Karlstadt

Merkleins Bilder: Luther streitet mit Kant und Nietzsche

Wolfgang Merklein, zeitgenössischer Maler, stellt in Nürnberg seine Bilder der Reihe "Imaginäre Gespräche" aus. Foto: Wolfgang Merklein

Vor einigen Jahren hörte der Karlstadter Künstler Wolfgang Merklein im Radio die Nachricht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige amerikanische Präsident Barack Obama sich in Paris am Rande eines internationalen Gipfels zu einem vertraulichen Gespräch getroffen hatten. Weiter hieß es in den französischen Medien, dass dies dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy gar nicht gefallen hat, denn er  fühlte sich ausgeschlossen. In Merkleins Kopf entstand daraufhin ein Bild eines konspirativen Treffens der beiden mächtigen Politiker im bekannten Pariser Café de Flore, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Treffpunkt der Interlektuellen, Künstler und Existenzialisten war. Dies hat er dann gemalt.

"Existenzielles und ein Hauch von Konspiration" - so nennt Wolfgang Merklein sein Bild vom Treffen von Merkel und Obama ... Foto: Wolfgang Merklein

Merkel und Obama sitzen am Tisch angeregt ins Gespräch vertieft. Sie nehmen gar nicht wahr, dass Sartre, immer Pfeife rauchend, auch anwesend ist. Er hat hier seinen Arbeitsplatz. An einen anderen Tisch sitzt Simone de Beauvoir, die sich für die gleichen Rechte von Mann und Frau einsetzt. Auch ein Vordenker der malerisch-künstlerischen Rebellion ist im Raum. Er sitzt hinten alleine an einem Tisch vor einer Tasse Kaffee. Picasso entwickelt in Paris den analytischen Kubismus.

Promis, die zu verschiedenen Zeiten lebten

Für Merklein war dies das erste Bild einer Reihe, die er "Imaginäre Gespräche" nennt. Das Gespräch zwischen Obama und Merkel hat es damals in Paris gegeben, aber die weiteren hinzugefügten Personen konnten natürlich nicht anwesend sein, denn sie haben in einer anderen Zeit gelebt. Sie sind körperlich dort, aber eigentlich sind es ihre Gedanken und Ideen, die in die Zukunft wirken und von denen auch die politischen Führer dieser Welt beeinflusst sein können. In diesem Stil hat Merklein 15 weitere Bilder gemalt. Diese und noch weitere Gemälde sind derzeit in der Nikodemuskirche in Nürnberg bis 31. Januar 2020 ausgestellt.

Einst Kunstlehrer, jetzt Maler: Was er macht

Wolfgang Merklein hat als Kunstlehrer am Johann-Schöner-Gymnasium Generationen von Schülern in Kunst unterrichtet, mittlerweile ist er pensioniert. Studiert hat er an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg und an der Universität Erlangen. Merklein beschreibt sich als gegenständlich figurativer Maler. Er bilde die Wirklichkeit wie Personen, Landschaften oder Objekte entsprechend seiner sinnlichen Wahrnehmung ab. Dies unterscheidet seine Werke von abstrakter Kunst. Gemalt hat er mit allen Materialien, vorwiegend mit Bleistift, Tusche, Öl und Aquarell. Die Bilderreihe "Imaginäre Gespräche" sind in Acryl auf Leinwand gemalt.

Naturrecht und Weltethos: Von links Kant, Nietzsche und Rousseau, mit dem Rücken zum Betrachter sitzt Martin Luther.   Foto: Wolfgang Merklein

Warum trifft der Mensch auch falsche Entscheidungen?

Eines von Merkleins Lieblingsbilder dieser Reihe hat den Titel "Naturrecht und Weltethos". Martin Luther, den man nur von hinten sieht, diskutiert mit Nietzsche, Kant und Rousseau über den Geist der Reformation und der Aufklärung. Allen ist die Frage wichtig: Warum trifft der Mensch auch falsche Entscheidungen, obwohl es ihm nicht an klarem Verstand mangelt? Für Rousseau ist dies eine zwangläufige Folge der Entwicklung des Individuums vom Naturzustand in die zivilisatorische Gesellschaft. Kant setzt dieser These seinen "Kategorischen Imperativ" entgegen. Trotzdem flammen Kriege auf, breiten sich tödliche Epidemien aus, erleiden unschuldige Kinder den Hungertod und ist Martin Luther King als Tischdekoration ist.

Vision von Freiheit und Befreiung: Martin Luther King und Nelson Mandela diskutieren miteinander.  Foto: Wolfgang Merklein

Ein weiteres Bild zeigt Martin Luther King und Nelson Mandela, die engagiert über ihren Begriff von Freiheit und ihren Weg zur Befreiung diskutieren. Hätten sie sich verstanden? Beide bewundern Gandhi, der ohne Waffen und Gewalt für den Frieden seiner Landsleute kämpft. Schemenhaft stehen im Hintergrund des Bildes unter anderem in Ketten die Führer des Stamms der Maji, die gegen die deutsche Besatzung in Deutsch-Ostafrika aufbegehren und dafür mit dem Leben zahlen.

