Lohr

Lohrs Bürgermeister Mario Paul: "Ich will weitermachen"

Vor sechs Jahren kegelte Mario Paul den amtierenden Lohrer Bürgermeister Ernst Prüße als Herausforderer aus dem Amt. Nun ist er bestrebt, dass sich diese Geschichte am 15. März nicht wiederholt. Das Selfie zeigt ihn am Schreibtisch im Rathaus. Foto: Mario Paul

2014 war er der unverbrauchte Herausforderer, der als Gemeinschaftskandidat von Grünen und SPD den Chefsessel im Lohrer Rathaus eroberte. Heute ist Mario Paul der Bürgermeister, der bei der Wahl am 15. März gegen zwei Herausforderer einen erneuten Wechsel an der Lohrer Rathausspitze verhindern will. Der 44-Jährige ist einerseits zuversichtlich, dass ihm das gelingen kann, sagt andererseits aber auch: "Ich bin nicht übermütig."

Durch sein Studium der Politikwissenschaft hatte Paul das theoretische Wissen für seine neue Aufgabe ins Amt mitgebracht. Die Details der praktischen Stadtpolitik und Verwaltungsarbeit gingen dann aber offenbar doch häufiger über die reine Hörsaal-Lehre hinaus. Die Tiefen des Kommunal- und Baurechts, Raumwiderstände und auch die politischen Grabenkämpfe. "Ich habe viel lernen müssen", sagt Paul dazu.

Dass er bei diesem Lernprozess ein enormes Tempo angeschlagen hat, wird Paul selbst aus seinem Gegenlager attestiert. Der Rathauschef erarbeitete sich schnell den Ruf eines Aktenfressers, der zu jedem Sachverhalt viele Informationen fordert und aufsaugt. Das führte bald zu einem Bild, das man aus den Jahren unmittelbar davor nicht unbedingt kannte: Kaum eine Anfrage im Stadtrat oder anderswo, zu der Bürgermeister Paul aus dem Stand nicht einige Infos parat hatte.

Detailwissen als Anspruch

"Ja, ich bin ein Arbeitstier", sagt Paul über sich. Er habe den Anspruch, im Detail zu wissen, worüber entschieden wird. Dass dieser Anspruch für sein Umfeld auch anstrengend sein kann, weiß Paul. Es sei schon möglich, dass sich die Mitarbeiter im Rathaus umstellen mussten und die Arbeit jetzt "ein bisschen intensiver" sei, sagt er.

Diese Intensität sei aber nötig, wenn man die Stadt trotz ihrer schwierigen Finanzlage voranbringen wolle. Paul sagt jedoch auch: "Ich verlange nichts von meinen Mitarbeitern, was ich nicht selbst von mir verlange." Ihm sei wichtig, dass sich die Rathausmitarbeiter wohlfühlten – "und gute Leistung bringen".

Der Führungsstil des neuen Bürgermeisters, das merkte man im Rathaus schnell, ist anders als der seines Vorgängers: Paul pflegt eine gewisse Distanziertheit, ist kein Kumpeltyp. Der Bürgermeister duzt niemanden in der Verwaltung – und steht dazu: "Ich bin Vorgesetzter." Natürlich mache er auch mal einen Scherz. Aber die Distanz sei für ihn "eine ganz wichtige Sache", so Paul. Sie helfe, um bei der Sacharbeit die Rollen einhalten zu können.

"Nicht nur Verwaltungsbrille"

Bei dieser Sacharbeit, so hört man aus dem Rathaus, ist der Bürgermeiser nicht immer im Konsens mit seinen Amtsleitern. Paul erklärt das so: "Ich bin nicht nur mit der Verwaltungsbrille unterwegs." Er nehme sich heraus, die Verwaltungsperspektive mitunter um die zu ergänzen, die er aus Gesprächen mit Bürgern mitbringe. Er sei von den Bürgern gewählt, sagt Paul, deswegen komme er mitunter zu anderen Entscheidungen als seine Verwaltung.

Den im Wahlkampf von seinen Gegnern zu hörenden Vorwurf, wonach er zu viel theoretisiere und rede – was er durchaus gut kann – am Ende aber zu wenig dabei rauskomme, hält Paul für unbegründet: "Jedes Projekt, das ich begonnen habe, habe ich auch zum Abschluss gebracht." Als Beispiele nennt er das Digitale Gründerzentrum ebenso wie die Stelle des Jugendreferenten oder auch das neue Citymanagement. Gerade über die letzten beiden Posten sei zuvor jahrelang nur gesprochen worden. "Wir haben es gemacht", sagt Paul.

Vor allem das Digitale Gründerzentrum gilt als sein Ziehkind. Bis es Früchte tragen und vielleicht die Lohrer Wirtschaft voranbringt, das weiß Paul, können Jahre vergehen. Doch die neue Einrichtung sei ein Beleg dafür, dass unter seiner Regie die Wirtschaftsförderung intensiviert und der "Dialog mit der Wirtschaft stark ausgebaut" worden sei, sagt Paul.

Er wolle für die Wirtschaft der "Kümmerer sein", hatte Paul vor sechs Jahren im Wahlkampf gesagt. Kritiker indes werfen ihm vor, auch gegenüber der Wirtschaft distanziert zu sein. Als Beispiel führen sie die vom Stadtrat beschlossene Vergabe der letzten großen Freifläche im Industriegebiet Süd an, die zu einigem Ärger bei den nicht zum Zug gekommenen Unternehmen gesorgt hatte. Paul weist auch diese Kritik zurück. Er habe mit allen Interessenten persönlich gesprochen und Hilfe angeboten. "Ich habe alles getan, was ich tun konnte."

