LOHR

Lohrs kulturelle Entwicklung ist ohne Migration kaum denkbar

Josef Harth erläuterte am Samstag den Teilnehmern der Exkursion die Einflüsse von Migration auf das Lohrer Stadtbild. Das Bild entstand am Kirchplatz vor der Stadtpfarrkirche St. Michael. Foto: Simon Hörnig

Mit der „Wanderung von Individuen oder Gruppen im geographischen oder sozialen Raum“ fasste Josef Harth den Begriff Migration für seine alternative Stadtführung am Samstag bewusst neutral und distanzierte sich damit bereits eingangs vom umgangssprachlich sehr einseitigen Bild der Migranten als Asylanten und Flüchtlinge. Eine brisante Thematik, der Harth durch seine wissenschaftliche Betrachtungsweise objektiv begegnete und im geschichtlichen Kontext als omnipräsentes und, speziell für das Lohrer Stadtbild, gewinnbringendes Verfahren vorstellte.

„Auf der Sendelbacher Mainseite war das Hochstift Würzburg – also Ausland!“ Solche Grenznähe ist heute für Lohrer nicht mehr vorstellbar, doch war zu Zeiten der deutschen Kleinstaaterei bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein Normalität. Damit stand die Chance nicht schlecht, dass ein permanenter Wohnortwechsel nach Lohr zu dieser Zeit per Definition eine Migration darstellte. Dass diese Art von Auswanderung damit an der Tagesordnung war, vereinfachte den Umgang damit jedoch keineswegs: „Ein Staatswechsel war nicht ohne Zustimmung der beteiligten Staaten möglich. Asylrecht, wie heute, gab es nicht“, so Harth.

Ressentiments zu allen Zeiten

Betroffene hatten dabei mit ähnlichen Ressentiments wie heute zu kämpfen. So wehrten sich die städtischen Zünfte oft vehement gegen Zuwanderer von auswärts und stempelten diese pauschal als „unerbetene Wirtschaftsflüchtlinge“ ab. Um trotzdem das Bürgerrecht zu erlangen, mussten ein eigenes Vermögen sowie laufende Einnahmen nachgewiesen werden, damit der „Nahrungsstand“ gesichert war – man hatte schließlich kein Interesse daran, einen „Sozialfall“ in die Stadt aufzunehmen.

Schlupflöcher gab es dennoch, so war es möglich die Witwe eines städtischen Meisters zu ehelichen und damit in die betrieblichen Fußstapfen des verstorbenen Gatten zu treten. So geschehen im Falle des Schaippacher Bäckers Franz Johann Vogt, der 1805 die Witwe des Bäckermeisters Dauch heiratete und somit Bürgerrecht in Lohr erwarb. Ein Fall, den Josef Harth deshalb prominent an den Anfang der Führung stellte, da Vogts Enkel im Zuge dessen das heutige Brauereigelände erwarb und 1840 den Grundstein legte für die langjährige Brauerei Stumpf.

Zuwanderer haben das Stadtbild geprägt

Mit der Gründung des Betriebs trug somit ein Migrant in dritter Generation zur wirtschaftlichen Entwicklung Lohrs bei und hat das Stadtbild bis heute geprägt. Ein Sachverhalt, der sich als roter Faden durch die Führung zog: ob „Maasebau“, das „Hotel Post“ am Oberen Tor, das „Rienecker Schloss“ oder das Alte Rathaus, die Baumeister einiger der eindrücklichsten Bauten Lohrs waren allesamt Auswärtige bzw. Migranten, die sich dauerhaft hier niedergelassen hatten.

Dass die Veranstaltung im Rahmen des Volkshochschul-Programms mit fünf Besuchern auf eher geringes Besucherinteresse stieß, war wohl auch den düsteren Wetterprognosen geschuldet. Der kleine Kreis der Anwesenden zeichnete sich bei Dauerregen jedoch nicht nur durch Wetterfestigkeit, sondern auch durch aktives Geschichtsinteresse aus und bereicherte die eineinhalbstündige Führung durch gezielte Ergänzungsfragen.

Als „sehr interessant“ befand eine der Zuhörerinnen diese etwas andere Stadtführung und die Antwort auf die Frage, ob sie aus Lohr komme, griff direkt neu erlerntes Wissen auf: „jein, aus Sendelbach, also eigentlich dem Ausland.“

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