Gemünden

Mietnomaden: Wie Herr Reuß zum „Wutbürger von Gemünden“ wurde

Walter Reuß aus Gemünden "wütet" auf Facebook gegen den angeblichen "Unrechtsstaat" Deutschland. Auslöser war ein ersteigertes Haus mit Mietern, die nicht ausziehen wollten.
Walter Reuß vor seinem Haus in Gemünden, das sein Leben zerstört habe.
Walter Reuß vor seinem Haus in Gemünden, das sein Leben zerstört habe. Foto: Björn Kohlhepp

Er sei in Gemünden auf der Straße schon von ihm wildfremden Menschen angesprochen worden: "Sie sind doch der Wutbürger von Gemünden." Als Wutbürger bezeichnet sich Walter Reuß (67) auch selbst. Auf Facebook macht er seit ein paar Jahren seiner Wut über den vermeintlichen "Unrechtsstaat" Deutschland in langen Pamphleten Luft – "wütet" dort, wie er sagt. Die Wut hat sich daran entzündet, dass Mietnomaden von deutschen Gesetzen und der Justiz aus seiner Sicht ermöglicht werde, Mietern auf der Nase herumzutanzen. Wütend ist er vor allem auf die Amtsgerichte Gemünden und Würzburg.

Alles hat damit angefangen, dass der ursprünglich aus Langenprozelten stammende Walter Reuß, geborener Ruppert, im Internet auf ein zum Verkauf stehendes Haus in Gemünden stieß. Das Haus, Baujahr 1955, kannte er: Hier hatte sein früherer Hausarzt seine Praxis. Er und seine Frau wollten Geld investieren. 169 000 Euro waren ihm aber viel zu teuer. Irgendwann wurde der Preis gesenkt, aber als er anfragte, hieß es, das Haus werde zwangsversteigert. Beim Versteigerungstermin im Dezember 2015 am Amtsgericht Würzburg war er der einzige Interessent. Er schlug zu. "Es war wirklich ein Schnäppchen", sagt er, "aber ich als Person bin total kaputt."

Der Gemündener ersteigerte ein Haus, in dem "Mietnomaden" wohnten

Was er nicht wusste und was ihm vorher angeblich weder die Insolvenz- und Zwangsverwalterin, mit der vorab telefoniert hatte, noch das Amtsgericht Würzburg gesagt habe: Die Mieter im Dachgeschoss, die er als "Mietnomaden" bezeichnet, zahlten keine Miete. Obwohl das Haus zur Zwangsversteigerung stand, habe das Amtsgericht Gemünden im Juni 2015 den Vollzug der Räumung in einen Vergleich zwischen der Insolvenzverwalterin und den Mietern umgewandelt. Laut Urteil des Amtsgerichts kam es dazu, weil die Mieter mit ihren Kindern noch keine Ersatzwohnung hatten. Sie durften bleiben, sollten aber Mieten nach- und künftig regelmäßig bezahlen, ansonsten müssten sie ausziehen. Reuß habe von der Sache erst nach der Ersteigerung erfahren. "Da wäre ich ja Selbstmörder gewesen, wenn ich dann noch an der Versteigerung teilgenommen hätte."

Jürgen Reiher, Sprecher des für Zwangsversteigerungen zuständigen Amtsgerichts Würzburg, kann anhand der Aktenlage nicht mehr genau nachvollziehen, was dem Interessenten Reuß beim Versteigerungstermin mitgeteilt wurde. Der Schlussbericht der Zwangsverwalterin sei dem Interessenten beim Versteigerungstermin in Auszügen bekannt gegeben worden, ist vermerkt. Reuß hingegen erklärt: "Da wurde nix gesagt." In dem Bericht, den das Gericht nach zwei Jahren vernichtet hat, müsste laut Richter Reiher gestanden haben, dass es eine Räumungsklage und einen Vergleich gegeben hat und dass keine Miete gezahlt wird. Die Zwangsverwalterin, eine Würzburger Anwältin, sagt auf Anfrage, dass sie solche Dinge generell in den Schlussbericht schreibe, so habe sie es auch in diesem Fall gehalten.

Der vorherige Eigentümer, der eine weitere Wohnung im Haus selbst bewohnte, zog Ende Dezember 2015 aus. Es sei eine schöne, renovierte Wohnung gewesen, aber als Reuß sie nun betreten habe, sei sie teilweise zerstört gewesen. Er verdächtigt die Lebensgefährtin des Eigentümers. Über 60 Steckdosen und Schalter sowie Teppichböden und Granitfliesen seien herausgerissen gewesen. Reuß spricht von weiteren Sachbeschädigungen. Den Schaden hat er auf 15 000 Euro schätzen lassen. Die Anzeige gegen den Voreigentümer und seine Lebensgefährtin wurde im Juni 2016 eingestellt. Reuß hatte keine Beweise, wie der Zustand vorher war.

