OTTOBRUNN

Lokalkolorit für unheimlichen Lesespaß

Tod beim Martinszug: Das Cover des Kriminalromans. Foto: Gregg

„Tod beim Martinszug“ klingt dramatisch, doch Krimiautorin Stefanie Gregg lässt den Reiter glücklicherweise nicht inmitten vieler Kinder vom Pferd fallen und vor den Augen der Kleinen sterben. Ihnen bleibt ein solcher Anblick erspart. Dafür erschrecken die Eltern, als sie darauf warten, den Sankt-Martin-Darsteller bei seinem Eintreffen am Hintereingang des Kindergartens in Empfang zu nehmen. Der Krimi ist der zweite Roman von Stefanie Gregg, die aus Lohr stammt und unter ihrem Mädchennamen Stefanie Hüttinger jahrelang als freie Mitarbeiterin der Main-Post tätig war.

Dunkelheit legte sich bereits über das großzügige Kindergartenareal. Die Eltern wunderten sich bloß, dass Sankt Martin recht unkontrolliert daherritt, als er am Hintereingang eintraf. „Der hängt auf dem Gaul, als ob er gleich runterfällt“, sagte Lotte zu den anderen. Dann sackte der Reiter in sich zusammen, hing nur noch auf dem Hals des tänzelnden Pferdes, das hochstieg, seinen Reiter im Martinsmantel abwarf und davongaloppierte. Derweil kam der Martinszug singend vor dem Kindergarten an. Es gelang, die Kinder von der Unglücksstelle fernzuhalten. Der Reiter starb wenig später an den Verletzungen, die ihm durch einen Schlag mit einem scharfkantigen Gegenstand an den Kopf zugefügt worden waren.

Lotte ermittelt

Eine Sonderkommission der Polizei namens „Martinszug“ nimmt die Ermittlungen auf. Doch Lotte Nicklbauer, Hausfrau und engagierte Mutter, missfällt der wenig zielorientierte Ermittlungsgang. Und bei der Gemeinde erfährt sie ganz zufällig, dass hinter den Kulissen ein Umzug des Kindergartens eingefädelt wird. Dabei ist der Kindergarten mit dem riesengroßen Grundstück für Kinder toll geeignet zum Spielen.

Da steckt doch was im Busch. Lotte wird hellhörig, beginnt herumzufragen und zu recherchieren. So geht die Buchheldin umlaufenden Gerüchten nach und kommt allmählich kommunalen Verfilzungen auf die Spur, die sie schließlich zum Mordmotiv und zum Mörder führen. Lotte entpuppt sich als „Miss Marple aus Ottobrunn“.

Ihre Krimihandlung platziert Stefanie Gregg in Ottobrunn, einer Gemeinde im Münchner Speckgürtel. Dort lebt die Autorin und kennt sich aus. Sie gibt ihren Figuren lokal eingefärbte Funktionen. So ist der tote Reiter ein Gemeinderatsmitglied mit Ambitionen auf den Bürgermeisterposten. Und auch der Bürgermeister selber hat eine Rolle zu spielen. Ein Bauunternehmer hat ebenfalls die Finger im Spiel.

Zwar sind die Charaktere erfunden, doch den Lesern, die Ottobrunn kennen, mag schon ein leichter Schauer über den Rücken fahren. Die Handlung klingt nicht abwegig. Deswegen erklärt Gregg in ihrer Danksagung am Ende des Buches: „Leiht man sich regionale Schauplätze und Gegebenheiten aus, begeben Leser sich oft auf die Suche nach realen Personen – das jedoch ginge fehl!“ Einen Mord, so ihre ergänzende Klarstellung, wie sie ihn in ihrem Buch schildert, halte sie „in dieser schönen Gemeinde in der Realität für glattweg undenkbar“.

Nun hat sich Stefanie Gregg für „Tod beim Martinszug“ durchaus keine undenkbare Handlung zurechtgelegt. Denn ihre Krimi-Geschichte lebt wesentlich vom Kitzel, als Leser reale Bezüge herstellen und mit ihnen fantasievoll spielen zu können. Das Hineindenken in eine solche kommunalpolitische Szenerie klappt auch, wenn man als Leser ganz woanders verortet ist. Gregg entfaltet ein Stück wie aus dem Heimattheater zwischen Ernsthaftigkeit und parodistischem Schwank, sodass sich dem Konsumenten je nach Lust und Laune viele Anschlussmöglichkeiten bieten, um Lesespaß zu haben.

Schnörkellos

Sprachlich zieht der Roman direkt und schnörkellos seine Bahn. Eingeteilt ist der Krimi in 15 Tagesabschnitte, vom 11. bis zum 25. November. Das sind mundgerechte Häppchen. Am Ende geht die Handlung wieder über in das Ottobrunnsche Alltagsleben, aus dem sie erwachsen ist. Die Idylle kehrt zurück und Lotte ruft „die Kinder zum Frühstück“.

Stefanie Gregg: Tod beim Martinszug. Sutton Verlag. ISBN: 978-3-95400-387-7

Preis: 12,99 Euro, erhältlich in der Buchhandlung, übers Internet sowie als e-book.

Stefanie Gregg

Die Autorin, geboren 1970 als Stefanie Hüttinger, stammt aus Lohr, studierte Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik, Theaterwissenschaften und promovierte mit der Abhandlung „Das Lachen“. Früher schrieb sie als freie Mitarbeiterin für die Main-Post. Nach einer Tätigkeit als Unternehmensberaterin arbeitet sie nun als freie Lehrbeauftragte am Gymnasium und als Medienberaterin. Sie wohnt mit ihrer Familie in Ottobrunn. Nebenher schreibt sie Krimis. Ihr erster Roman „Bienentod“ erschien vor vier Jahren.

Stefanie Gregg: Die aus Lohr stammende Autorin an ihrem Schreibtisch in Ottobrunn bei München. Foto: Gregg

Schlagworte

  • Kindergärten
  • Krimi-Autorinnen und Krimi-Autoren
  • Kriminalromane und Thriller
  • Parodien
  • Polizei
  • Post und Kurierdienste
  • Schauspieler
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!