LOHR

Lohrer betreibt Klimaforschung im Land der Polarlichter

Demian Hauptmann bei der Entnahme von Wasserproben am Almbergasee in Nordschweden Foto: Frank Zagel

Genau 2105 Kilometer liegt die schwedische Stadt Umeaa von Lohr am Main entfernt – im Herzen der riesigen Naturlandschaft Västerbotten. Endlose Wälder erstrecken sich hier unweit der Ostsee. Bis zum Polarkreis sind es nur wenige hundert Kilometer. Mit etwa 123 000 Einwohnern hat die Stadt etwa die Größe Würzburgs.

Eine Forschungsstelle in Schweden – das wär's

Seit diesem Sommer ist der Lohrer Demian Hauptmann hier einer von 40 000 Studenten an der Universität. Sein Fach ist die Geoökologie. Eine Rückkehr in den heimischen Spessart schließt er erst mal aus; sein Ziel in den kommenden vier Jahren ist die Promotion. Mit dem Doktortitel in der Tasche möchte er sich dann um eine Forschungsstelle in Schweden bemühen und im besten Fall für immer im Land der Polarlichter, die im Winter von Umeaa aus gesehen werden können, bleiben.

Hauptmann studierte in Würzburg Gymnasiallehramt für die Fächer Geographie und Chemie, konzentrierte sich dann aber auf die Geographie und ihre Facetten, die er in einem Austauschsemester in Umeaa, der Partneruni von Würzburg, vertiefen durfte. Dank glücklicher Zufälle wurde ihm 2015 ein Studienplatz in Umeaa ihm Rahmen des Erasmusprogrammes angeboten.

„Umgeben von hilfsbereiten Menschen“

Im Sommer 2015 machte er sich mit dem Zug auf den Weg in Schwedens Norden und war sofort von der Gastfreundschaft überwältigt. „Ich war umgeben von hilfsbereiten Menschen“, erinnert sich Hauptmann an seine ersten Eindrücke. Besonders das Leben auf dem Uni-Campus begeisterte den deutschen Studenten. Hauptmann: „Hier begegnen sich Studenten und Professoren auf Augenhöhe.“ Die Studierenden würden von den Lehrern als die Wissenschaftler der Zukunft gesehen und ihre Ideen aufgegriffen. Der Unterricht findet komplett in englischer Sprache statt.

Das Jahr verging schnell und Demian Hauptmann knüpfte viele Kontakte, die ihm den Abschied von Schweden erschwerten. Darum entschied er sich im Sommer 2016 für eine dreiwöchige Rückreise mit dem Fahrrad nach Lohr, um das Land intensiv zu erleben und langsam zu verlassen.

Die Rückkehr nach Schweden war sein Ziel

Nach dem Auslandssemester war für Hauptmann klar: Er will sein Studium in Umeaa fortsetzen. Ein freier Platz öffnete ihm den Weg zurück. Erste Forschungsprojekte begannen für den Lohrer am Almbergasee. Mittels Wasserproben wurde hier der Kohlenstoffkreislauf analysiert. Mit speziellen Messgeräten werden Sedimentproben entnommen und die Veränderungen untersucht. Da durch den Permafrost viel Kohlenstoff im Boden gebunden ist, der in klimawirksame Gase umgewandelt werden kann, führen die Versuchsergebnisse aus Schweden zu aufschlussreichen Informationen zur Erderwärmung.

Zuletzt arbeitete Hauptmann an statistischen Analysen. Dafür zog er aus 20 Teichen mit unterschiedlichen Wasserbedingungen in der Uni-eigenen Versuchsanstalt Proben, verglich die Nährstoffgehalte und zog ein Fazit in einem Projektreport in Form eines wissenschaftlichen Artikels.

Attraktives Freizeitangebot

Schwedisch spricht der 29-Jährige nach einem Intensivsprachkurs mittlerweile fließend, was ihn in der jungen und weltoffenen Stadt Umeaa schnell Bekanntschaften schließen lässt. Auch wenn die Freizeit knapp ist, da Hauptmann im kommenden Jahr den Master-Abschluss anstrebt, gibt es gewisse Freizeitaktivitäten, denen er sich nicht entziehen kann und will.

Zum einen lockt in den Wintermonaten mit wenig Tageslicht das große Sportzentrum IKSU, wo er Squash spielt und die Sauna nutzt. Zum anderen fand Hauptmann sehr schnell Freude an der schwedischen Fika- Kultur: Zu festen Tageszeiten treffen sich Studenten und Lehrer zum Austausch in der Mensa bei einer ausgeprägten Kaffeepause mit leckeren Kanelbulle, Dammsugare, Marotskaka und Kladdkaka. Das sind die typischen Gebäckstückchen und Kuchenstücke, die mancher von IKEA-Besuchen her kennt. „Ein echtes Laster“, gesteht Demian.

Stinkende Fischdelikatesse

Seine außergewöhnlichste kulinarische Erfahrung sammelte Hauptmann, als er im Sommer zu einem echten Surströmming-Picknick eingeladen war. Der fermentierte Hering gilt als Delikatesse in Schweden, bei Europäern kann der nicht fachgerechte Konsum aber schon mal Brechreiz auslösen. Über Monate hin verwest der Fisch in einer Dose, die sich in der Reifezeit mit reichlich Überdruck aufbläht. Nicht nur das Öffnen der Dose bedarf einiger Übung – ohne diese kann der Fisch durchaus mit Überdruck aus der Dose fliegen – auch der Gestank ist beeindruckend. „So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gerochen“, erinnert Demian: „Herb, verwesend würde es treffend beschreiben.“

Mit viel Alkohol und dem traditionellen Tunnbröd, einer Art Knäckebrot wird der Verzehr in Gesellschaft zelebriert. Dazu gereicht werden Kartoffeln, Zwiebeln und Tomaten. „Es hat gar nicht mal schlecht geschmeckt“, schmunzelt Hauptmann. Jetzt aber genießt er erst einmal den Start ins neue Jahr im Kreise seiner Familie in Lohr. Da ist eher deftiger Braten angesagt als verwesender Fisch, bevor es für den künftigen Wissenschaftler zurück an die Uni in Umeaa geht.

Demian Hauptmann zu Besuch in seiner Heimatstadt Lohr am Main. Foto: Hendrik Heiser

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