Lohr

Lohr fragt sich: Wie alt war Schneewittchen wirklich?

Wurde Schneewittchen schon getauft, als es noch gar nicht geboren war? Wurde es vier Jahre älter, als bisher angenommen? Eine wiedergefundene Gedenkplatte wirft Fragen auf.
Das Lohrer Schloss: Hier wurde Maria Sophia vor 295 Jahren geboren.  Foto: Roland Pleier
Gedenktafel von Maria Sophia von Erthal im Diözesanmuseum Bamberg.  Foto: Dominik Schreiner, Pressestelle Erzbistum Bamberg

"Geweiht der Asche der Reichs Freyhochwohlgebohrnen Fräulein Maria Sophia Margaretha Catharina Freyin von Erthal." So steht es auf einem Gedenkstein, der lange verschollen war, wieder aufgetaucht ist und seit vergangenem Jahr im Diözesanmuseum Bamberg ausgestellt ist.

Doch wirft diese Tafel eine für Lohr durchaus relevante Frage auf: Wann wurde sie denn wirklich geboren und wie alt wurde sie tatsächlich, diese Maria Sophie, nach deren fünf Jahre jüngeren Bruder Franz Ludwig von Erthal das Lohrer Gymnasium benannt wurde?

Vor der Marienapotheke, einst jene von Karlheinz Bartels, erinnern diese Gruppe und Inschrift an den von den Lohrer Fabulologen konstruierten Zusammenhang zwischen Maria Sophia und Schneewittchen.  Foto: Roland Pleier

Den bis dahin weitgehend unbekannten Spross aus dem Hause von Erthal hat bekanntlich erst der selbsternannte "Fabulologe" Karlheinz Bartels ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt. 34 Jahre ist es her, dass der Lohrer Apotheker diese historische Person aus Lohr ausfindig gemacht hat als mögliches Vorbild für das märchenhafte Schneewittchen.

Auf dem Etikett des Lohrer Fabulologenweins von Roland Schaller verewigt: Schuster Walch, Apothekter Bartels und Museumsleiter Loibl. Foto: Roland Pleier

Bekanntlich hatten Bartels und seine gewitzten Stammtischbrüder, Schuster Helmuth Walch und Museumsleiter Werner Loibl, nichts anderes getan, als möglichst viele Belege für die Verortung des Märchens in den Spessart zu sammeln.

Bei Maria Sophia passte das persönliche Umfeld: Sie ward geboren in einem Schloss - wie Schneewittchen - sie hatte tatsächlich eine Schwiegermutter - wie Schneewittchen - und ihr Vater war Direktor der Spiegelmanufaktur, die gut und gern einen sprechenden Spiegel hätte herstellen können.  

Sehr wahrscheinlich falsch eingetragen: Getauft wurde Maria Sophia Margaretha Catharina von Erthal nicht am 19. Juni 1725 noch vor der Geburt, sondern wohl erst am 19. Juli 1725, drei Tage nachdem sie im Lohrer Schloss das Licht der Welt erblickt hatte. Foto: Diözesanarchiv Würzburg, Amtsbücher aus den Pfarreien 3030, Fiche 16, S. 166

Um die Zuordnung möglichst wasserdicht zu belegen, druckte Barthels in seinem Büchlein "Schneewittchen – zur Fabulologie des Spessarts" sogar einen Auszug aus der Lohrer Pfarrmatrikel ab. Er nennt ihn "Geburtseintrag" und zitiert als Datum "1729, 19. Juny". Allerdings hat der ansonsten gewissenhafte Apotheker eine Kleinigkeit übersehen. Denn der Eintrag auf Latein spricht von "Babtizata est", was übersetzt bedeutet: "Getauft wird ..." 

Das Geburtsdatum auf dieser Infotafel in der Lohrer Anlage ist falsch.  Foto: Roland Pleier

Nun ist es zwar denkbar, dass die kleine Tochter des damaligen kurmainzischen Oberamtmanns in Lohr am Tag ihrer Geburt getauft wurde, wie es Werner Loibl noch 2013 annahm. Doch sehr wahrscheinlich ist dies nicht. In der Regel war die Taufe einige Tage nach der Geburt. Sei's drum. Weitaus relevanter scheint der Widerspruch, der sich aus der Bamberger Gedenktafel ergibt. Demnach ward Maria Sophia nämlich schon geboren "1725 den 16. Juli" und starb exakt 71 Jahre später 1796 "am Tage ihrer Geburt". 

