LOHR/WIEN

Landfriedensbruch: Gewalttätiger Club-Fan zu Geldstrafe verurteilt

Eigentlich sollte es vor zwei Jahren ein schönes Freundschaftsspiel zwischen Rapid Wien und dem 1. FC Nürnberg mit anschließendem Fanfest werden. Doch die Veranstaltung in Wien lief total aus dem Ruder. Mittendrin ein 30-jähriger Ultra-Club-Fan aus dem Raum Lohr. „Das war das Heftigste, was ich bisher erlebt habe“, sagte ein Nürnberger Polizist, einer von vier hauptamtlichen „szenekundigen Beamten“ in der Norisstadt, nun vor dem Amtsgericht Gemünden. Der angeklagte 30-Jährige, der zwei Bierbänke auf Polizisten geworfen hatte, bekam eine saftige Geldstrafe wegen Landfriedensbruchs – seine zweite.

Ein vor Gericht als Beweismittel vorgespieltes Video gibt einen Eindruck davon, was am 7. September 2013 vor dem alten Wiener Hanappi-Stadion los war. Zu sehen ist ein Pulk von gewalttätigen Fans, die Bierbänke in den Eingangsbereich des Stadions werfen, wohin sich die völlig überforderten Polizisten zurückgezogen haben. 500 Personen haben sich laut Polizei an der Randale beteiligt. Das Resultat: knapp 35 000 Euro Schaden, siebzehn zum Teil schwer verletzte Polizisten und Sicherheitsmitarbeiter. Die Ermittlungsakte zu dem Fall füllt laut dem beim Prozess anwesenden Staatsanwalt 1000 Seiten.

Der geständige Angeklagte war nach eigenen Angaben zehn Jahre lang Mitglied der radikalen Fangruppe Ultras Nürnberg, Sektion Unterfranken. Es habe öfter mal „Reibereien“ gegeben. Nach Wien ist er per Sonderzug mit 500 bis 600 Clubfans gekommen. Mit den Anhängern von Rapid besteht eine Freundschaft. „Dann ist es irgendwie eskaliert, wie genau, weiß ich nicht.“ Er sei nach reichlich Alkoholgenuss betrunken gewesen, obwohl er jedes Wochenende fleißig „trainiert“ hat.

Eskalation nach Partie in Wien

Der angereiste 49-jährige Nürnberger Polizeibeamte konnte Näheres dazu sagen, wie die Situation in Wien eskaliert war. Nach dem Spiel gab es zunächst zwei Zwischenfälle, bei denen auch schon erste „Heurigenbänke“, wie Bierbänke in Österreich heißen, flogen. Ein aus seiner Sicht ungeschickter Einsatz der österreichischen Kollegen habe dann um 20.30 Uhr, zwei Stunden nach den ersten Vorfällen, wie ein „Streichholz im Benzinfass“ gewirkt.

Weil eine Polizeisondereinheit einen FCN-Fan, der offenbar an einem Polizeiauto etwas beschädigt oder gestohlen hatte, festnehmen wollte, hätten sich die österreichischen und deutschen Fans, darunter eine große Anzahl Gewaltbereiter – Zeuge: „Es war wirklich alles aus Nürnberg da“ –, gegen die Polizei solidarisiert. Es flogen unter anderem Bierbänke, Mülltonnen, Werbeständer, Glasflaschen und Pyrotechnik in Richtung der Beamten.

Alleine hätte die nur in Freundschaftsspielstärke anwesende Polizei die Situation nicht unter Kontrolle gebracht, ist sich der Nürnberger Polizist sicher. Eine Wiener Fangruppe, die „Alte Garde“, habe die Randalierer schließlich beruhigen können. Er habe in seiner fast achtjährigen Tätigkeit als Szenepolizist schon viel erlebt, aber so etwas noch nicht. Der Eingangsbereich des Stadions, das er mit dem Fürther Ronhof verglich, sei komplett „entglast“ gewesen.

Der Angeklagte, der hinterher auf Videoaufzeichnungen identifiziert wurde, war für den Polizeibeamten kein Unbekannter. Der „Ultra-Fan“ war bereits im Mai 2013 nach großen Ausschreitungen in Düsseldorf in Polizeigewahrsam geraten. Man habe ihm damals aber nichts nachweisen können. Weil man jedoch damit sein Foto und seinen Namen hatte, konnte ihm eine Beteiligung an Randale in München im April 2013 nachgewiesen werden.

Die Sache war nun etwas ungünstig für ihn: Genau einen Monat vor dem Vorfall in Wien war der 30-Jährige wegen des Vorwurfs des Landfriedensbruchs in München vernommen worden. Er hätte also gewarnt sein müssen. In München war er gemeinsam mit 400 bis 450 Club-Fans am Rande des Bundesligaspiels gegen den FC Bayern von Münchner Fans attackiert worden, bevor die Cluberer nach dem Abdrängen der Bayernfans durch die Polizei ihre Wut an den Beamten ausließen. Der Angeklagte stand damals wild gestikulierend, Beleidigungen brüllend und spuckend in erster Reihe. Dafür bekam er vom Amtsgericht München einen Strafbefehl über 90 Tagessätze zu je 20 Euro.

Angeklagter zeigt Reue

Der Angeklagte sagte, es tue ihm unendlich leid. Jetzt habe er sein Leben geändert, habe mit Kickboxen ein neues Hobby, habe keinen Kontakt mehr zu den Nürnberger Ultras und ohnehin vier Jahre Stadionverbot bis hinunter in die Regionalliga. Durch das „Fußballfahren“ am Wochenende habe er immer wieder seinen Job verloren. Über einen Verwandten hat er in der Woche vor der Verhandlung noch schnell seine Münchner Schuld begleichen lassen, weil diese sonst in eine zu bildende Gesamtstrafe eingeflossen wäre. Auf Landfriedensbruch stehen bis zu drei Jahre Gefängnis.

Richterin Ilka Matthes übernahm die Forderung des Staatsanwalts und verurteilte den 30-Jährigen zu 160 Tagessätzen a 25 Euro. „Hier stand definitiv eine Freiheitsstrafe im Raum“, sagte Matthes. Die vom Verteidiger vorgebrachte Gruppendynamik als möglicher strafmildernder Grund nannte sie im Gegenteil den „Tatgrund“. Der Angeklagte sagte zu den 4000 Euro Strafe: „Ich hätte mit Schlimmerem gerechnet eigentlich.“

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