RIENECK

MSP-Immobilienmarkt: Boom nur in Mittelzentren

Die linke Hälfte dieses Hauses in der Hauptstraße von Rieneck ist herrenlos. Die Erben traten ihr Erbe nicht an. Foto: Klaus Gimmler

Wenn sich zwei Lastwagen in der Ortsmitte von Rieneck begegnen, ist es besonders laut. Dann ist Augenmaß gefragt. Vorsichtig schieben sich die Laster unter Bremsen und Anfahren aneinander vorbei. „Für die Anwohner eine Zumutung“, schimpft Rienecks Bürgermeister Wolfgang Küber, der dies zusammen mit seinem Kämmerer Hubert Wiegand beobachtet.

Der historische Ortskern leidet unter dem Durchgangsverkehr. Doch es gibt Hoffnung. Ende 2019 soll die Umgehungsstraße fertig werden. Dann kann die kleine Stadt im Sinngrund endlich ihre Ortsmitte entwickeln. Bis dahin muss die Stadt mit dem Verkehr leben, der auch das Ortsbild im Zentrum geprägt hat.

Viele unbewohnte Häuser gibt es hier. Küber zeigt auf ein Haus an der Ecke zur Schulgasse. Ein Fenster ist dort eingeschlagen. Ein Ehepaar habe dieses Haus schon vor einigen Jahren für wenig Geld gekauft. Zunächst schien es, als wollte es das Haus renovieren. Passiert ist aber nichts.

Die Sparkasse hat ihre Zweigstelle an der Hauptstraße. Im Schaufenster werden Immobilien angeboten – darunter ein schön renoviertes Fachwerkhaus in Rieneck. Hier kann man „wohnen wie ehemals die Gäste des Grafen von Rieneck“ steht auf dem Exposé. Doch ein Käufer wurde trotz geringem Kaufpreis bislang nicht gefunden.

Wieder ein paar Schritte weiter ein unbewohntes Haus an der Hauptstraße. Das Dach ist undicht, die Ziegel liegen locker. Warum macht der Besitzer dagegen nichts? „Weil es keinen gibt“, sagt Küber. Das Haus sei herrenlos. Die Erben hätten ihr Erbe nicht angetreten, weil das Grundstück die Abbruchkosten nicht wert ist.

Dann fällt die Immobilie in den Besitz des Freistaats, der sich mit seinem Staatsbetrieb Immobilien Freistaat Bayern um die Verwertung kümmert. Aber das Haus will niemand haben – nicht mal geschenkt. Das ist nicht selten. Im Landkreis Main-Spessart wurden in den vergangenen zehn Jahren 269 Häuser nicht vererbt, weil in den meisten Fällen die Erben ihr Erbe ausgeschlagen haben, wie eine Statistik des Bayerischen Finanzministeriums besagt.

„Das gleiche Einfamilienhaus in Rieneck wäre in München das Zehnfache wert.“
Wolfgang Küber Bürgermeister in Rieneck

Unterfranken nimmt in dieser Statistik einen Spitzenplatz ein und innerhalb Unterfrankens werden wiederum in Main-Spessart die meisten Immobilien nicht vererbt, sondern fallen als herrenlose Häuser dem Freistaat zu. Wie im Fall in Rieneck ist das kein Grund zur Freude. Für Kritiker ist dies ein Indiz für schlechtere Lebensverhältnisse im Vergleich zu beispielsweise Oberbayern.

Bürgermeister Küber sieht das auch so und drückt dies drastisch aus. „Das gleiche Einfamilienhaus in Rieneck wäre in München das Zehnfache wert“, sagt er. Das gelte für den gesamten Sinngrund und hat zwei Gründe. Zum einen fehlen die Arbeitsplätze – vor allem qualifizierte. Zum anderen nimmt die Bevölkerung ab, was auch mit dem fehlenden Arbeitsplätzen zusammenhängt.