Ontologie des Seins: Gespräche über den Sinn des Lebens mit von links Albert Camus, Martin Heidegger und Michel Houllebe... Foto: Wolfgang Merklein

Wo auch ein Glas Rotwein nicht weiterhilft

Merklein wagt sich auch an philosophische Themen heran. Vor dem Bild der Toteninsel, eine bildhafte Umsetzung von Melancholie und Weltschmerz von Arnold Böcklin, fragt Martin Heidegger nach dem Sinn von Sein. Auch ein Glas Rotwein, das er mit seinen beiden Tischgenossen Michel Houllebecq und Albert Camus trinkt, bringt sie der Antwort nicht näher. 

Verlorene Söhne der Literatur: Mit von links Thomas Mann und dem jungen Marcel Reich-Ranicki. Foto: Wolfgang Merklein

Marcel Reich-Ranicki und Thomas Mann haben sich nie getroffen, beide verbindet jedoch die Liebe zur deutschen Literatur, die auch ihr Schicksal bestimmt hat. Dies hat Merklein zum Bild "Verlorene Söhne der Literatur" animiert. Reich-Ranicki ist als Kind einer jüdischen polnischen Familie bei Verwandten in Berlin aufgewachsen. Thomas Mann, verheiratet mit einer Halbjüdin, musste Deutschland in der Nazizeit verlassen,  sieht sich jedoch zeitlebens als „deutscher Goethe“.

Orchestrierung der Götterdämmerung: Von links Heinrich Heine, Arthur Schopenhauer und Richard Wagner. Foto: Wolfgang Merklein

Heinrich Heine und Arthur Schopenhauer können Richard Wagner nicht verstehen, denn wie kaum ein anderer Künstler hat Wagner polarisiert. Dies zeigt ein weiteres Bild aus Merkleins Reihe. Wagners Weltbild, in dem sich künstlerische und völkisch- deutsche Ambitionen vermischen, ist geprägt von einer Sehnsucht nach Aufbruch, Umsturz und Revolution. 

Richard Wagner mit Pistole

Dem späteren Zugriff der Nationalsozialisten auf sein Werk kann er sich nicht entziehen. Die Erkenntnis des humanistischen Handelns manifestiert sich im Tempel der Klassik. Die giftige Schlange jedoch ist gegenwärtig. Heine blickt ängstlich auf das Geschehen. Wagners Hand berührt den Revolver, der auf der rieselnden Zeituhr liegt, darunter der Judenstern.

Spiritualität und Kunstsinn: Der Dalai Lama und Joseph Beuys unterhalten sich.  Foto: Wolfgang Merklein

Wo sich Joseph Beuys und der Dalai Lama begegnen

Im Oktober 1982 treffen sich Joseph Beuys und der Dalai Lama. Es gibt jedoch keine Bilder und keine Aufzeichnungen vom Treffen in Bonn. Merklein hat daher eines gemalt, wie er sich das Treffen vorstellt. Die Idee war, Kunst, Wissenschaft und Spiritualität in einem Austausch mit der Wirtschaft zusammenzubringen, ein Treffen zu arrangieren, wo sich Künstler, Wissenschaftler, Philosophen und Wirtschaftsführer im Dialog zusammenfinden. Joseph Beuys ist zunächst enthusiastisch, jedoch später darauf angesprochen, meint er: „Das Treffen war nicht zielführend.“.

Spekulation im Abseits: Warren Buffet und Jeff Koons beim Verhandeln.  Foto: Wolfgang Merklein

Kunst als Spekulationsobjekt der Reichsten 

Warren Buffet und Jeff Koons treffen sich in New York, um über einen Deal zu sprechen. Ob es den beiden um die große Kunst geht? Sicherlich jedoch ums große Geld. Das Treffen lässt Merklein auf einem Autoschrottplatz stattfinden und nicht in einem Luxushotel, wo es sich wahrscheinlich zugetragen hat. Kunst wird zum Spekulationsobjekt der reichsten Leute der Welt. Das spiegelt die absurde Verteilung der Güter wider.

Wo die Bilder zu sehen sind

Die Ausstellung in Nürnberg kann immer sonntags nach den Gottesdiensten (Beginn in der Regel um 9.30 Uhr) bis Ende Januar 2020 besichtigt werden. Zur Bilderreihe "Imaginäre Gespräche" sind noch Arbeiten aus der Reihe "Vergangene Bildwelten" zu sehen. Es können für Gruppen auch zusätzliche Termine über das Pfarramt vereinbart werden.

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