KARLSTADT

Makabere Texte zu schönen Melodien

„Kultur-Häppli“ mit Kreisler-Liedern: Kabarettistische Lieder von Georg Kreisler interpretierte Silvia Kirchhof im Theater in der Gerbergasse, am Piano begleitet von Achim Hofmann. Foto: Josef Riedmann

Mit Liedern von Georg Kreisler amüsierte und schockierte das Duo „Café Sehnsucht“ mit Silvia Kirchhof und Achim Hofmann die Besucher im Theater in der Gerbergasse. Die Nachtvorstellung war ein gelungenes Betthupferl zu den „Karlstadter Kultur-Häppli“.

Gleich zu Beginn gab das Chanson-Duo das wohl bekannteste Beispiel für die Kunst Georg Kreislers. Ein eingängiges Frühlingslied im beschwingten Dreivierteltakt lud die Zuhörer ein: „Geh'n ma Tauben vergiften im Park“. Die Kreislersche Realität ist nichts für zarte Seelen: Idyllen vergiften ist seine Spezialität. Zynisch, skurril, makaber, verrückt sind die Texte seiner Chansons, gekleidet in schöne, einschmeichelnde Melodien.

Georg Kreisler wurde 1922 in Wien als Sohn einer jüdisch österreichischen Familie geboren. Auf dem Gymnasium lernte er Klavier, Geige und Musiktheorie. 1938 emigrierte die Familie in die USA. Während des Krieges war Kreisler, seit 1943 amerikanischer Staatsbürger, für die Truppenbetreuung der Invasionssoldaten und später als Dolmetscher im besetzten Deutschland eingesetzt. Nach dem Krieg versuchte Kreisler wenig erfolgreich im amerikanischen Filmgeschäft Fuß zu fassen.

Barsänger in New York

In New York war er als Barsänger tätig. Erste morbid-makabre Songs in englischer Sprache kamen damals als „unamerikanisch“ beim Publikum nicht an. 1955 kehrte er nach Wien zurück und kam mit der dortigen Künstlerszene in Berührung. In der Marietta-Bar in Wien trat er erstmals mit deutschsprachigen Chansons auf und wurde zeitweise Mitglied des „Namenlosen Ensembles“ um Helmut Qualtinger. In den folgenden Jahren trat er, zeitweise auch gemeinsam mit seinen Ehefrauen Topsy Küppers und Barbara Peters, in München, Berlin und Basel auf und lebte zuletzt bei Salzburg, wo er 2011 98-jährig verstarb.

Kreisler schuf Liederzyklen, die er als seltsame Liebeslieder bezeichnete. Hieraus interpretierten die Sängerin Silvia Kirchhof mit ihrer außergewöhnlichen dunklen Alt-Stimme „Das Mädchen mit den drei blauen Augen“, das schlagerhafte Lied von der imaginären Freundin „Barbara“ oder das kreuzworträtselnde Mädchen, das die Lösung auf „Das Rätsel Mann“ nicht findet. Am Piano wurde sie begleitet von Achim Hofmann. Das Künstlerpaar aus Gerolzhofen bietet unter dem Slogan „Café Sehnsucht“ diverse Programme an mit Schwerpunktthemen aus der Welt der Chansons des 20. Jahrhunderts.

Hinter schnulzigen Titeln wie „Mütterlein“, in dem eine Tochter der Mutter für ihre Erziehung zur Einbrecherin dankt, verbirgt sich der hintergründige, rabenschwarzer Humor Kreislers. Das Lied über die Freundschaft vom „guaden alten Franz“ ist eine makabere Parodie auf das sentimentale schmalzige Wiener Lied. Auch die Seemannsschlager der 60-er Jahre bekommen in „Der Weihnachtsmann auf der Reeperbahn“ ihr Fett weg.

Von einem gerichtsmedizinischen Institut hatte sich Kreisler den Wert des Menschen nach seinen Bestandteilen analysieren lassen und kam auf exakt sieben Euro, worüber er in seinem gleichnamigen Lied sinniert. Aus dem Liederzyklus nichtarische Arien stammt das Lied, in dem ein jüdischer Familienvater die unpassende Berufswahl des Sohnes als „Der General“ beklagt. Beißende Kritik Kreislers an der Gesellschaft und der Politik kommt in dem Lied „Was für ein Ticker ist der PoliTicker?“ zum Ausdruck.

Eindrucksvolle Darbietung

Kirchhof verstand es, die Lieder und bissigen Texte mal charmant oder frivol, mal kokett oder melodramatisch vorzutragen. Ihre Stimme erlaubte es, die Lieder in Original-Tonlage zu interpretieren. Auch mit Mimik und Gestik und den wenigen Bühnenutensilien unterstrich sie eindrucksvoll ihre Darbietung.

Achim Hofmann am Klavier hatte nicht nur den Part des Begleiters am Klavier inne, er gab auch einen Einblick in das Leben und Werk Kreislers und ließ einige Anekdoten mit einfließen. Sein Klavierspiel gab der Interpretation Kirchhofs den nötigen Biss.

Ihr schauspielerisches Talent und ihr musikalisches Können bewies Kirchhof nochmals mit der Zugabe Telefonbuchpolka, in der ein tschechischer Hausmeister in Wien alle seine Freunde im Telefonbuch unter dem Buchstaben V findet: „Vondrac, Vortel, Viblaschil...“. Mit dem Eingangsstück „Tauben vergiften“, gemeinsam gesungen, entließen die Interpreten die zahlreichen gut gelaunten Theaterbesucher.

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