Dass die Entwicklung von neuen Wirtschaftsflächen und Bauland im engen Lohrer Talkessel schwierig ist, hat Paul mehrfach erfahren müssen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so zieht", sagt er beispielsweise über das schon lange angestrebte Gewerbegebiet im Sandfeld im Lohrer Süden, das Altlasten und der Wasserschutz bislang ausbremsen.

Beim Baugebiet Südlich der Steinfelder Straße in Sendelbach verzögerten Naturschutzaspekte die Umsetzung über viele Jahre. Jetzt ist die Finanzierung die größte Hürde. Beim seit einer gefühlten Ewigkeit geplanten Radweg Richtung Partenstein zieht sich die Planung wie Kaugummi. Auch Paul sagt, dass es ihm oft zu langsam vorangeht. Er sinniert, ob es mit einer anderen "Arbeitsteilung" im Rathaus besser laufen könnte. Seine Idee: Der Stadtrat setzt zu Beginn eines Projektes nur den Impuls und lässt ansonsten "die Experten der Verwaltung die Arbeit machen".

Kritischer Blick auf Flächenfraß

Andererseits ist Paul überzeugt, dass all die Hürden vor dem Flächenfraß ihren Sinn haben. "Unsere Ressourcen sind endlich, der Flächenverbrauch zum Teil nicht mehr zu verantworten", sagt er. Natur- und Artenschutz seien eine gesamtgesellschaftlich anerkannte Aufgabe. Er selbst versuche bei der Weiterentwicklung der Stadt zu erreichen, was vertretbar sei. Ideologische Scheuklappen trage er dabei nicht, so der Parteilose mit Nähe zu den Grünen. Paul sieht greifbare Möglichkeiten jedoch vor allem in kleineren Arrondierungsflächen und in der Innenverdichtung. Den großen Wurf in Sachen neuer Gewerbeflächen oder neuer Baugebiete hält er in der Lohrer Topographie für schwierig.

Selten wirklich schwierig war in den vergangenen sechs Jahren die Zusammenarbeit im Stadtrat. Dort eskalierte die Stimmung deutlich seltener als in der Amtsperiode davor. Paul versteht die Bürgermeisterrolle als die des Moderators. Seine nüchterne Art hilft ihm oft dabei, sie auszufüllen. "Im Großen und Ganzen ist es uns schon gelungen, sachliche Politik zu betreiben", lautet Pauls Fazit.

Tiefpunkt: Wortentzug

Doch es gab auch Tiefpunkte. Da war beispielsweise die Diskussion um den Nationalpark im Spessart. Dass Paul dabei als Kandidat der Grünen eher gegen das Schutzgebiet argumentierte und am Ende auch dagegen votierte, brachten Kritiker mit seiner familiären Nähe zu einem holzverarbeitenden Lohrer Betrieb in Zusammenhang. Paul musste sich im Stadtrat heftige Kritik gefallen lassen. Dass eine Stadtratsmehrheit ihm dabei per Geschäftsordnungsantrag die Möglichkeit zur Gegenrede nahm, "hat schon wehgetan", sagt Paul. Es war der einzige Moment, in dem man Paul fassungslos sah.

Er habe "2014 nichts versprochen, was ich nicht halten konnte", ist Paul überzeugt. Zumindest bei einem Punkt gibt es da auch andere Meinungen. Paul hatte im Wahlkampf mit der Ankündigung gepunktet, die Arbeit im Rathaus transparenter machen zu wollen. Doch dann gab es auch unter seiner Regie interne, vom Stadtrat eingesetzte Arbeitsgruppen und -kreise, in denen unter Ausschluss der Öffentlichkeit debattiert wurde.

Das erklärt Paul heute damit, dass es bei manchen Themen besser sei, wenn man erst intern Geschlossenheit erziele, bevor man nach außen trete. Wenn es dem Wohle der Stadt diene, sei Nichtöffentlichkeit manchmal sinnvoll. Er selbst scheue jedoch keine öffentliche oder kontroverse Debatte. Alle, die etwas drücke, könnten ihn ansprechen.

Geldnot als Herausforderung

Das größte Problem, das die Stadt heute und wohl auch in Zukunft drückt, ist die Geldnot. Man habe unter seiner Regie den Rotstift angesetzt, sagt Paul, dürfe die Stadt aber auch nicht totsparen. Er habe in sechs Jahren gezeigt, dass er zusammen mit anderen Akteuren die Stadt "unter schwierigen finanziellen Voraussetzungen entscheidend nach vorne bringen kann", ist Paul überzeugt, bekennt aber auch, dass man nicht überall das erreicht habe, was man sich vorgenommen hatte. Als Beispiel nennt er die Energiewende. Paul hofft, das nachholen zu können. Er sagt mit Blick auf die Wahl: "Ich will weitermachen."

Schlagworte

  • Lohr
  • Johannes Ungemach
  • Artenschutz
  • Bürger
  • Geldnot
  • Kritiker
  • Mario Paul
  • Probleme und Krisen
  • Rathäuser
  • SPD
  • Stadträte und Gemeinderäte
  • Städte
  • Wasserschutz
  • Öffentlichkeit
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte vorher an.

Anmelden

Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich hier registrieren.