liste ist nun abwechselnd besetzt mit Vertretern beider Lager, an der Spitze steht der 20-jährige Janik Havla. "Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet", so Schreiner. "Der Austausch von Jung und Alt gehört zur Gesellschaft", sagt Mittsechziger Gosdschan und ergänzt: "Dass Greta Thunberg so viele Menschen bewegt, sollte der Politik zu denken geben." Er habe sich schon 1972 für das erste Karlstadter Juze eingesetzt. Da waren die Partei-Vertreter noch nicht geboren. 

Weiterhin eigenständige Parteien

Die Listenpartner setzen sich inhaltlich keine gemeinsamen Ziele. "Wir verstehen uns weiterhin als eigenständige Parteien", sagt Schreiner. "Mir gefällt das Underdog-Denken der Partei. Die haben frische Ideen und hinterfragen die eingefahrenen Abläufe", lobt Rudi Gosdschan. "Wir haben eine andere Kundenansprache als die anderen Politikanbieter", scherzt Jakob Schreiber. "Wir nehmen unser Recht wahr, an der Politik teilzunehmen."

Einig sind sie sich in der Unzufriedenheit mit der derzeitigen Kommunalpolitik: "Es sollte im Stadtrat mehr Diskurs geben und größere Transparenz." Wenn Bürgermeister-Kandidaten die Installation eines "Wirtschaftslotsen" fordern, schüttelt Schreiner den Kopf. "Es gibt doch wirklich genügend Leute in der Stadtverwaltung."

Die Partei will sich für kulturelle Themen einbringen. "Es gibt Automeilen, Märkte und Gastro-Veranstaltungen, aber zu wenig Proberäume für Bands, zu wenig Konzerte", so Schreiner. Rudi Gosdschan will sich für das Mehr-Generationen-Wohnen einsetzen und derartiges auch in der Altstadt anbieten. Die Förderung von Sanierungsmaßnahmen in der Altstadt würde er gern erhöhen, die Flächenversiegelung im Stadtgebiet eindämmen. Und er will sich für Bürger einsetzen, die gegen ihren Wunsch, vom Rettungswagen nach Würzburg gebracht zu werden, nach Lohr gefahren wurden. "Dass es solche Fälle gibt, habe ich mehrfach gehört. Ich bitte Menschen, denen das passiert ist, es mir per Mail an rudi@gosdschan.com mitzuteilen." Er wolle sich für freie Arzt- und Krankenhauswahl einsetzen.

Die acht Partei-Kandidaten auf der gemeinsamen Liste für den Karlstadter Stadtrat stehen auch auf dem Kreistags-Wahlvorschlag, der nur den Namen der Linken trägt. Zum Abschluss des Gesprächs betont Jakob Schreiner noch eine bislang zu wenig beachtete Qualität des gemeinsamen Wahlvorschlags: "Wir sind die Liste mit den längsten Haaren." 

Die Bewerber:

1. Janik Havla (Karlstadt, 20, Student), 2. Bernd Kleinwechter (Karlstadt, 39, Beamter), 3. Jakob Schreiner (Karlstadt, 30, Redakteur), 4. Rudi Gosdschan (Karlstadt, 65, geschäftsführender Gesellschafter), 5. Benedikt Scheiner (Karlstadt, 31, Mechatroniktechniker), 6. Martin Möllmann (Karlstadt, 56, Angestellter), 7. Johannes Köhler (Karlstadt, 30, Bildungsbegleiter), 8. Christian Müller (Gambach, 37, Pflegedienstleiter), 9. Nina Zuleger (Laudenbach, 36, Erzieherin), 10. David Lutz  (Laudenbach, 31, IT-Administrator), 11. Johannes Höhn (Karlstadt, 27, Notfallsanitäter in Ausbildung), 12.   Emanuel Schirm (Karlstadt, 23, Student), 13. Christina Vogt (Karlstadt, 25, Krankenpflegerin), 14.  Julian Lutz (Laudenbach, 31, Architekt).

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