Klinikum: Dem Bazillus auf der Spur

Nach dem Münchner Hygiene-Skandal:
Zerlegen, aufstecken, anschließen: Hygieniker Wolfgang Kunkel präpariert den Wagen mit dem OP-Besteck für die Reinigung. Foto: Lenzen

Nahezu unscheinbar hängt das Edelstahlplättchen TOSI zwischen geöffneten Scheren, Kanülen und Zange im obersten Sieb. In einem allerletzten Check prüft Hygieniker Wolfgang Kunkel noch einmal, ob alle Zangen-„Mäulchen“ geöffnet sind, alle zerlegbaren Instrumente auf die Düsen aufgesteckt und angeschlossen, dann schiebt er den vollbestückten Wagen in den Reinigungs- und Desinfektionsautomaten. Rund eine Stunde wird dieser nun den Überresten von Blut und Gewebe zu Leibe rücken – die letzten zehn Minuten auf 93 Grad. Danach sollte nicht nur das OP-Besteck aus der vorangegangenen Blinddarm-OP klinisch rein sein, sondern auch die viereckige Test-Anschmutzung auf TOSI verschwunden.

Es waren gruselige Zustände, von denen die Medien aus zwei Münchner Kliniken in den letzten Monaten berichteten: Verschimmelte Duschvorhänge, verdreckte Lüftungsanlagen, verschmutztes Operationsbesteck. Wie konnte das passieren? Und: Kann das auch in den Krankenhäusern des Klinikums Main-Spessart passieren? „Ich bin in letzter Zeit oft gefragt worden“, sagt Regina Kürbis. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Wolfgang Kunkel steht die Sterilisation-Assistentin in dem ersten von zwei Räumen der Sterilisationsabteilung im Krankenhaus in Marktheidenfeld.

Unterschrift bürgt für Reinheit

Die beiden haben eine verantwortungsvolle Aufgabe: sie geben das Sterilgut am Ende der Aufbereitungskette frei und bürgen gleichzeitig mit einer Nummer und ihrer Unterschrift. Während ihr Kollege Kunkel im „unreinen Raum“ benutztes Besteck nach der OP so weit wie möglich zerlegt, schwer zugängliche Stellen mithilfe von Kunststoffbürsten, Dampfstrahlern und Ultraschall voreinigt und die Utensilien anschließend ins Reinigungs- und Desinfektionsgerät steckt, steht Regina Kürbis auf der anderen Seite im „reinen Raum“ und sortiert alles nach genauen Packlisten wieder zusammen. Zum Schluss wandern die Sets bei 134 Grad in die Sterilisation und können nur von der dem OP zugewandten Seite wieder dem Gerät entnommen werden.

„In der Aufbereitung wird jedes Instrumentarium so behandelt, als wäre es infektiös“, sagt Hans Göllnitz, Geschäftsführer vom Hygiene-Institut Mainfranken. Seit 15 Jahren betreut er das Klinikum Main Spessart. Einmal pro Woche kommen seine Hygienefachkräfte sowohl nach Marktheidenfeld wie auch nach Lohr und Karlstadt. Geprüft wird, was gerade auf dem Plan steht oder aktuell einer Klärung bedarf: Waschmaschinen, Patientenzimmer oder der OP. Den entsprechenden Katalog gibt es vom Robert Koch Institut.

Zudem stellt jedes Krankenhaus einen hygienebeauftragten Arzt, mindestens einmal pro Jahr tagt außerdem eine Hygienekommission. Und dann gibt es da noch das Gesundheitsamt: Auch dieses nimmt die Krankenhäuser regelmäßig unter die Lupe. Mängel, vergleichbar mit denen in den Münchner Kliniken, fanden sich bisher nicht.

„Eine Bettpfanne muss bei uns genauso hygienisch aufbereitet sein wie die Instrumente in der Waschmaschine“, sagt Göllnitz. Sollte die Maschine schwächeln, schlägt TOSI, der kontaminierte Teststreifen, Alarm. Wie konnte es, seiner Meinung nach, zu solchen Zuständen wie in München kommen? Wo liegen die Schwachstellen im Hygienesystem? „In erster Linie beim Menschen“, so Göllnitz. Denn sie bedienen die Waschmaschine, die Desinfektionsanlage, den Putzeimer oder kommen in die Krankenhäuser zu Besuch.

Mindestens einmal pro Tag werden die Zimmer reinigend desinfiziert, der Mopp und die Putzutensilien nach jedem Raum gewechselt, und trotzdem schleusen sich immer wieder Bakterien und Viren an Besucherhänden ein.

Mindestens jedes halbe Jahr oder oder bei einer Infektionswelle machen die Hygieniker deshalb den Check, drücken Nährböden auf Hände, Kleidung, Tische, Stuhllehnen und Betten und schauen, was darauf wächst. Manchmal resultiert daraus auch eine Änderung des Reinigungs-Prozederes. So zum Beispiel damals beim Bekanntwerden der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Weiterhin ist das Krankenhaus verpflichtet, Grenzwertüberschreitungen wie etwa beim Trinkwasser zu melden.

Auch die OP-Geräte werden immer spezieller und technischer. Die Hygienebeauftragten müssen darauf reagieren und sich gleichzeitig um entsprechende Reinigungssysteme kümmern. Doch auch die Reinigung stößt irgendwo an ihre Grenzen: Skalpelle, Spritzen, Infektionsschläuche oder Mundstücke wandern als Einmal-Artikel in den Müll.

Multiresistente Erreger bereiten Sorgen

Ein Thema, das auch das Klinikum Main-Spessart zunehmend beschäftigt, sind die multiresistenten Erreger, also Bakterien oder Viren, die gegen verschiedene Antibiotika unempfindlich sind und besonders in Kliniken oder Altenheimen zum Problem werden können. Für einen gesunden Menschen stellen sie kaum eine Gefahr dar, für Menschen mit einem schwachen Immunsystem schon.

MRSA heißt der bekannteste Vertreter. Damit er sich so wenig wie möglich verbreitet, wird, wer in einem Haus des Klinikums Main-Spessart operiert werden soll, meist per Nasen- oder Wundabstrich auf ihn untersucht. Wird der Patient positiv getestet, bekommt er ein Einzelzimmer und wird erst am Ende des Tages operiert. „Zur Zeit haben wir einen guten Standard“, sagt Göllnitz. Doch wo führt die Hygiene-Reise hin? Unter eine Käseglocke? Zunächst einmal einfach „nur“ in Bewegung.

„Wir müssen ständig am Ball bleiben und uns fragen, was jetzt wieder angepasst oder geändert werden muss, sei es im Reinigungssystem oder in der Schulung der Leute.“ Für Hans Göllnitz hat das nichts Beunruhigendes, sondern eher etwas von dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“.

TOSI-Alarm: Sollte die Test-Anschmutzung auf dem Edelstahlplättchen in der Maschine nicht beseitigt werden, muss dringen... Foto: Lucia Lenzen

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