Sind also die Lebensverhältnisse im Landkreis Main-Spessart schlechter als beispielsweise in Oberbayern? Die Immobilienberater der Sparkasse Mainfranken verneinen dies. Der Immobilienboom der vergangenen zehn Jahre habe längst die Mittelzentren wie Lohr, Marktheidenfeld und Karlstadt erreicht, sagen Bettina David-Müller, Wolfgang Feeser und Michael Schecher bei einem Pressegespräch in der Sparkasse in Karlstadt. Sie schränken aber ein: Der Boom ist nicht in den ländlichen Regionen wie beispielsweise Rieneck, Neuhütten, Gräfendorf und Obersinn angekommen. „Hier sind die Preise nicht verfallen, aber man kann von einer Stagnation sprechen.“

Der Grund liegt auf der Hand: Immobilien in den Regionen, in denen die Bevölkerung abnimmt, können nicht vom derzeitigen Boom profitieren. Aufgrund der Landflucht, des Geburtenrückgangs und dem damit einhergehenden Verlust an Infrastruktur wird dort weniger Wohnraum gebraucht. Daher sind Objekte dort für Kapitalanleger nicht interessant. Die Immobilienexperten schließen aber nicht aus, dass der Boom irgendwann die ländlichen Regionen erreicht. Dann, wenn die Preise in den Mittelzentren so teuer sind, dass es sich wieder lohnt, in ein Haus auf dem Land zu investieren. Derzeit tut dies nur, wer sich dort heimatlich verbunden fühlt.

Die Immobilienexperten warnen aber vor Verallgemeinerungen. Jede Immobilie müsse für die Wertermittlungen gesondert betrachtet werden, denn der Wert eines Hauses sei immer „objektbezogen“. Wenn ein Haus etwas Besonderes hat, kann es auch bei einem Standort abseits der boomenden Orte begehrt sein.

Was bringt die Zukunft? Ist es nach wie vor eine gute Idee, in Immobilien zu investieren? Eine Immobilie gilt immer noch als sehr gute Geldanlage, wenn die wichtigsten Kriterien stimmen. Diese sind – so lautet eine alte Weisheit der Häuslebauer – die Lage, die Lage und nochmals die Lage.

Das einzige, was da eine Gemeinde tun kann, ist die Lage beziehungsweise das Umfeld zu verbessern. Das weiß auch Bürgermeister Küber und sein Kämmerer Wiegand. Sie hoffen auf eine Aufbruchstimmung, von der die gesamte Stadt profitiert, wenn 2019 die Umgehungsstraße endlich fertig ist – eine Aufbruchstimmung, die auch von Privatleuten getragen wird. Es gibt schon Pläne für die Ortsgestaltung. Die viel zu kleinen Bürgersteige werden größer, es soll wohnlicher werden in der Ortsmitte. Küber hofft, dass sich die Rienecker davon inspirieren lassen, auch selbst wieder in ihre Häuser zu investieren.

Im Idealfall strahlt dies auf die gesamte Stadt aus. Vor knapp 15 Jahren hat die Kommune das Bebauungsgebiet Schneckenweg II mit 28 Baugrundstücken ausgewiesen. Erst zehn Baugrundstücke wurden verkauft, obwohl der Quadratmeterpreis mit 54 Euro günstig ist. Zudem gibt es zehn Prozent Familienermäßigung für jedes Kind. „Verkauft wurde in den letzten Jahren trotzdem kein Grundstück“, sagt Wiegand. Er hofft, dass sich das ändert, wenn die Stadt mit der Umgehungsstraße an Attraktivität gewinnt.

-> Den Immobilienmarkt in Unterfranken beleuchtet ein Bericht Seite 9 (Franken).
Es ist eng in der Ortsdurchfahrt in Rieneck. An vielen Stellen in der Hauptstraße kommen Lastwagen nicht aneinander vorb... Foto: Klaus Gimmler

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