Lohr

Mauro Prantl malt sich mit Himmelblau in sein drittes Leben

Bei seiner Mutter verbrachte er nur zwei Jahre. Dann wurde er adoptiert. Nach depressiven Jahren strebt Mauro Prantl nun ein normales Leben an. Die Kunst hilft ihm dabei.
Immer wieder blickt Mauro Prantl zurück auf seine ersten beiden Lebensjahre, an denen er bis heute zu knabbern hat.   Foto: Roland Pleier

Wenn er da so sitzt, auf dem brauen Plastikstuhl vor dem Haus mit der Nummer 8, die Beine übereinander geschlagen, mit seinen Initialen MP auf der schwarzen Trainingshose, in der einen Hand eine Flasche Bier, zwischen den Fingern der anderen eine Kippe, in den hellblauen Abendhimmel sinnierend, dann könnte man meinen: Dieser Mann ruht in sich, ist eins mit sich und der Welt, genießt das Leben. Doch Mauro Prantl widerspricht: "Das wirkt nur äußerlich so." Tief in ihm drin sehe es ganz anders aus.

Ein klares Ziel vor Augen

Doch Prantl, 36 Jahre alt, kehrt sein Innerstes nach außen. Ohne falsche Scham und Scheu erzählt er seine Geschichte, spricht er über die Knackpunkte seines Lebens, redet er über seine Bilder, mit denen er nächste Woche erstmals an die Öffentlichkeit geht. Denn Prantl ist ein Mensch, der nach einigen Krisen in seiner Biografie ins Leben zurück will, ins ganz normale Leben, in ein Leben mit Freundin und einem Job, mit dem er seinen Unterhalt und die Miete für seine Wohnung bezahlen kann. "Mein Ziel ist ganz klar, wieder Geld zu verdienen."

So wie er es getan hat, als er Mediengestalter in einer Kitzinger Druckerei gelernt und insgesamt sieben Jahre dort gearbeitet hat. Doch "spätestens da" sei ihm seine Problematik deutlich geworden, sagt er. Das Bewusstsein, dass er zwei Leben und das erste davon noch nicht aufgearbeitet hat.

Es begann mit seiner Geburt 1983 im hessischen Friedberg, als jüngstes von neun Kindern. Seine Mutter, eine professionelle Fotografin, müsse wohl "eine  abgefahrene Person" gewesen sein, aus wohlhabenden Elternhaus ausgebrochen und "hippiemäßig unterwegs" auf Demos in der ganzen Welt, um diese zu verbessern. "Sie muss ein unfassbar interessanter Mensch gewesen sein", sagt Mauro Prantl. 

"Sie muss ein unfassbar interessanter Mensch gewesen sein."
Was Mauro Prantl über seine Mutter, an die er keine persönlichen Erinnerungen mehr hat, erfahren hat.

Das alles aber hat er sich nur erzählen lassen. Denn bewusst hat er keine Erinnerung mehr an sie. Als er zweieinhalb Jahre alt war, sei sie von einem Laster überfahren worden. Ob ein Unglück oder ein gelungener Suizidversuch, das weiß keiner. Mauro Prantl weiß nur, dass sie wohl als junge Frau vergewaltigt worden und deshalb depressiv war, ein Jahr lang kein Wort gesprochen haben. "Sie war keine zuverlässige Mutter, hatte zu sehr mit sich zu tun", so sein Eindruck. Einmal habe sie ihn im Kinderwagen in einer Waldhütte abgestellt und so lange alleine dort gelassen, dass er als Baby reanimiert werden musste. "Sehr unbeständig" sei sie wohl gewesen.

Mauro Prantl und das Kulturamt Lohr veranstalten eine Ausstellung "Blau" vom 9. bis 11. September in der Alten Turnhalle Lohr. Foto: Mauro Prantl

Weshalb der kleine Mauro mit zwei Jahren an eine Pflegefamilie in Mainbernheim abgegeben wurde. Denn der Vater, den seine Mutter wohl erst kurz gekannt hatte, habe sich ins Ausland abgesetzt, hat Mauro erfahren. Mit der Adoption begann Leben Nummer zwei – das des Mauro Prantl, der Mittlere Reife machte und der "schon immer gut Tennis spielen und gut Malen konnte".  Das Leben jenes Mauro Prantl, der sich als Kind irgendwie geschämt hat, dass er adoptiert war, "weil ich ja anders war"; der als junger Mann anfing, sich mit seiner leiblichen Familie zu befassen, in Depressionen verfiel und in eine große Lebenskrise mit Zwangsgedanken geriet. "In den ersten drei Jahren muss ziemlich viel kaputt gegangen sein", meint er.  

"In den ersten drei Jahren muss ziemlich viel kaputt gegangen sein."
Mauro Prantl über sein Leben

Er lernte diverse Kliniken von innen kennen. "Das hat mir alles gut getan", sagt er. Ebenso wie seine Zeit im Reha-Zentrum Haus St. Michael in Neustadt 2014/14, das ein Jahr später nach Würzburg umzog. Dann räumte er drei Jahre lang Regale in einem Einzelhandelsgeschäft in Lohr ein – "eine miese Zeit", sagt er. "Es ging wieder bergab." Auch die neun Monate im Bezirkskrankenhaus taten ihm nicht gut, hier dachte er, der "an sich optimistische Mensch", erstmals sogar an Suizid. 

Entspannter ohne Titel

Mauro Prantl und das Kulturamt lohr veranstalten eine Ausstellung "Blau" vom 9. bis 11. September in der Alten Turnhalle Lohr Foto: Mauro Prantl

"Doch jetzt geht's wieder in die andere Richtung." Eine ambulante Therapie bei einer Psychologin, sein Sport (Prantl ist Libero der zweiten Mannschaft der SG Rodenbach/Neustadt/Erlach) und die Kunst – das ist der Dreiklang, der jetzt sein Leben bestimmt, der ihm Halt gibt. "Malen tue ich eigentlich schon immer", erzählt er, tendenziell eher, wenn es ihm schlecht ging. Dafür nimmt er alles, "was ich so in die Finger krieg": Buntstifte, Edding, Öl- und Wasserfarben, Kuli. Titel gibt er seinen Werken, von denen ab Montag zwei Dutzend in der Alten Turnhalle zu sehen sind, keine. "Ich find's ohne Titel entspannter", sagt er. "Dann kann sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen." 

Warum die Farbe Blau?

Dass die meisten Bilder eher düsteren Charakter haben, hat mit der Biografie ihres Schöpfers zu tun. Noch ein drittes haben sie gemeinsam: einen blauen, hellblauen, himmelblauen Lichtpunkt. "Das Blau bricht düstere Dinge auf", sagt der Mann auf dem Weg zurück ins normale, frei bestimmte Leben von dem er sich noch weit entfernt sieht, in sein drittes Leben. "Das Malen hilft mir dabei."

Schlagworte

  • Lohr
  • Mainbernheim
  • Roland Pleier
  • Adoption
  • Ambulanz
  • Kinder und Jugendliche
  • Krisen
  • Lebenskrisen
  • Mütter
  • Pflegefamilien
  • Rehabilitationskliniken
  • Säuglinge und Kleinkinder
  • Vergewaltigung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!