Schneewittchen auf der Parkbank von Bettina Seitz sitzt seit 2015 in der Lohrer Anlage. Foto: Roland Pleier

Einer aufmerksamen Leserin der Main-Post fiel diese Diskrepanz auf, als sie im August die Veröffentlichung über den Bamberger Gedenkstein las. Das Geburtsdatum auf der dunkelgrauen Marmorplatte stimme nicht überein mit dem Täfelchen in der Lohrer Anlage neben der Schneewittchenfigur, monierte sie. "Es würde mich interessieren, welches Datum das richtige ist." 

Was stimmt denn nun? Der 19. Juni 1725 wie auf der Tafel in der Anlage, der 16. Juli 1725 wie auf der Grabplatte oder der 19. Juni 1729, wie in der von Bartels zitierten Taufmatrikel festgehalten? 

So soll Maria Sophia ausgesehen.  Foto: nn

Barbara Grimm hat sich des Themas schon vor Jahren angenommen. Ihr Beitrag in der Schriftenreihe des Lohrer Geschichts- und Museumsvereins erschien just 2016, als sie Herbert Bald als Leiterin des Spessartmuseums ablöste. Das Ergebnis ihrer Recherche: Richtig ist das Datum, das aus der Gedenktafel hervorgeht, also der 16. Juli 1725. Dafür sprechen auch drei weitere Belege, wie Grimm ausführt: 

  • Das "Geschlechtsregister der Reichsfrey unittelbaren Ritterschaft Landes zu Franken Löblichen Orts Baunach" von Johann Gottfried Biedermann, erschienen 1747: Demnach hatte Philipp Christoph von Erthal insgesamt elf Kinder - drei Töchter und sieben Söhne von seiner ersten Frau Anna Maria von Bettendorf und eine Tochter von seiner zweiten, Maria Elisabethy Claudia von Reichenstein. Maria Sophia war demnach das fünfte Kind und 13 Jahre alt, als ihre Mutter starb.
  • In der Sterbematrikel der Bamberger Pfarrei St. Martin ist unter dem Datum 16. Juli 1796 der Tod der 71-jährigen Maria Sophia eingetragen "am gleichen Tag, an dem sie geboren wurde".
  • Schließlich bestätigt die Daten auch ihre Todesanzeige, der so genannte Totenzettel" in der Universitätsbibliothek Würzburg: "... gebohren 1725 den 16. des Julius - gestorben 1796, den 16. des Julius". 
Taufeintrag von Maria Sophia: 1725 oder 1729? Foto: Roland Pleier

Logische Schlussfolgerung: Sehr wahrscheinlich ist der Eintrag in der Taufmatrikel falsch, wurde Maria Sophia nicht am 19. Juni, sondern 19. Juli getauft - drei Tage nach ihrer Geburt. Juni und Juli werden ja nicht selten verwechselt, ein Schreib- oder Hörfehler deshalb eine naheliegende Erklärung. Dass Bartels die Geburt zudem vier Jahre nach hinten verlegte, dürfte schließlich an der Handschrift im Taufregister gelegen haben. 

Zeitgeschehen am Geburts- und Todestag von Maria Sophia
Am selben Tag wie Maria Sophia geboren wurde in Neustadt bei Coburg ein Mann, dessen wichtigstes Werk eine "Clavier-Schule" war. Georg Simon Löhlein, der als Pianist, Violinist, Musikpädagoge, Kapellmeister und Komponist insbesondere adelige Schüler in Leipzig unterrichtete. In Würzburg muss Professor Johannes Bartholomäus Adam Beringer ganz aus dem Häuschen gewesen sein: Wenige Wochen vorher hatten ihm drei Jugendliche die ersten so genannten Würzburger Lügensteine untergeschoben - was als erster Wissenschaftsbetrug in die Geschichte einging.
Am Tag vor Maria Sophias Tod erobern französische Truppen unter General Jean-Babtiste Kléber nach vorangegangenem Bombardement Frankfurt. Am Todestag machte der "Churfüürst von Maynz Anstalten von Würzburg wieder abzureisen", wie das Münchner Tagsblatt festhält und wurde in Wertach im Allgäu der damalige Pfarrhauptmann Franz Josef Haug von den Franzosen gefangen genommen und in der Sebastianskapelle eingesperrt. Nur gegen ein hohes Lösegeld wurde er frei gelassen. Schließlich wurde in Paris Jean-Baptiste Camille Corot geboren, der später ein bedeutender französischer Landschaftsmaler wurde.
Franz Ludwig von Erthal, der Bruder von Maria Sophia, nach dem das Lohrer Gymnasium benannt ist.  Foto: Roland Pleier

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