Lebt denn der alte Waldsasse noch?

Region sucht nach gemeinsamer IdentitätArchäologisches Spessartprojekt, Vereine, Gemeinden und Heimatforscher erkunden Wurzeln und Profil einer Kulturlandschaft
Lebt denn der alte Waldsasse noch?

Die Waldsatzen oder Waldsassen aber sind die Waldgenossen, denn der Wald, das Holz bildete die Mark, den breiten Saum der Siedlungen, der Allmende, Gemeingut oder Volksgut war, bis Karl der Große das Volksgut zu Königsgut machte und unter seine Parteigänger und Kirchen verteilte.“ (Johann Adam Mohr, Aus der Vergangenheit des Waldsassengaus, 1968).

Die modernen Waldsassen, die im Nebenzimmer der „Krone“ in Helmstadt beieinandersitzen, sehen nicht nach Holzmachern aus. Und die Mehrheit der rund 70 Männer und Frauen – vom interessierten Laien über den gestandenen Heimatforscher bis hin zum hauptamtlichen Historiker oder Archäologen – ist sich auch noch gar nicht schlüssig, ob sie wirklich ein „Waldsasse“ sein will. Der Nachmittag, zu dem Spessartbund und Archäologisches Spessartprojekt (ASP) eingeladen haben, soll und wird sie in ihrer Entscheidungsfindung einen Schritt weiterbringen.

Gibt es den von Bernd Schätzlein in der Begrüßung angesprochenen „engen Zusammenhalt im Waldsassengau“, der im Wesentlichen inzwischen die Region Maindreieck und Mainviereck umfasst, heute noch? Man wolle an diesem Samstagnachmittag die geschichtlichen Wurzeln erkunden und zugleich in die Zukunft schauen, sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Denkmal- und Geschichtspflege Helmstadt. Dort und beim ASP sitzen die Wiederbeleber des Waldsassengaus, die zu Pfingsten 2009 unter dieser Dachmarke einen europäischen Kulturweg rund um die Gemeinde präsentierten.

Quellenlage ist dürftig

Zunächst aber geht der Blick zurück. Und für diese Rückschau ist kaum einer besser geeignet als Prof. Dr. Helmut Flachenecker, Inhaber des Lehrstuhls für Fränkische Landesgeschichte an der Universität Würzburg, und obendrein noch Vorsitzender des Frankenbundes. Doch viel findet sich trotz aller Bemühungen nicht in seinem Schöpfeimer. Die Quellschüttung ist mager. Insgesamt nicht mehr als 15 Belege für den Namen „Waldsassengau“ hat Flachenecker in Dokumenten aus drei Jahrhunderten gefunden. Der letzte Beleg stammt aus dem Jahre 1000; danach war's zumindest in den Urkunden mit dem Waldsassengau vorbei. Und viele Waldsassen können es auch nicht gewesen sein. Die Bevölkerungsdichte im Mittelalter war allgemein dürftig. Nichts Genaues weiß man. „So zwei bis fünf Prozent der heutigen Bevölkerung“, schätzt der Landeskundler für die Zeit ums Jahr 1000 herum.

17 Gaue erwähnt eine Urkunde von König Arnulf, erstellt im November 889. Viele orientierten sich an Flüssen oder Bächen wie beispielsweise der Saalegau, der Werngau oder der Taubergau. Der Gau der Waldsassen tat dies nicht. Der reichte westlich über den Main hinweg, nennt dort Altfeld und das wüst gefallene Chumarcha als zugehörig, und findet südöstlich keine scharfe Grenze. Die vage Linie führt von Hochhausen bei Tauberbischofsheim über Altertheim bis nach Heidingsfeld.

Von einer Grenzziehung, wenn auch anderer Art, sprach Kreisheimatpfleger Josef Weiß bei einem Vortrag im November 1986 in Dorfprozelten: „Heute noch teilt eine deutlich erkenn- und hörbare Sprach- und Dialektgrenze dieses Gebiet“, beschrieb er den Übergang von der Wingerteibau (zu der der Miltenberger Raum zählte) und dem von Marktheidenfeld her angrenzenden Waldsassengau.

