Gambach

Leben stillgelegte Bahnstationen wieder auf?

Am 22. Mai 1982 hielt der letzte Personenzug am Bahnhalt in Neuendorf. Zum Abschied spielte die Blaskapelle ein "Muss i denn zum Städtele hinaus". In der Bildmitte der?damalige Bürgermeister Edmund Zahradka. Foto: Archiv Lohrer Echo

Halten in kleinen Orten wie Neuendorf oder Gambach irgendwann wieder Personenzüge? Noch vor zwei oder drei Jahren wäre man für diese Frage vermutlich ausgelacht worden. Doch die Klimakrise und das in Gang kommende Streben nach einer Verkehrswende lassen bislang Unvorstellbares plötzlich erreichbar erscheinen.

In Gambach gibt es seit einigen Tagen eine offizielle Initiative des dortigen SPD-Ortsvereins zur Reaktivierung des 1991 stillgelegten Bahnhofs. In Neuendorf ist die Diskussion noch nicht so weit. Bürgermeister Karlheinz Albert sagt jedoch über eine Wiederbelebung des seit 1982 nicht mehr existierenden Bahnhalts im Ort: "Das wäre sinnvoll."

Zwar gebe es in Neuendorf "momentan keine konkreten Überlegungen" in diese Richtung. Allerdings werde aus der Bevölkerung immer wieder der Wunsch danach geäußert, so Albert.

"Die Zeit ist reif", sagt Bernd Rützel, der Gemündener SPD-Bundestagsabgeordnete, über diesen Wunsch. Das Reaktivieren stillgelegter Bahnstationen sei zwar nicht von heute auf morgen machbar, grundsätzlich aber "schon realistisch", so Rützel mit Blick auf Gambach oder auch Neuendorf.

86 Milliarden bis 2030

Der Mann, der vor seiner politischen Karriere jahrzehntelang Eisenbahner war, verweist in einer Stellungnahme zur Gambacher Initiative auf einen erst kürzlich von Bund und Bahn unterzeichneten Vertrag. Dieser sehe vor, dass bis 2030 insgesamt 86 Milliarden Euro für den Erhalt und die Modernisierung der Bahn-Infrastruktur zur Verfügung stehen.

Mit dem Geld sollen unter anderem Gleise und Bahnhöfe erneuert werden. Rützel würde es für sinnvoll halten, dass dabei auch so manche Infrastrukturentscheidung der Vergangenheit korrigiert wird. "Was damals zeitgemäß erschien, stellt sich heute als zu kurz gedacht heraus", so Rützel beispielsweise über den vor 29 Jahren außer Betrieb genommenen und später abgerissenen Gambacher Bahnhof. Gerade auf dem Land könne man die Menschen nur dann zum Umstieg auf die Bahn bewegen, "wenn das Angebot deutlich verbessert wird", sagt Rützel.

Welche Fahrgastzahlen in Orten wie Neuendorf (knapp 900 Einwohner) oder Gambach (rund 1200 Einwohner) realistisch sind, ist derzeit schwer zu sagen. Die Gambacher SPD verweist im Zuge ihrer Initiative darauf, dass fast alle Berufstätigen im Ort Pendler seien. In Neuendorf ist die Situation kaum anders. Rützel sagt dazu: "Schon 100 Fahrgäste pro Tag sind viel." Auch bestehende Stationen beispielsweise im Sinngrund zählten kaum mehr.

Fahrgastzahlen ungewiss

Dass ein reaktivierter Bahnhalt für Neuendorf eine deutliche Verbesserung wäre, steht für Bürgermeister Albert außer Frage. Gerade am Wochenende sei die Busanbindung des Ortes mäßig. Er könne sich vorstellen, dass die Gemeinde auf eine Reaktivierung hinarbeite, sobald Konzepte wie beispielsweise der Deutschlandtakt der Bahn konkreter werden, so Albert.