Gerichtsvollzieherin teilte ihm mit, dass er eine neue Räumungsklage anstrengen müsse

Im Februar 2016 erfuhr Reuß von der Gerichtsvollzieherin, dass der abgeschlossene Vergleich nicht für ihn gelte und er angeblich eine neue Räumungsklage gegen die Mieter im Dachgeschoss, eine sechsköpfige Familie, anstrengen müsse – und das könne zwei Jahre dauern. Daraufhin habe er eine schlaflose Nacht gehabt. Morgens um fünf habe er, obwohl er selten Alkohol trinke, etwas Schnaps und dann Likör getrunken, um Brustschmerzen zu dämpfen und zur Ruhe zu finden. Aber durch den Alkohol hat sich etwas in ihm Bahn gebrochen. Er begann zunächst mit sich selbst zu reden und wurde dann immer lauter und lauter. Jetzt schimpfte er gegen den "Unrechtsstaat Deutschland", war wütend auf Justiz und Polizei, die ihm vermeintlich nicht halfen.

Sein Nebenbuhler, der es schon länger auf seine wohlhabende zweite Ehefrau abgesehen habe und in der Wohnung darunter wohnte, rief die Polizei. Damals wohnte Reuß bei Würzburg. Vor den Augen der Nachbarn sei er im Schlafanzug ins Polizeiauto geführt und dort herumgestoßen und getreten worden. Er habe aufgeplatzte Lippen und große Hämatome an den Oberschenkeln davongetragen. Nach einer 14-seitigen Beschwerde an die Polizei sei es zu einer Untersuchung gekommen, aber die Sache sei mangels Beweisen eingestellt worden.

Frau weg, Mietnomaden im Haus, Wohnung zerstört

An jenem Morgen kam er nach kurzer Zeit in der Ausnüchterungszelle für drei Tage ins Bezirkskrankenhaus Lohr. Obwohl er nach zehnjähriger glücklicher Beziehung seine zweite Frau fünfeinhalb Monate davor geehelicht hatte, hielt die Ehe nun keine zwei Monate mehr. Jetzt stand der pensionierte Bahnbeamte ohne Frau da, hatte Mietnomaden im Haus und eine zerstörte Wohnung. Er selbst zog in die Einliegerwohnung des Hauses in Gemünden. Im März 2016 habe er plötzlich doch einen Räumungstitel bekommen.

Schon im Dezember hatte er den Mietern, die nach Information der Redaktion auch in ihrer vorherigen Wohnung offenbar keine guten Mieter waren, mit einer zweimonatigen Frist gekündigt. Laut deren Anwalt seien diese auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung gewesen, weswegen sie noch nicht haben ausziehen können. Um ihn zu ärgern, hätten sie die Toilettenspülung so manipuliert, dass sie immer laufe, erzählt Reuß. Weil ihnen von der EVG der Strom abgestellt wurde, hätten sie bei ihm Strom abgezapft. Erst im Juli 2016 hätten sie die Wohnung verlassen.

Als die Mieter auszogen, fiel Reuß aus allen Wolken

Aber Reuß fiel aus allen Wolken: "Die haben vorher alles zerstört." Türen, Heizkörper, Fenster und Bodenbeläge seien zum Teil vorsätzlich beschädigt worden. Auf die Teppichböden und in andere Ecken der Wohnung sei offenbar uriniert worden. Es habe ekelhaft gestunken. Er zeigt Bilder vom Teppichboden und Wänden mit dunkelgelben Flecken. Der Abfluss der Spüle sei in der Wand zubetoniert gewesen. Laut Kostenvoranschlägen habe der Schaden in der Wohnung 16 000 Euro betragen. Der vorherige Mieter habe bei einer Besichtigung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Reuß strengte eine Schadensersatzklage an. Die Schäden an der Wohnung wurden nicht anerkannt, aber 2860 Euro sollten die ehemaligen Mieter aufgrund rückständiger Mieten zahlen. Von dem Geld habe er nie etwas gesehen, stattdessen musste er 5800 Euro an Prozesskosten und Kosten für den Anwalt der Mieter zahlen. Die ehemaligen Mieter, die in ihrer neuen Wohnung aber offenbar anstandslos ihre Miete zahlen, seien vor dem Gericht provokativ grinsend an ihm vorbeigegangen. Er habe nicht mehr schlafen können, sei fix und fertig gewesen. Um Kosten für Zähler zu sparen, machte er aus dem Mehrfamilien- ein Einfamilienhaus. Die zerstörten Wohnungen ließ er brach liegen.