Die gemeinsame Mundart von Karlstadt über Urspringen bis Altertheim ist auch bei Helmstadts Bürgermeister Edgar Martin zu hören. „Vielleicht gibt's die alten Waldsassen ja noch – wer weiß?“ Das klingt hoffnungsfroh. Seine Sicht der Dinge kann man auch gut verstehen. Was in und um Helmstadt in den vergangenen Jahren auf dem Feld der Heimatforschung geschehen und daraus hervorgegangen ist, kann sich sehen lassen: Ortschronik, Buchveröffentlichung, Ausgrabung einer uralten Geleitstraße, Steinzeittag für die Jugend, Heimatforschertreffen, Kulturweg . . .

Das könnte gerade so weitergehen. Schon träumt Martin von einer Ausgrabung am Burgstall und davon, dass diese die allen Helmstadter Kindergenerationen bekannte Sage vom Geheimgang in der Burg vielleicht bewahrheiten könnte.

Die Menschen müssen mitziehen

Das freundliche Lächeln von Dr. Gerrit Himmelsbach, zugleich Vorsitzender von Spessartbund und ASP, lässt Martins Hoffnung leben; sein Vortrag aber zeigt, dass es ihm erst einmal um anderes geht. „Menschen sind ein Teil der Landschaft“, sagt er. Ihm geht es um die Frage, ob die Menschen der Kulturlandschaft „Waldsassengau“ sich dieser Identität bewusst sind, ob sich dieser Begriff mit Leben erfüllen lässt. Immer wieder verweist Himmelsbach auf den Spessart, wo dies, nicht zuletzt dank EU-Fördermitteln, hervorragend gelungen sei.

Gut 60 Kulturwege gibt es dort bereits, wissenschaftlich begleitet und von Ehrenamtlichen getragen. Ohne die Menschen vor Ort geht es nicht, betont der ASP-Leiter, ohne sie sei keine Nachhaltigkeit zu erzielen: „Der Eckpfeiler erfolgreicher Kulturlandschaftspflege ist die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung.“ Und Himmelsbach weiß auch, dass das nur auf engem Raum funktioniert. Er nennt das Mikroregion.

Ob der von Landes- und Landkreisgrenzen zerschnittene ehemalige Waldsassengau dazu taugt? Das ASP zumindest will den Versuch wagen und stellt zu Pfingsten 2010, ein Jahr nach dem ersten Kulturweg in Helmstadt, den zweiten Waldsassengau-Weg um Erlach, Waldzell und Ansbach vor.

Zu den Skeptikern zählt der frühere Marktheidenfelder Bürgermeister und Historiker Dr. Leonhard Scherg. Dessen Referat trägt Wolfram Blasch (Erlenbach) vor, da Scherg in Marktheidenfelds französischer Partnerstadt Montfort weilt. 31 heute noch existierende Orte und diverse Wüstungen werden in Kopien frühmittelalterlicher Quellen als zum Waldsassengau gehörend genannt. Abgesehen von der Waldsassenhalle im Karlstadter Stadtteil Wiesenfeld – für Scherg ein Kuriosum – erinnere heute nichts mehr an die alten Zeiten, sagt der Historiker. Scherg hätte es lieber, wenn für die Region der aus der Geologie bekannte Begriff „Marktheidenfelder Platte“ Verwendung fände. Sein Fazit: „Der Begriff Waldsassengau ist heute nicht mehr im Bewusstsein vorhanden und das lässt sich auch nicht mehr revidieren.“

Lobbyarbeit für die Heimat

Himmelsbach dagegen sieht nicht so schwarz. „Kein Mensch würde sagen: Ich bin ein Marktheidenfelder Platterer“, kommentiert er Schergs Wunsch. Zwar räumt er ein: „Wir wissen nicht, ob der Prozess der Identitätsfindung beim Waldsassengau funktioniert.“ Doch es könnte gelingen, wenn das vorhandene Potenzial genutzt werde und das Räderwerk von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Bevölkerung ineinandergreife. Himmelsbach: „Es braucht Lobbyarbeit für die Heimat.“

Die Waldsassenhalle in Wiesenfeld.
Die Waldsassenhalle in Wiesenfeld.
Flyer zum Helmstadter Kulturweg.
Flyer zum Helmstadter Kulturweg.

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