Laut Rützel wäre eine klare Willensbekundung der jeweiligen politischen Gremien der erste Schritt in Richtung Reaktivierung. Der Neuendorfer Gemeinderat oder für Gambach der Karlstadter Stadtrat müssten offiziell bekunden, dass sie eine Überprüfung der Situation wollen. Dann werde sich die Bayerische Eisenbahngesellschaft mit dem Thema befassen und die Möglichkeiten für den Einzelfall prüfen.

Die Kosten für den Bau der Bahnsteige eines einfachen Bahnhalts schätzt Rützel auf rund 500 000 Euro. Sollte eine Unterführung nötig sein, könne sich dieser Betrag schnell deutlich erhöhen. In Neuendorf indes wäre eine solche Unterführung bereits vorhanden, wenngleich vom ehemaligen Bahnhof auch dort nichts mehr zu sehen ist und das gesamte Umfeld mittlerweile umgestaltet wurde.

Die Finanzierung von eventuell erforderlichen Bauarbeiten sei derzeit gar "nicht das große Problem", sagt Rützel mit Blick auf die Milliarden, die die Politik in das Bahnsystem pumpt. Es klemme vielmehr bei Planungs- und Baukapazitäten, um das Geld in die Fläche zu bringen.

Eine Prognose dazu, ob ein Teil dieses Geldes tatsächlich für die Reaktivierung der Bahnhalte in Gambach und/oder Neuendorf investiert werden wird, wagt Rützel nicht. Die Akteure vor Ort müssten jetzt schlicht dranbleiben. Mit einer schnellen Lösung sei freilich so oder so nicht zu rechnen. Im günstigsten Fall, so Rützel, könne eine Reaktivierung eines stillgelegten Bahnhaltes in drei bis fünf Jahren greifen, es könne aber auch zehn Jahre dauern.

Letzter Halt in Neuendorf
Am 22. Mai 1982 war es soweit: Letztmals hieß es am Neuendorfer Bahnhalt »Zurücktreten«. Nach 82 Jahren mussten die Neuendorfer Abschied nehmen von der Möglichkeit, im Ort in den Zug einzusteigen. Pünktlich um 17.45 Uhr war an diesem Samstag der letzte Zug in den Bahnhof eingerollt. Dort herrschte auf dem Bahnsteig großes Gedränge. Einige Dutzend Bürger waren gekommen, auch Bürgermeister Edmund Zahradka und die Blaskapelle, die ein »Wem Gott will rechte Gunst erweisen ...« spielte. Zu Protestbekundungen oder gar Handgreiflichkeiten, wie sie Bahnvertreter im Vorfeld offenbar befürchtet hatten, kam es an jenem Tag nicht. In den Wochen und Monaten zuvor hatte es jedoch teils deftige Kritik gegeben. Über die Schließung des Bahnhofs war in einer Bürgerversammlung und in Gemeinderatssitzungen debattiert worden. Für Ärger sorgte dabei vor allem, dass die Bahn die Schließung beschlossen hatte, ohne die Gemeinde zu hören. Erst auf Nachfrage informierte die Bahn die Gemeinde in einem knappen Brief darüber, dass sie den Bahnhalt verlieren würde. Die Stilllegung begründete die Bahn damit, dass sie verpflichtet sei, mit Steuergeldern sinnvoll umzugehen. Der Ort habe sich mit seiner Siedlung weg vom Bahnhof entwickelt. Eine Bedienung mit dem Bus sei sinnvoller, weil dieser auch den Ortsteil Nantenbach anfahren könne. Bürgermeister Zahradka protestierte laut damaligen Zeitungsartikeln in »aller Schärfe« gegen die Schließung des Bahnhaltes. Bei einer Bürgerversammlung im vollbesetzten Gasthaus Hay bezeichnete er das Vorgehen der Bahn als »an Betrug grenzenden Dummenfang«. Doch all der Protest half nichts. Als am 22. Mai 1982 der letzte Zug aus Neuendorf hinausrollte, spielte die Blaskapelle ein »Muss i denn zum Städtele hinaus«. ()
Längst abgerissen: Die einstige Bahnstation Neuendorf.  Foto: Archiv Lohrer Echo

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