Weiterer Mieter zahlte auch keine Miete

Als er ab 2017 500 Euro monatlich Versorgungsausgleich an seine erste Frau zahlen musste, war er am Existenzminimum. Also raffte er sich auf und richtete zunächst die untere Wohnung wieder her. Im Februar 2018 dann kam ein neuer Mieter mit seiner Freundin. Dreimal habe dieser keine Miete gezahlt. Als er von sich aus kündigte und jetzt im Dezember auszog, sei die Freundin zurückgeblieben. Obwohl die keinen Mietvertrag habe und auch wieder der Strom abgestellt sei, wohne sie weiterhin dort. Einfach hinauswerfen könne er sie nicht.

"Ich bin am Ende, ich habe fast keine Lust mehr zu leben", sagt Walter Reuß. Vorher sei sein Leben ganz normal gewesen, er sei auch nicht aufbrausend gewesen. Da sei Facebook für ihn wie ein Ventil. "Du kriegst es von der Seele." Sein Traum wäre, dass die mutmaßliche Mietnomadin ausziehen müsse und er ordentliche Mieter bekomme – so wie in der Dachgeschosswohnung, die er mit Hilfe neuer Mieter, die ordentlich ihre Miete zahlten, wieder hergerichtet habe.

Was ein Vermieter gegen Mietnomaden tun kann
Der Gemündener Rechtsanwalt Bernhard Schneider sagt zum Thema Mietnomaden: "Am gescheitesten ist es, wenn man die erst gar nicht rein lässt." Denn bei Mietnomaden hätten schon manche ihr Eigentum verflucht, sagt er. Bis man sie loswerde, könne es richtig teuer werden.
Das einfachste sei, die Mieter vorher zu fragen, wo sie bislang gewohnt haben, warum sie dort ausziehen und ob sie eine Bescheinigung des bisherigen Vermieters vorlegen können, dass alles in Ordnung war. "Man muss sich ja wundern bei manchen Leuten, dass die heute noch eine Wohnung finden." Aber manche Vermieter seien offenbar völlig ahnungslos und glaubten noch an das Gute in der Welt, so Schneider. Wenn ein möglicher Mieter besonders freundlich sei, dann wäre er erst recht vorsichtig, zeige ihm die Erfahrung.
Einem Mietnomaden den Zugang zur Wohnung verwehren dürfe man nicht. Auch ein Betretungsrecht der Wohnung habe der Vermieter nicht, einfach als Vermieter mit einem Ersatzschlüssel hineinzugehen sei Hausfriedensbruch. Wenn ein Mieter mit zwei Monatsmieten in Verzug ist, könne fristlos gekündigt werden. Wenn der Mieter die Wohnung dann nicht verlasse, sei das normale Vorgehen eine Räumungsklage. Der Anwalt rät, nicht nur gegen den zu klagen, der im Mietvertrag steht, sondern gegebenenfalls auch gegen andere, die in der Wohnung leben, etwa die Lebensgefährtin. Allerdings müsse der Kläger Gerichtsgebühren im Voraus bezahlen, damit das Gericht tätig wird. Auch der Anwalt koste.
Bis es zur Verhandlung und einem Räumungstitel kommt, mit dem man einen Gerichtsvollzieher mit der Zwangsräumung beauftragen kann, könne es aber lange dauern. Eine Räumungsfrist gebe es auch noch. Allerdings brauche ein Gerichtsvollzieher oft erst einen Vorschuss, wenn er etwa einen Raum anmieten muss für die Gegenstände aus der zu räumenden Wohnung. Gehe es in die zweite Instanz, seien mit Gerichtsvollzieherkosten schnell 10 000 Euro weg. Das Geld sähen Vermieter oft nicht wieder, weil von den Mietern nichts zu holen sei.
Der Gemündener Rechtsanwalt hält es in vielen Fällen für das Sinnvollste, dem Mieter einen Anreiz zu schaffen, aus der Wohnung auszuziehen, etwa durch einen Nachlass bei der Miete oder Hilfe beim Umzug. Schneider ist Fachanwalt für Familienrecht. Er mache zwar auch Mietrecht, aber bei kniffligen Fällen verweise er Mandanten an einen Fachanwalt für Mietrecht.

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