Kuschels Wollkörbchen in Gemünden schließt

Christa Kuschel (links) mit Emma Schüßler aus Rieneck, einer ihrer Stammkundinnen. Foto: Michael Fillies

34 Jahre hatte ihre Masche Erfolg, jetzt ist Schluss: Christa Kuschel legt die Stricknadeln beruflich beiseite und schließt ihr Fachgeschäft „Kuschels Wollkörbchen“ in der Gemündener Altstadtpassage. „Stimmt das wirklich?“, fragen fast alle, die den Laden betreten, vor allem die Stammkundinnen, obwohl seit Wochen schon Plakate an der Tür auf das einschneidende Ereignis hinweisen. Hat Christa Kuschel die ungläubig gestellte Frage bejaht, folgt mit Bestürzung eine zweite, die unbeantwortet bleibt: „Wo soll ich denn dann meine Wolle kaufen?“

Leidenschaftliche Strickerin

Christa Kuschel versteht ihre Kundschaft. Das „Wollkörbchen“ ist im Umkreis einzig in seiner Art, und das nicht nur wegen der reichen Auswahl an Garnen, sondern auch wegen der kompetenten Beratung durch die leidenschaftliche Strickerin, die auch stets offen für neue Moden und Techniken ist. Gern denkt sie an die Modetrends des Pantoffel-Filzens, die „Myboshi-Mützen“ oder die Loops (Schals). Die Langenprozeltenerin bittet aber auch ihrerseits um Verständnis, nicht ins Rentenalter hinein weiterarbeiten zu wollen.

Dass ihr manches Mal ein langer Arbeitstag zu schaffen macht, falle am Abend besonders ihrem Mann Markus Kuschel auf. Den letzten Anstoß, jetzt „Mitte bis Ende Februar“ den Schlussstrich unter das Berufsleben zu ziehen, gaben im vergangenen Jahr einige Todesfälle in der Familie und im Bekanntenkreis: „Ich möchte doch noch etwas von meinem Leben haben.“ Gemünden wird damit ein besonderes Fachgeschäft verlieren, denn ein Nachfolger, der den Laden übernehmen würde, ist nicht in Sicht, obwohl es zwei Interessentinnen gab.

Main-Post ohne Kunden-Service

Schluss sein wird auch mit dem Kunden-Service der Main-Post, den Christa Kuschel seit 2006 angeboten hatte. Connys Confiserie hingegen, die handgemachten Pralinen und anderen Spezialitäten der Gemündener Konditormeisterin Conny Köhler, die es ebenfalls im Wollkörbchen gab, wird eine andere Unterkunft in der Gemündener Obertorstraße finden.

„Mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ bereitet sich die Strickfachfrau auf ihren neuen Lebensabschnitt vor. Es sei nicht so, dass man aus einem Betrieb ausscheidet, beschreibt sie ihre Stimmungslage, sondern „ich gebe ja alles auf, was ich in 34 Jahren aufgebaut habe“. Das geht nahe. Gerade hat sie ihre letzte Lieferung bekommen: 60 Kilogramm Wollknäuel werden noch einmal in die vielen Regale geräumt, obschon bereits der Ausverkauf läuft: „Sommergarne der halbe Preis“, sagt sie einer jungen Kundin, die offenbar das Fachchinesisch der Chefin versteht: „Soll ich's Ihnen draufschreiben: ,zehn Maschen‘? Für Damen(-socken) reicht's, für Herren nicht. Das müssen Sie stärker stricken, ich hab's mit 4,5 gemacht. Mit 2,5 wird's knochenhart.“

Das letzte „Meisterstück“

Das ist eine Besonderheit des „Wollkörbchens“: die versierte Beratung. Dass Christa Kuschel ihr Handwerk versteht, ist ihr anzusehen. Immer trägt sie flotte Strick- oder Häkelsachen von eigener Nadel und wechselt sogar öfters mal am Tag die Sachen, lange und kurze Jacken, Pullover, oder auffällige Schals und Stulpen.

Sie stricke unentwegt, sagt sie auf Nachfrage. „Hier mein letztes Meisterstück“, zeigt die Langenprozeltenerin lächelnd ein Kissen: „Reine Merino(-wolle). Zwei Tage habe ich daran gehäkelt. Aber dann hat mir die Schulter wehgetan.“ Verkaufen könne sie die Sachen nicht; der Materialwert des Kissens liege bei 70 Euro, aber die Arbeitszeit sei nicht zu bezahlen. Ein junge Kundin bestätigt die Aussage: „Da müssten die Strümpfe ja 200 Euro kosten!“

Eine weitere Besonderheit ist die kleine Sitzecke mit fünf Stühlen, Stammplatz einer dienstagnachmittäglichen Strickrunde. Oder auch beispielsweise von Emma Schüßler, einer 84-jährigen Stammkundin aus Rieneck, die für Bekannte und Verwandte gern Socken als Dankeschön strickt und den regelmäßigen Wollekauf für einen Plausch mit Christa Kuschel nutzt. Freilich braucht die Rieneckerin keine Tipps fürs Stricken. Stattdessen wird ein bisschen geratscht. „Oder wir gärteln miteinander“, erzählt Christa Kuschel, zum Beispiel: „Haste Dei' Bohne' scho gelecht?“

Stricken mit Ehemann

Der Garten daheim in Langenprozelten ist die zweite Leidenschaft der Geschäftsfrau und wird künftig mehr Raum in ihrem Leben bekommen. Handarbeiten wird sie natürlich weiterhin, auch zusammen mit ihrem Mann, dessen Mutter Schneiderin war und der ebenfalls begeistert strickt. Ob sie ihr immenses Fachwissen nebenher in Kursen weitergeben wird, kann sich Christa Kuschel noch nicht so recht vorstellen.

„Ich gebe ja alles auf, was ich in 34 Jahren aufgebaut habe.“
Christa Kuschel

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